Die Seele meines Vaters



Wie nehmen wir fremde Kulturen und Traditionen wahr? Diese Frage wird bei uns häufig diskutiert. Auch wenn die Wahrnehmung anderer Kulturen noch manches zu wünschen übrig lässt, so sind wir doch im allgemeinen gegenüber fremden Menschen und Kulturen etwas sensibler geworden durch schlimme Ereignisse und Vorfälle, die mit Kolumbus ihren Anfang nahmen. Der unfreiwillige Entdecker Amerikas kam mit Indianern nach Europa zurück. Auch andere Entdeckungsreisende verschleppten in den folgenden Jahrhunderten häufig Bewohner neu entdeckter Gebiete nach Europa, entweder als “Souvenirs”, zu Studienzwecken oder als Beweis dafür, dass sie tatsächlich in unbekannte Breiten vorgestoßen waren. Nicht selten verstarben die “lebenden Mitbringsel” bald nach ihrer Ankunft. Depressivität, Heimweh, das ungewohnte Klima oder auch schlechte Behandlung setzten ihrem Leben ein allzu rasches Ende.

Von solch einer traurigen Geschichte handelt das Buch “Die Seele meines Vaters” von Kenn Harper. Im Jahr 1897 brachte der Polarforscher Robert Edwin Peary (1856-1920) aus dem Polarkreis Eskimos nach New York City für die anthropologische Abteilung des American Museum of Natural History. Zu dieser Gruppe gehörte auch der Knabe Minik mit seiner Vater. Bis auf den Jungen starben bald danach alle Eskimos. Minik wurde daraufhin von William Wallace und seiner Familie liebevoll aufgenommen. Aber finanzielle Probleme und private Schicksalsschläge in der Familie Wallace bereiteten dem Idyll bald ein Ende. Mittlerweile hatte Minik seine Muttersprache verlernt und war ein halber Amerikaner geworden. Doch dann machte er eine traurige Entdeckung. Seinen Vater hatten sie Museumsleute nicht, wie versprochen, auf einem Friedhof beerdigt, sondern als Skelett im Museum ausgestellt. Nun hielt Minik nichts mehr in Amerika, und er kehrte, zwölf Jahre nach seiner Ankunft, nach Grönland zurück. In seiner alten Heimat konnte er allerdings nicht mehr heimisch werden und verließ sie bald wieder in Richtung Amerika. Nach vielen Irrfahrten und Umwegen fand Minik schließlich Unterkunft und freundliche Aufnahme bei einem Holzfäller im Norden von New Hampshire. Hier starb er nach kurzer Krankheit am 29.Oktober 1918.

Kenn Harper, der selbst lange Zeit unter den Eskimos gelebt und ihre Geschichte und Kultur genau erforscht hat, hat Miniks Geschichte und alle ihre Begleitumstände gründlich recherchiert und detailliert aufgezeichnet. Dabei erhält der Leser zugleich einen anschaulichen Einblick in die Geschichte der Polarexpeditionen, in die Erforschung Grönlands sowie in die Sitten und Gebräuche der Eskimos. Der Autor beleuchtet die Hintergründe des Geschehens und des Vorgehens von Peary und anderer Personen und fügt Zeitungsberichte über diese Vorgänge mit ein. Besonders packend und spannend liest sich die Geschichte immer dann, wenn Kenn Harper Minik selbst zu Worte kommen lässt. (Ursula Homann)

Titel: Die Seele meines Vaters
Autor: Kenn Harper
Verlag: Diana Verlag / Heyne
Seiten: 415
ISBN: 3453191439

Abgelegt unter Biographien

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