Der Schneider von Panama



Als John le Carré 1996 den „Schneider von Panama“ schrieb, lag das Ereignis, das seine Fantasie entfachte, noch in der Zukunft: Ende 1999 wollten die USA den Panama-Kanal an den südamerikanischen Staat zurückgeben. Der Autor des „Spions, der aus der Kälte kam“ und weiterer 15 Agententhriller malte sarkastisch aus, welches machtpolitische Gerangel diesem Datum vorausgehen könnte.

Vor diesen ernsten Hintergrund schiebt John le Carré die brillant ausgestaltete Tragikomödie eines hoch verschuldeten Prominentenschneiders, den der britische Geheimdienst zwingt, halb Panama-City auszuhorchen, um zu erfahren, was geschieht, wenn der Kanal „unter den Hammer kommt und die Auktion von einem Haufen gerissener Gauner durchgezogen wird“.

Um den 460 Seiten starken Roman in ein Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk umzuwandeln, musste Uta-Maria Heim, eine Mitarbeiterin unserer Fernsehseite, die ebenso amüsanten wie peniblen Personenporträts auf das Notwendigste zusammenschmelzen. Empfindliche Verluste nahm sie wohl oder übel in Kauf. Als Kern bleibt die sowohl brandaktuelle als auch zeitlose Geschichte von Menschen, die sinnlos leiden und sterben, weil sie ins Räderwerk der Großmächte und wirtschaftlicher Interessen geraten.

Diese stark verkürzte Version machte es dem Regisseur Klaus Wirbitzky unmöglich, le Carrés Einsichten in die Gedankenwelt des Schneiders Harry Pendel, der den USA und Großbritannien durch Falschinformationen einen willkommenen Grund zum Militäreinsatz liefert, an die Hörer weiterzuleiten. Nur die Stimmen der Sprecher formen jetzt die Charaktere. Und die haben mit den Originalen nichts mehr gemein.

Stefan Behrens vermittelt als Harry das Bild eines Duckmäusers, der erfindet, was man von ihm erwartet, während Le Carré einen Mann schildert, der sich unschuldig und genießerisch an seiner Fabulierkunst weidet und der dem ahnungslosen Säufer Mike Abraxas eine Führerrolle in der „Stillen Opposition“ wie einen perfekt sitzenden Anzug auf den Leib schneidert, einfach nur weil er den geliebten Freund gerne als Helden sehen würde.

Den Londoner Spion Andrew Osnard, der Harrys Redetalent durch Erpressung und verlockende Geldsummen herausfordert, kennen die Leser als fetten Seelenfänger aus der Hölle mit nadelspitzem, rot funkelnden Blick. Joachim Król wirkt jedoch wie ein ruhiger Routinier, der gewohnt ist zu bekommen, was er will.

Dem Schriftsteller Le Carré wird das Hörspiel als selbstständiges Genre sicher nicht gerecht. Aber es lenkt die Aufmerksamkeit auf den Bestsellerautor als Zeitkritiker und erfüllt damit eine selten angemessen bewältigte Aufgabe. Wenn das Resultat darüberhinaus die Neugier auf den Roman wecken kann, dann ist auch dem Medium Buch gedient.

Kritik geschrieben von Monika Lanzendörfer, BÄNG 2000 – Das kritische Magazin für Leute mit Horizont

Titel: Der Schneider von Panama
Autor: John le Carré
Verlag: Der HörVerlag
ISBN: 3895848034

Abgelegt unter Krimi

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