Adressat Unbekannt
Ein kleines Büchlein nur, sehr knapp, sehr kurz, aber dem Inhalt nach ein dramatisches Geschehen.Schon 1938 in der New Yorker Zeitschrift” Story “erstmals erschienen, erregte dieser fiktive Briefwechsel zwischen einem Amerikaner und einem Deutschen großes Aufsehen und Interesse in Amerika. Deutete sich doch ” das zersetzende Gift des Nationalsozialismus” in diesem Briefwechsel an.
Zwei Freunde haben in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kalifornien eine Kunsthandlung aufgemacht und mit Erfolg betrieben. Beide stammen aus Deutschland. Der eine, Max, ist jüdischer Herkunft, der andere, Martin, ist Deutscher und kehrt just 1932 nach Deutschland zurück. Beide haben gutes Geld verdient, so dass Martin sich ein Schlösschen in München und eine Frau mit vielen Söhnen/ Kindern leisten kann.
Die Geschichte wird durch einen Briefwechsel zwischen den beiden erzählt. Max beneidet Martin, dass er nach Deutschland zurückkehren kann. Er hingegen wird für beide weiter die Geschäfte in der Galerie Schulse-Eisenstein in San Francisco führen .
Während die ersten Briefe noch von gegenseitiger Herzlichkeit und brüderlicher Verbundenheit beinahe überströmen, setzen bei Martin schon sehr bald Zweifel und Hoffnungen ob der Machtübernahme Adolf Hitlers ein.
Wie ein Sog scheint aber die Hoffnung auf Erneuerung für das deutsche Volk nach den Jahren der Demütigung und verbitterter Scham über den verlorenen ersten Weltkrieg und die Folgen Martin in seinen Bann zu ziehen. Er distanziert sich sehr bald verletzend, abwertend und abwehrend gegenüber dem einst ihm so eng verbundenen jüdischen Freund, mit dessen schöner Schwester er vermutlich vor Zeiten eine kurze Affäre hatte.
Am Ende bittet er Max, ihm nicht mehr privat zu schreiben und die Galerie umzubenennen, da ihm der Kontakt und die Gemeinschaft mit einem Juden in seinem Ansehen und beruflichem Fortkommen im Deutschland des Nationalsozialismus schaden könne.
Schließlich , dramatisch und schnell, geben die Veränderungen in Deutschland Anlaß, dass Max um das Leben seiner in Deutschland verbliebenen Schwester bangen muß. Er fleht den Freund brieflich um Hilfe für sie an, die dieser nicht leistet, vielleicht auch nicht mehr leisten kann. Er ist strammer Nazi in hoher Position geworden. Die Schwester stirbt unter der Verfolgung durch die Nazis.
In einer wiederum nur als dramatisch zu bezeichnenden Form schreibt Max daraufhin weitere Briefe , die Martin vor den Nazischergen ins Zwielicht bringen, vielleicht sogar bringen sollen! Martin ist daraufhin von Verfolgung bedroht, und er fürchtet, dass er in einem Konzentrationslager enden könnte. Unverdrossen adressiert Max seine Briefe an die Privatadresse seines Freundes,– und die letzte Seite des kleinen Büchleins endet mit der Abbildung eines Briefcouverts an Martin Schulse und dem Stempel darauf : Adressat unbekannt.
Man liest die Zeilen mit atemberaubender Spannung, kann den politischen Sog und die Veränderungen der Menschen in dieser Zeit nicht fassen, legt das Bändchen erschüttert beiseite.
Sehr zu empfehlen nicht nur für politisch Interessierte ,sondern auch für alle jene, die sich ein Bild über die politischen Verhältnissen von einst machen möchten. (Claudine Borries)
Titel: Adressat Unbekannt
Autor: Kressmann Taylor
Verlag: Hoffmann & Campe
Seiten: 69
ISBN: 3455076742
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