Ein rundherum tolles Land



Da der erste Teil der Lebenserinnerungen von Frank Mc Court “Die Asche meiner Mutter” zu den meiner Meinung nach erfreulichsten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt der letzten Jahre gehört, war es für mich nur naheliegend schon kurz nach der ersten Veröffentlichung auch die Fortsetzung dieses Romans zu lesen.

Nach seiner schwierigen Kindheit in Irland macht sich der Autor mit neunzehn Jahren auf den Weg in die USA. Da er dort, als Sohn irischer Eltern, geboren wurde, besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und kann sich dort ohne weitere Formalitäten niederlassen, doch trotz dieses Vorteils sind die ersten Monate, die der junge Mann in den USA verbringt alles andere als leicht. Er wohnt bei einer geizigen, engherzigen Dame zur Untermiete, muss schwere und niedrige Arbeiten verrichten und erhält nur kärglichen Lohn, von dem er einen Großteil seinen notleidenden Angehörigen in Irland schicken muss; zu allem Übel bricht auch noch sein altes Augenleiden, ein Überbleibsel aus der elenden Zeit in Irland, wieder auf. Die Einberufung zur Army erscheint ihm daher wie ein Geschenk des Himmels. Zu seinem Glück muss der Autor nicht nach Korea, wo gerade Krieg herrscht, sondern er kann seine Dienstzeit in Bayern verbringen, zunächst als Hundeführer und später als Schreiber.

Nachdem er in die USA zurückgekehrt ist, absolviert der Autor ein Lehrerstudium. Doch auch nach Beendigung desselben geht es mit dem sozialen Aufstieg des jungen Mannes nur langsam voran. Er muss sich in einer Berufsschule mit mehr oder eher weniger lernbegeisterten Schülern herum ärgern, verdient immer noch erbärmlich wenig Geld und hat obendrein mit einem gewissen Hang zu Kneipenbesuchen Besäufnissen, der ihn ebenso wie viele seiner irischen Landsleute plagt, zu kämpfen. So ist das Scheitern seiner ersten Ehe vorprogrammiert. Nach und nach finden auch die drei Brüder Mc Courts und am Ende sogar seine Mutter Angela den Weg in die USA, so dass die Familie, mit Ausnahme des nichtsnutzigen Vaters wieder vereint ist. Doch die Eintracht, die Mutter und Söhne trotz der bitteren Armut in Irland verband, lässt sich in Amerika nicht so leicht wieder herstellen. Zu sehr hat sich die Lebenseinstellung der jungen Leute von der irisch katholischen Haltung ihrer Mutter fort entwickelt.

Mit der gleichen direkten, klaren und schnörkellosen Sprache, die mich schon bei “Die Asche meiner Mutter” so sehr begeisterte, erzählt Mr. Mc Court auch diesen Teil seiner Autobiographie, insgesamt reicht der Roman jedoch nicht an die Klasse des Erstlingswerkes heran. Er ist ohne Frage spannend, lesbar und humorvoll geschrieben, doch fehlt im die große Eindringlichkeit des Vorgängerbuches. Einen Roman wie “Die Asche meiner Mutter” bringt man halt nicht alle Tage zu Papier. Dieses Buch hat Mc Court mit Herzblut geschrieben, das merkt man Satz für Satz, bei dem nun vorliegenden zweiten Band seiner Erinnerungen hingegen hat er ganz einfach Tinte oder Schreibmaschine benutzt. Ein gutes Buch ist “ein rundherum tolles Land” trotzdem. Mc Court bringt, ohne unangenehm belehrend zu wirken, viele kluge Gedanken zu Papier, er entwirft ein glaubwürdiges Bild der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger und sechziger Jahre, lässt seine Leser teilhaben am Leben der ärmeren Amerikaner, der Hotelgehilfen und Hafenarbeiter, erzählt von den Sorgen und Nöten eines jungen Lehrers, zeigt uns die tiefe Kluft, die sich zwischen den etablierten alteingesessenen protestantischen Upperclass- Amerikanern und den katholischen Zuwanderern aus Irland und Italien auftut. Mc Court demonstriert immer wieder seine große Sympathie für die kleinen Leute, die fröhlichen trinkfesten Iren, und vor allen Dingen die bildungshungrigen jungen Schwarzen und er macht seinen Lesern Mut, trotz schwieriger äußerer Bedingungen, Wagnisse einzugehen, und sich von dem Weg, den man einmal als richtig erkannt hat, nicht abbringen zu lassen.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Ein rundherum tolles Land
Autor: Frank McCourt
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seiten: 487
ISBN: 3630870341

Abgelegt unter Biographien

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