Johann Sebastian Bach



Am 12.September 1950 hielt der Komponist Paul Hindemith zum 200.Todestag von Johann Sebastian Bach unter dem Titel “Ein verpflichtendes Erbe” in Hamburg eine Rede. Der Insel-Verlag war gut beraten, die Rede aus Anlass des diesjährigen Gedenktages neu herauszugeben. Hier wird Bach als Musiker beschrieben, der “in moderner Weise mit dem mittelalterlichen Künstlertyp brach” und “in sich den streng durchgebildeten Wissenschaftler und den freischweifenden Phantasten zu vereinigen” verstand. Doch zunächst beklagt Hindemith, dass Bach nach seinem Tod zum Denkmal geworden und uns der Blick für die wahre Gestalt des Menschen Bach und seines Werkes verstellt worden sei. Auch was die bisherigen Bach-Biographien zutage gefördert hätten, habe uns durchweg ein Standbild statt eines lebendigen Menschen gezeigt. Man habe Bach vielfach zum Märtyrer gestempelt, der sich für seine Kunst aufopferte, oder zu einem aufrechten Biedermann, der weder Falsch noch Furcht kannte, zu einem allumfassenden Weisen, der nicht nur täglich Wunder in seiner Kunst vollbrachte, sondern auch um die direktesten Zugänge zum Universum wusste und den Weltgeist sozusagen persönlich kannte. So sei er zu einer lebensfernen Gestalt im Schoßrock mit einer niemals abgelegten Perücke auf dem Kopf geworden. Mit all diesen Fabeln und Legenden räumt Hindemith auf. Er porträtiert den Komponisten als einen, trotz seiner Schwächen, liebenswerten Menschen aus Fleisch und Blut und streift auch kurz seine nicht immer ganz einfachen Familienverhältnisse, seine häuslichen Schwierigkeiten und Schicksalsschläge, die er im Laufe seines Lebens erdulden musste.

Der Autor geht ferner auf Bachs Tätigkeit als Erzieher und auf seine indifferente Haltung zu den theoretischen Hintergründen seiner Kunst ein. Bachs Musik habe sich in unser Gemüt eingenistet wie kaum ein anderes musikalisches Werk.

Doch in seinen letzten zehn Lebensjahren ist er erlahmt, als sei der Schatten der Melancholie über sein Schaffen gefallen. Wahrscheinlich musste er, vermutet Hindemith, nachdem er alles erreicht hatte, was er erreichen konnte, den Preis der Trauer dafür zahlen, alle früheren Unvollkommenheiten verloren zu haben und mit ihnen die Möglichkeiten weiteren Voranschreitens. Wir aber hätten mit Bachs Musik das Wertvollste geerbt, die Schau einer dem Menschen möglichen Vollkommenheit. “Ist es einer Musik gelungen, uns in unserem ganzen Wesen nach dem Edlen auszurichten, so hat sie das Beste getan. Hat ein Komponist seine Musik so weit bezwungen, dass sie dieses Beste tun konnte, so hat er das Höchste erreicht”, meint Hindemith und fügt hinzu: “Bach hat dieses Höchste erreicht.” (UH)

Titel: Johann Sebastian Bach
Autor: Paul Hindemith
Verlag: Insel Verlag
Seiten: 45
ISBN: 3458085750

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