Lesertreff

Zwei Leben

Dieses Buch zeugt von wundersamer Einfühlsamkeit und von tiefen Gefühlen.

Es geht um die Geschichte einer Behinderung. Eine schwierige Geburt,die die Vermutung einer erheblichen Beeinträchtigung bei der Entwicklung nahelegt, bildet den Anfang der Erzählung. Aus der Sicht des Vaters, des Icherzählers, wird die Geschichte lebendig. Die Mutter, der Vater und die Großeltern werden in ihren menschlichen Bezügen und Eigenarten beschrieben, mit der sie das Leben und die Behinderung ihres Sohnes und Enkels zu meistern versuchen. Kindergarten, Schule und häusliche Betreuung für den spastisch behinderten Jungen Paolo werden ebenso abgehandelt wie die Eifersucht des größeren Bruders Alfredo oder die Beziehungsdramatik zwischen den Eltern. Auch Selbstanklagen und Einsichten in die eigene Unzulänglichkeit des Vaters bleiben nicht ausgespart. Eindrucksvoll ist der Umgang zwischen Vater und Sohn. Wie viel Lebenserfahrung gehört dazu,die humorvolle Überlegenheit zu beschreiben, mit der Paolo seinem Vater über Hemmungen hinwegzuhelfen versucht, die dieser, wie so viele Eltern, bei der Behandlung spezieller Fragen hat!

Die Rahmengeschichte bietet nur den Stoff, der uns eine Vielzahl von Lebenserkenntnissen, Einsichten über Ehe, Familie, Alter, menschliche Begegnungen und die Grenzen, die uns im Leben gesetzt sind, eröffnet. In der Schilderung vom Leben und Tod eines Großvaters und einer der beiden Großmütter schimmert Liebe, Melancholie und ein wenig Trauer gepaart mit distanzierter Weltsicht hindurch.

Auch die Chakterisierung der verschiedenen Therapeuten, Ärzte und Lehrer zeugt von einer Menschenkenntnis , wie ich sie mir detaillierter nicht denken könnte. Im Gegensatz zu vielen bekannten Erzählinhalten gibt es hier keine Spannung hin zu einer Auflösung der Geschichte, einer einmaligen Erkenntnis oder einem glücklichen oder unglücklichen Finale. Nein, hier geht es um den Bericht über eine ganz normale Familie, es geht um das Glück und um die Bewältigung von Leid; und es geht um die Erfahrung im Umgang mit Mitmenschen,Lehrern, Mitschülern und anderen in einer besonderen Lebenslage.

Es ist der Kampf um Einsicht, sowohl die Behinderung zu akzeptieren als allgemein gültige Schlüsse über das Außenseitertum, das auch das Alter beinhaltet, geduldig anzumnehmen, das dieses Buch in hohem Maße auszeichnet.

Jeder Satz zeugt von unaufdringlicher Aufrichtigkeit und Wahrheitsuche über die Umstände, die einen Menschen mit einem Makel vom anderen ausgrenzt. Nicht anklagend sondern ermutigend, humorvoll und poetisch ist diese Geschichte. Aber es handelt sich um einen Roman und der Autor hat das Thema mit besonderer Behutsamkeit und Ehrlichkeit behandelt. Ich möchte das Buch sehr empfehlen. (Claudine Borries)

Titel: Zwei Leben
Autor: Giuseppe Pntiggia
Verlag: Hanser
Seiten: 221
ISBN: 3 446 201 35 1

Abgelegt unter Abenteuerromane

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