Witwe für ein Jahr
Auch fünf Jahre nach dem tragischen Unfalltod ihrer beiden Söhne kann Marion Cole ihre Trauer nicht überwinden. Als sie eines Tages alle Verbindungen zum Rest ihrer Familie abbricht und spurlos verschwindet, bleiben vor allem ihre nach dem Tod der beiden Jungen geborene Tochter Ruth, und Eddie, ihr dreiundzwanzig Jahre jüngerer Geliebter ratlos zurück.
Ruth wächst bei Ted, ihrem Vater, einem notorischen Schürzenjäger, auf und wird später zu einer gefeierten Schriftstellerin. Auch Eddie versucht sich als Autor, doch ist sein Erfolg nur gering.
Nach Jahren kreuzen sich Ruths und Eddies Wege erneut. Sie stellen fest, dass beide in all den Jahren nie das Interesse an der verschwunden Marion verloren haben. Ruth und Eddie haben in ihrem bisherigen Leben wenig Glück mit ihren Partnern gehabt, denn Eddie, der immer noch auf ältere Frauen steht, vergleicht jede neue Frau mit der Entschwundenen und Ruth hat Angst vor allzu engen Bindungen und gerät stets an den falschen Mann - einer vergewaltigt sie sogar.
Als sie in Amsterdam Augenzeugin eines Mordes wird und fast zur gleichen Zeit in Amerika ihr Vater Selbstmord begeht, beschließt Ruth, das eigene Leben neu zu gestalten; sie heiratet Allan, ihren Lektor. Bald kommt Sohn Graham auf die Welt und endlich fühlt sich Ruth zufrieden und geborgen. Ihr Glück ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn nach lediglich vier Jahren Ehe wird sie zur Witwe.
Es braucht ein Jahr bis Ruth langsam wieder ins Leben zurückfindet, und Harry Hoekstra, ein Polizeibeamter aus Amsterdam hilft ihr dabei.
761 Seiten voller Leben, interessanter Personen, skurriler Geschichten, trauriger, lustiger und bewegender Ereignisse in einer knappen Inhaltsangabe unterzubringen, ist nicht ganz einfach und wird diesem Roman auch keineswegs gerecht.
In gewohnt souveräner Art und Weise vermag es Irving seine Leser zu fesseln. Dieser Roman macht süchtig - nachdem man einmal mit der Lektüre begonnen hat, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Es wimmelt von liebevoll gezeichneten Figuren. Irving lässt seine Leserschaft nicht nur am Schicksal von Ruth Cole, der Hauptperson teilnehmen, sondern auch die Geschichten von Marion, Ted, Eddie, der Hure Rooie, dem Polizisten Harry und so weiter und so weiter werden mit viel Liebe fürs Detail erzählt. Selbst relativ unwichtige Figuren werden bis zur kleinsten Einzelheit genau entwickelt. So dürfte fast jeder von uns im Laufe seines Schülerlebens einem Lehrer wie Minty O’ Hare begegnet sein.
Genial ist auch Irvings Kunstgriff mit der zweiten Erzählebene, denn so ganz nebenbei lernen wir auch noch die Romane und Figuren der zahlreichen Autoren kennen, die das Buch bevölkern. Teilweise verschmelzen Fiktion und Wirklichkeit miteinander.
Ein Schriftsteller, der über eine Schriftstellerin schreibt, die über einen Schriftsteller schreibt - irre!
Ohne jemals in kitschige oder allzu sentimentale Gefilde zu entgleiten, schildert Irving Gefühle wie die Verlassenheit Ruths nach dem Weggang der Mutter, die große Liebe Eddies zu Marion oder vor allem die entsetzliche, nie enden wollende Trauer, die diese nach dem Tode ihrer Söhne ergreift.
Die “Witwe für ein Jahr” ist ein Buch das mich zum Schwärmen bringt. Ich werde es sicher irgendwann noch einmal lesen. Ansonsten freue ich mich schon auf den nächsten Roman von John Irving.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: Witwe für ein Jahr
Autor: John Irving
Verlag: Diogenes
Seiten: 761
ISBN: 3257233000
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