Stierkampf
A.L. Kennedy beschließt, sich umzubringen. Sie hat Kummer, ist traurig und meint, dass sie nicht mehr schreiben könne.Ihre Wohnung ist ihr zu groß geworden. Sie braucht ja kein Arbeitszimmer mehr, und andere könnten mehr damit anfangen. Als sie eine unsägliche Melodie aus ihrer Schulzeit ,Mhairis Wedding, aus der Ferne herüberklingen hört, kann sie ihr Vorhaben zum Selbstmord nicht ausführen. Es kommt ihr unmöglich vor, mit so einer banalen Melodie im Ohr zu sterben.
So beginnt in schnellem Tempo, mit Witz, Sarkasmus und einer Portion distanzierender Ironie die Geschichte über Kennedys neuen Versuch, ein Buch zu schreiben. Sie bekommt den Auftrag, ein Buch über den Stierkampf zu schreiben. Sie will sich und anderen beweisen, dass sie noch schreiben kann. Und sie kann es !
Nicht wie Papa Hemingway geht sie das Thema an; nein, sie informiert erst einmal über die Bedeutung des Stiers in der Sagen- und Götterwelt. Und sie fährt nach Spanien, um sich in die Welt Spaniens einzustimmen. Ihr dichterisches Vorbild ist Federico Garcia Lorca, ein Dichter, Dramatiker und Märtyrer des spanischen Bürgerkriegs. Kennedys politisches Herz schlägt unverkennbar links.
Sie lernt den Begriff “duende” verstehen, womit das Dunkle, Untergründige in der Kunst genauso gemeint ist wie die Verehrung des Todes und der Toten. Von Lorca selbst wird dieses duende als typisch spanisch bezeichnet.
Der Stierkämpfer riskiert den Tod , um zu leben. Und Kennedy zieht eine Parallele zur Schriftstellerei mit diesem risikoreichen Lebensstil. Schreiben , um zu leben,–mehr noch, weil es dem leben Sinn gibt ,als weil man davon leben muss.
Dass Leben und Tod , Kampf , Sieg oder Niederlage , dicht beieinander liegen, das macht den Reiz des Stierkampfes aus und ist eine Parabel gleichsam auf das Leben. Sie beschreibt ausführlich, welche Rituale zum Kampf gehören, welche Bedeutung Glaube und Verzweiflung für den Ausgang des Kampfes haben können.
Rituale , die Gefühle ausdrücken, bestimmen den Ablauf des Stierkampfes. Glücksgefühle und in schneller Folge der Tod sind Bestandteile des Kampfes.
Nach den ersten so fesselnden Kapiteln fällt die Geschichte nach meiner Meinung insofern etwas ab, als die detailgenaue Beschreibung des Stierkampfes einen zu breiten Raum einnimmt.
Sowohl Aufzucht, Herkunft und Wesensart der verschiedenen Stierzuchtarten werden beschrieben ,als auch , durchaus sozialkritisch, Herkunft , Glamour, schnell verdientes Geld und Luxus der Toreros. Es gibt ausdauernde Schilderungen der Kämpfe selbst, die nach Meinung der Autorin zuweilen in unwürdige Schlachtereien ausarten.
So gliedert sich das Buch in drei Teile: einen persönlichen, der unverkennbar eine moderne Form von Pragmatismus, schwarzem Humor , Witz und unsentimentalem Ernst verspüren läßt. Einen mittleren Teil, in dem uns über Spanien und die Geschichte des Stierkampfes berichtet wird. Und in einem letzten Teil werden die visuellen Betrachtungen der Stierkämpfe beschrieben, die eigentlich nur für solche Leser bedeutsam sein können, die sich für den Mythos Stierkampf interessieren. Wobei diese realen Stierkämpfe mit den hässlichen Begleiterscheinungen der Tierquälerei nicht mehr den zuvor beschriebenen idealisierten, ästhetischen Vorstellungen von einem Stierkampf entsprechen.
Ohne Zweifel ist Kennedy eine hochsensibel beobachtende Berichterstatterin, die geistreich, mit tiefer Menschenkenntnis und mit unmittelbarer, selten klarer Einsicht und Ehrlichkeit über sich selbst und die Welt schreibt. Trotz der zuweilen nüchternen Distanz lassen ihre Gedanken Leidenschaft und mitmenschliche Hingabe erkennen.
Stierkampf ist ein bemerkenswertes Buch, das den Leser nachdenklich zurücklässt. (Claudine Borries)
Titel: Stierkampf
Autor: A.L.Kennedy
Verlag: Klaus Wagenbach Verlag
Seiten: 157
ISBN: 3 8031 3157 x
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