Roberts Reise



Michael Schindhelm, Jahrgang 1960 , Intendant am Theater in Basel und neuerdings, wie so viele ehemalige Bürger der DDR ,unter dem Verdacht ,für die Stasi gearbeitet zu haben , hat in dem vorliegenden Roman Teile seiner eigenen Geschichte zur Vorlage genommen. Es ist ein eigenartiger Stil, in dem hier skizzenhaft und mit fast kühler Distanz die eigene Vergangenheit beleuchtet wird.

Auf den ersten Seiten wird von Robert in der dritten Person gesprochen, erst später wechselt der Erzähler in die Ich-Form. Die Zeitebenen sind verschoben: einmal befinden wir uns in einer gegenwärtigen Zeit ; Robert ist erwachsen und lebt in der Schweiz. Dann wieder gehen wir mit dem Erzähler in die Vergangenheit. Jugendjahre in der Provinz der DDR ; anfangs die Familie als innerer Hort, in der man aufrecht sein konnte. Versteckte Andeutungen, dass die Eltern die äußere Welt, die politische Welt, in der sie leben, missbilligen.

Später entstehen Schulschwierigkeiten, Kontroversen mit Lehrern und Eltern. Robert wandelt wie im Schlaf durch seine Zeit. Schulfreunde kommen und gehen. Die Eltern befürworten den Wechsel zu einer Spezialschule, einem Internat, das zu einer Fachschule für Naturwissenschaften gehört.

Robert durchläuft ein äußerst spartanisches Leben. Neben dem Lernen wird viel Unfug getrieben: erste Liebschaften und Saufereien, nächtliches Fernbleiben aus der Unterkunft etc.. Nach dem Fachabitur geht Robert nach Woronesch in Russland, um Quantenchemie zu studieren. Woronesch ist der letzte Ort, in den ein junger Mensch freiwillig gehen würde. Die Häuser sind verkommen ,und die Versorgung ist vollkommen unzureichend. Aber alles “ geschieht“. Er trifft Freunde, eine Italienerin, Afrikaner, Deutsche. Auch die Liebschaften kommen und gehen.

Eine abenteuerliche Exkursion in die kaukasischen Weiten lässt ahnen, dass Robert sich immer durchmogeln kann, ohne der Bürokratie, die bekanntlich hart und streng im Osten ist, zum Opfer zu fallen. Zuweilen hat er fast konspirativ anmutende Verabredungen in Moskau mit westlichen Ausländern und Botschaftsangehörigen.

Natürlich gerät er schließlich auch in die Fänge der eigenen Leute, die ihn aufgrund seiner vielen Kontakte zur Mitarbeit erpressen wollen. Wird etwas daraus? Der Leser muss sich selbst seine Gedanken darüber machen.

Am Ende wird er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin. Auch hier vermitteln die Mitarbeiter und die Arbeitsstelle einen trostlosen Eindruck. Und trostlos ist die ganze Stimmung ,die über dem Erzählten liegt.

Jungendlicher Übermut und Freude kommen auch bei abenteuerlichsten Stellen in diesem Buch kaum auf.

Robert bleibt überall ein Fremder. Er trifft eine Frau und hat mit ihr ein Kind. Auch diesem Leben gegenüber bleibt er fremd. Schließlich ,nach Öffnung der Mauer, zieht es ihn fort in den Westen. Er hat eine neue Frau und eine Tochter,– ist sie überhaupt seine? Das bleibt ungesagt.

Gefühle werden kaum spürbar. Einzig bei der Erwähnung der später in der Heimat zurückgelassenen Tochter Zoe vermag der Erzähler den Eindruck zu vermitteln , dass sich hier einer quält mit Versäumnissen, mit einer ungestillten Sehnsucht nach einer Tochter, die er verlassen hat. Auch die Erinnerung an eine italienische Freundin aus der Zeit in Woronesch wird bei seinem Leben im Tessin noch einmal wach.

Das Buch hat einen eigenen Stil , der sich in Andeutungen ergeht, so dass es dem Leser überlassen bleibt, sich eigene Gedanken zum Tun und Treiben der handelnden Personen zu bilden.

Ich fand es in gewisser Weise anstrengend , das Buch zu lesen. Immer meinte ich , mich konzentrieren zu müssen, um ja nichts zu verpassen. Und vielleicht ist der Leser auch sehr angestrengt, herauszufinden, wo denn nun die eigene gesellschaftliche und politische Position des Protagonisten zu finden sei. Sie bleibt vage und offen. Es ist ein ernstes ,gut geschriebenes und lesenswertes Werk. (Claudine Borries)

Titel: Roberts Reise
Autor: Michael Schindhelm
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seiten: 315
ISBN: 3421053308

Abgelegt unter Biographien

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.



DigitalVD.de News-Reader zum kostenlosen Download DigitalVD.de News-Reader

Der DigitalVD.de News-Reader ist eine kostenlose Software mit der Neuheiten aus der DVD- und Heimkino-Szene automatisch auf dem eigenen PC gelesen werden können. Ihr werdet kostenlos und automatisch rund um die Themen Film und Heimkino auf dem Laufenden gehalten.

[Beschreibung und Download]