Am Ufer des Flusses
Am” Ufer des Flusses” steht das Haus, in dem ihre Mütter zur Welt gekommen sind, unehelich und von ihren eigenen Müttern verlassen. Die Söhne fühlen sich wie Cousins, denn ihre Mütter haben sich in ihrer Schicksalsgemeinschaft wie Schwestern verstanden. Am Ufer des Flusses haben die beiden Jungen ihre Kindheit und Jugend in ihren Familien verbracht. Und hier, am Ufer des Flusses sitzen sie sich nun auch im Krankenzimmer des einen gegenüber und überdenken ihrer beider Leben in der Kindheit und Jugend. Es ist ein trauriges Buch, denn keiner von beiden scheint wirklich eine glückliche Erinnerung an die Vergangenheit zu haben.
Sie umkreisen die seltsam armselige Welt ihrer Herkunft sowohl in materieller Hinsicht als auch im Gewahrwerden der lieblosen Ehe ihrer beider Eltern. Wenig Glück und Freude hat es da gegeben. Liebe zwischen den Eltern war nicht erkennbar und die Sexualität, so weit sie davon erfahren haben, wirkte sinnlos und leer. Die Liebe der Mütter wurde über die Söhne ausgeschüttet und der Leser spürt, dass die Söhne Ersatz waren für nicht gelebte Liebe und ein unausgefülltes Leben.
Ihre Männer, die Väter der Jungen, werden als schwache und schmächtige Männer beschrieben, die sich vor ihren Frauen in den Schlaf oder in ein Vereinsleben geflüchtet haben. Sie waren keine Vorbilder und konnten keine Hilfe bieten bei der Orientierung für die heranwachsenden Söhne.
Der eine von den beiden Cousins wurde homosexuell, und nun liegt er tödlich erkrankt in diesem Krankenzimmer. Wir erfahren von einem melancholischen und betrüblichen Bild der Vergangenheit. Die beiden sind in Abschiedsstimmung vom Leben und voneinander. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Tod , welche die Freunde noch einmal zusammengeführt hat.
Schön ist der Aufbau der Novelle. Mit einzelnen Erinnerungsfetzen, die sich die jungen Männer erzählen, kann der Leser das Lebensbild der beiden zusammenfügen. Jörg Amann versteht es vorzüglich, dieses Zusammenfügen der Erinnerung mit großer Einfühlsamkeit und poetischer Kraft zu gestalten: in stillen Sätzen, die hier und dort ein Bild aus der Vergangenheit enthalten. Die Beschreibung der Mütter , wie sie jeweils auf den anderen gewirkt haben, löst Assoziationen und Gedankenbilder aus , die nur dezent andeuten, wie es da in der Kindheit ausgesehen hat. Nicht die Dramatik der Vergangenheit beschwert die Geschichte, sondern es bleibt eine gewisse Leichtigkeit im Erzählten gegenwärtig.
Es ist eine schöne Novelle von meisterlicher Tiefe und Anteilnahme daran, wie menschliche Schicksale verlaufen können. (Claudine Borries)
Titel: Am Ufer des Flusses
Autor: Jörg Amann
Verlag: Haymon Verlag
Seiten: 95
ISBN: 3852183502
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