Lesertreff

Deutschbuch

‘Dieses Buch’, erklärt Maxim Biller im Vorwort, ‘ist wie jedes andere. Es handelt davon, wie sein Autor die Welt sieht, ob sie ihm gefällt, wie sie ist, oder ob er sie ändern möchte.’ Weiterhin gibt er zu: ‘Ich schreibe gern über Deutschland und die Deutschen. … Wenn mir zu Deutschland nichts mehr einfällt, ist es endlich so, wie ich es haben will. Dass ich nicht der einzige bin, der sich darüber freuen würde, das will ich hoffen.’

Am Pfingstmontag präsentierte Maxim Biller seine seit 1992 entstandene Kolumnensammlung “Deutschbuch” vor vollbesetzten Rängen in der Berliner Schaubühne. Mit den zehn von ihm ausgewählten Geschichten unterstrich er sein breites Spektrum auseinandersetzungswerter deutscher Themen:
Los ging’s mit dem Kapitel “Harald Schmidt: Gründlicher als Gründgens”: ‘Gestern habe ich im Fernsehen ein Stück Scheiße gesehen. Es war hellbraun und schon so eingetrocknet, daß es kaum noch stank. Der Mann, auf dessen Moderatorentisch es lag …’. Dem folgte “Heiliger Holocaust”: ‘Komische, undurchschaubare Deutsche: Zuerst bringen sie unter Aufwendung ihres ganzen Talents fast alle Juden um - und dann tut es ihnen auch noch leid. …’.

In “Das Biller-Prinzip” verriet er, gern über Israel zu reden und sich bei sportlichen Ereignissen stets auf die Seite des Stärkeren zu schlagen, und in der Kolumne “Roger Willemsen: Brillemsen” knöpfte er sich den ‘Fernsehstar aller Fernsehhasser, ein aufrechter Privatgelehrter, der in der Brandung des Banalen steht.’ vor. Selbiges Schicksal ereilte später noch Ulrike Meinhof und Joschka Fischer.

Das Finale der einstündigen Lesung markierte Billers “Kleine Autobiographie”.

“Deutschbuch” ist gleichermaßen Maxim Billers selbstkritische/-ironische Retrospektive auf die eigene Vita wie eine skurrile Liebeserklärung an seine, ihn sprachlich geiselnde Heimat. “Vom 20. bis 30. Lebensjahr”, gesteht der Autor im anschließenden Bühnengespräch mit Giovanni di Lorenzo - Chefredakteur des Berliner “Tagesspiegel” und “3 nach 9″-Talkmoderator in Personalunion und ebenfalls als Kind nach Deutschland eingewandert -, “habe ich versucht, raus zu finden, was es bedeutet, jüdisch zu sein.” Dem schloss sich eine Dekade an, in der Biller das Geheimnis des Deutsch-seins erkundete. “Unsicherheit”, so seine Erkenntnis, “ist der Kern des hiesigen Nationalcharakters.” Befragt, was er sich von seinen teutonischen Mitmenschen wünschen würde, antwortete Biller nach einem augenzwinkernden Exkurs ins Reich der Utopie (”eigentlich will ich, dass die Leute so werden, wie ich sie haben will”): “Ich hoffe, es gelingt den Deutschen, sich endlich mal locker zu machen.”

Maxim Biller wurde 1960 in Prag geboren, lebt seit 1970 in Deutschland und zog jüngst von München (”eine Stadt von Reichen für Reiche”) nach Berlin (”eine Stadt von Schaulustigen”). Er ist Journalist und Schriftsteller und wurde in den vergangenen Jahren mit etlichen renommierten Preisen für sein Schaffen ausgezeichnet. Biller veröffentlichte seit seinem Debüt-Buch “Die Tempojahre”, das 1991 erschien, zahlreiche Erzählbände und legte 2000 seinen Roman “Die Tochter” vor. Das neueste Projekt Billers ist sein erstes Theaterstück namens “Kühltransport”. (Ensa Maurer)

Titel: Deutschbuch
Autor: Max Biller
Verlag: dtv
Seiten: 335
ISBN: 3423128860

Abgelegt unter Erzählungen

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