Heimatkunde



Der Autor erzählt in diesem kleinen Band Episoden aus seinem Leben. Er berichtet von seinen frühesten Kindheitserlebnissen, von seinen Eltern, die einen Tabakladen unterhielten und von ihren treuesten Kunden, die fast ausnahmslos an Lungenkrebs oder Gefäßleiden verstarben.

In einer ostwestfälischen Kleinstadt geht Treichel zur Schule. Er erzählt von dem Heimatkundeunterricht, der ihm dort erteilt wurde und von Klassenausflügen zu den Externsteinen, dem Hermannsdenkmal und zur Adlerwarte Berlebeck.

Später zieht der Autor nach Berlin um dort zu studieren. Nun informiert er die Leser über seine Erfahrungen in Theaterseminaren, führt uns die Macken von Professoren und Mitstudenten vor. Auch die unerfreulichen Seiten studentischer Jobs und Kurzarbeitsverhältnisse bleiben Treichel nicht erspart, hier darf er reichlich Erfahrungen sammeln.

Später, als anerkannter Wissenschaftler und Schriftsteller besucht er mit einem französischen Kollegen die Wannseevilla, wo die “Endlösung” beschlossen wurde. Der bedauernswerte Franzose. der durch die Nazis mehrere Angehörige verloren hat, muss zu seinem Leidwesen mit ansehen, wie eine Schulklasse dort zum vergnüglichen Ausflug einkehrt.

Zum Schluss erzählt uns der Autor noch etwas über einige Reisen, die er gemacht hat – nach Amrum, nach Portugal oder Venedig. Doch auch seine Reiseerfahrungen sind nicht unbedingt nur angenehmer Natur.

Wie auch in dem Band “Der Verlorene” besticht Treichel auch in diesem Buch mit äußerst knappen, stimmigen und unerhört präzisen Milieu- und Situationsschilderungen.

“Woher kennt der Kerl eigentlich meinen früheren Heimatkundelehrer”, fragte ich mich bei der Lektüre des entsprechenden Kapitels.

Die Beschreibung, der nahezu erdrückenden räumlichen und geistigen Enge während der fünfziger Jahre ist so treffend, dass ich einige Bilder fast plastisch vor mir sehe.

Auch die Stimmung, die in West-Berlin während der siebziger und achtziger Jahre – vor der Wende im Osten- herrschte ist sehr genau eingefangen. Alles stimmt hundertprozentig, kein falscher Ton, keine missratene Metapher.

Die letzten Kapitel des Buches lassen dann allerdings doch etwas zu wünschen übrig. Treichels Erlebnisse mit portugiesischen Dichtern oder seine Enttäuschung über Venedig, interessieren mich weniger und sind – zumindest für mich – auch ohne besondere Bedeutung.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Heimatkunde
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 130
ISBN: 3518396110

Abgelegt unter Biographien

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