Agnes
Peter Stamm, Schweizer Schriftsteller des Jahrgangs 1963, hat mit “Agnes” einen Debütroman geschrieben, der ihm den Rauriser Literaturpreis eingebracht hat. Vom ersten Augenblick an zieht diese einzigartige Liebesgeschichte den Leser in seinen Bann. Atemlos verfolgt man den Fortgang der Geschichte.
In der Public Library von Chicago begegnen sich ein Schweizer, der über amerikanische Luxuseisenbahnwagen recherchiert und Agnes, eine Physikwissenschaftlerin, die an ihrer Dissertation arbeitet.
Zunächst geht es um die Anfänge von Begegnungen, wie sie alltäglich stattfinden: man tauscht Blicke aus, trinkt Kaffee zusammen, raucht eine Zigarette, trifft die erste Verabredung etc. Es ist nichts Besonderes daran. Besonders aber ist die Art der Darstellung und die Beschreibung der Atmosphäre zwischen den beiden: stille, langsame Annäherungen, kaum wahrnehmbare Distanzen.
Als sie ihn anregt, dass er doch ein Buch über sie schreiben möge, beginnt die eigentliche Geschichte. im Schreiben solle er Ähnliches darstellen wie Seurat in seinem Porträt “Un Dimanche d’été à l’Ile de la Grande Jatte” . Das Bild hatten sie lange zusammen in einer in einer Ausstellung betrachtet. Es ist in pointillistischer Manier gemalt. Er erzählt anfangs recht wahrheitsgetreu die Vorgeschichte ihrer ersten Begegnung. Als er aber in der Gegenwart ankommt und die Zukunft visionär voraus beschreiben soll,–da beginnen sich Realität und Fantasie zu vermischen . Mal sind es seine Wünsche, mal seine Ängste, die wir in der Erzählung wieder finden. Und zwischendurch beobachten wir sie in ihrem Alltag , den sie abwechselnd oder gemeinsam in der Bibliothek verbringen, zu Hause mal bei ihm oder auch bei ihr, später mehr bei ihm. Ihre Wohnung aber behält sie, Symbol für die Unwägbarkeit in der Beziehung. Sehnsüchte von ihm nach Nähe suggerieren, dass er sie liebt. Aber was ist Liebe hier überhaupt? Kennen sie sich oder kennen sie sich nicht? Agnes bleibt ihm fern, er sieht sie mit seinen Augen, in denen sie sich nicht wieder erkennt. Schließlich versieht er die virtuelle Geschichte ihrer Liebe mit zweierlei Versionen eines Endes: das eine endet glücklich mit Kindern und Familienidylle, das andere bleibt vage und ausweglos.
Obwohl es in der Geschichte um die heute so viel diskutierte Unfähigkeit zu Bindung und Verantwortung in Beziehungen geht, ist diese Geschichte keineswegs platt oder oberflächlich, sondern von außergewöhnlicher Sensibilität. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Peter Stamm, tief innerliche Gefühle in seiner Geschichte durchscheinen zu lassen. So z.B. die Zerrissenheit des Mannes, sich festzulegen und im Gegenspiel dazu Agnes’ Ambivalenz, wenn sie seine Gefühle ahnt und sich zurückzieht, so bald sie die Ferne zwischen ihm und sich selber spürt. Diese Gefühlsspiegelungen erzeugen eine Spannung, die den Roman zu einem der eindrucksvollsten kleinen Erzählwerke macht, das man z. Zt. auf dem Buchmarkt finden kann. (Claudine Borries)
Titel: Agnes
Autor: Peter Stamm
Verlag: btb
Seiten: 154
ISBN: 344272550X
Abgelegt unter Erzählungen
