Der weiße Fetischmann
Zum 125. Geburtstag Albert Schweitzers am 14. Januar und zum 35. Todestag des Friedensnobelpreisträgers am 5. September 2000 ließ die Deutsche Grammophon den Schauspieler Klausjürgen Wussow aus den Büchern des elsässischen Geistlichen, Arztes und Organisten vorlesen. Die sonore Stimme Wussows, der mit der “Schwarzwaldklinik” im Fernsehen populär wurde, passt ausgezeichnet zu der getragenen Stimmung, die von Schweitzers “Afrikanischen Geschichten”, von “Zwischen Wasser und Urwald” sowie vom “Albert-Schweitzer-Lesebuch” ausgeht.
Chronologisch folgt der hier vorgelesene Text der Reise Schweitzers von Straßburg über Teneriffa und Dakar in Senegal nach Lambarene, wo der Arzt vor allem gegen die Lepra und die Schlafkrankheit seiner Patienten ankämpfte. Aus den Reiseschilderungen wird deutlich, dass es nicht fremde Landschaften und Gegenden waren, die Schweitzer reizten - er schildert die Meere aus Wasser und Wäldern als monoton -, sondern allein die beseelende Aufgabe, Menschen zu helfen. Sehr gut tritt dabei in diesen unkommentiert vorgestellten Texten Schweitzers die europäische Herablassung zu Tage, mit der die fremde Mentalität eines afrikanischen Volkes als skurril und infantil empfunden wird.
Gerade die zeitliche Distanz lässt es als wünschenswert erscheinen, eine solche Publikation als Forum zu nutzen, um auch mit kritischen Anmerkungen das Lebenswerk Schweitzers zu relativieren. Immerhin entstand diese Produktion in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin “Schauplatz Museum 1999″, so dass es hätte nahe liegen können, auch afrikanische Sichtweisen auf Schweitzer zu integrieren und von der eurozentristischen Position abzuweichen.
Aus einem rein akustisch orientierten Aspekt heraus ist “Der weiße Fetischmann” aber eine überaus gelungene CD. Das liegt, wie erwähnt, zum einen an der Wahl Wussows zum Sprecher, und zum anderen an der Trennung der einzelnen Kapitel durch Aufnahmen Bachscher Orgelwerke, die Schweitzer selbst spielte und mit denen er einst auf Tournee ging, um Spenden für sein Hospital zu sammeln. Schweitzer trägt hier einige der bekanntesten Werke von Johann Sebastian Bach vor, etwa Toccata und Fuge d-moll (BWV 565, 2 bis 5 und 9 bis 12), Fuge g-Moll (BWV 678, 6 und 7) sowie das Choralvorspiel “Liebster Jesu, wir sind hier” (BWV 731, 1 und 8). Damit ist diese CD mit einem weiteren Jubiläum, dem Bach-Jahr 2000, verknüpft.
Ob man sich also für den Theologen, den Arzt oder den Musikwissenschaftler Schweitzer interessiert - “Der weiße Fetischmann” bedient alle diese Bereiche.
Kritik geschrieben von Manfred Loimeier, BÄNG 2000 - Das kritische Magazin für Leute mit Horizont
Titel: Der weiße Fetischmann
Autor: Albert Schweitzer
Verlag: Deutsche Grammophon
Abgelegt unter Reisen und Freizeit
