Eine seltsame Ehe
Béla Zsolt gehört zu den verschollenen jüdischen Autoren ungarischer Herkunft, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt und geschrieben haben, dann in Vergessenheit gerieten und nun eine Neuauflage erleben.
Wie viele andere seiner Zeitgenossen hat er über die Zeit der untergehenden k.u.k. Monarchie geschrieben und über den latenten und zunehmenden Antisemitismus in dieser Zeit. Der aufkommende Faschismus wird zur Vorahnung.
Das vorliegende Buch ist bereits 1936 zum ersten Mal erschienen. Es geht um eine Familiengeschichte im jüdischen Großbürgertum und Kleinbürgermilieu in Ungarn zwischen den beiden Weltkriegen.
Dargestellt um die Figur das Hauptakteurs Viktor, entfaltet sich eine lieblose, fehlgelaufene, von Mißverständnis und Hass gekennzeichnete Familientragödie. Ungeliebt,verletzlich und nicht ernst genommen fühlt sich die Mutter des Protagonisten, die aus reichem Hause stammt.Von ihrem Mann vermeintlich um des Geldes willen geheiratet, ist sie voller Hass gegen alle und jeden und überträgt ihre eigenen Frustrationen auf ihren Sohn, der seinerseits sich nicht lieben , annehmen oder auch nur im geringsten für vollwertig halten kann.
Nach dem frühen und unerwarteten Tod des Vaters wird Viktor Kanzleichef unter der Regie seiner Mutter.
So setzt in diesem Roman ein unendlicher Reigen von Begegnungen, Verletzungen, unerwiederter Liebesgefühle, verzweifelter Mesalliancen und desaströser Beziehungskatasrophen ein. Geld und Korruption, Erniedrigungen, Hass-und Rachehandlungen kennzeichnen viele Begebenheiten im weiteren Verlauf der Handlung. Einzige Ausnahme ist die ehemalige Geliebte des Vaters von Viktor, die warmherzig und liebevoll ist und wenigsten zu Zeiten zum Trost für den Helden der Geschichte wird. Für den Leser ist die schier unerträgliche Demut, Unterwerfung und Duldsamkeit von Viktor, sowohl seiner Mutter als auch seinen Kanzleimitarbeitern gegenüber, schwer zu fassen. Er heiratet am Ende auch noch eine Frau , von der er weiß, daß diese einen anderen liebt! Seine Frau wehrt sich anfänglich,– wenigstens sie(!)–, gegen die harte und unbeugsame Schwiegermutter, um am Ende, durch die Verhältnisse gezwungen, ebenfalls zu resignieren. Bei den übrigen handelnden Personen treten ähnliche Verhaltensweisen von Erniedrigung, Duldsamkeit und Ergebenheit, aber auch von gaunerhaftem Sadismus zutage.
Zu Beginn der Geschichte glaubt man noch an Selbstironie und Witz. Der Leser wird jedoch kurz darauf unerbittlich konfrontiert mit dem niederziehenden Selbsthass der Bürger jüdischer Herkunft. Man bemerkt bald das hoffnungslose und unlösbare Beziehungsgeflecht, in das fast alle handelnden Personen miteinander verwickelt sind. Es ist eine traurige , ernste , ja man möchte fast sagen trostlose Erzählung. Auch das Ende lässt keine Hoffnung zu.
Der letzte Satz lautet “Es geht nicht weiter. Die Welt ist am Ende”.
Ich finde das Buch bemerkenswert, weil es uns Aufschluss darüber gibt, wie das Klima war, in dem Juden in der damaligen Zeit in Europa lebten.
Dass Demütigungen und Erniedrigungen im Roman eines selber betroffenen Juden in dieser Form seinen Wiederhall fanden, lässt Schlüsse darüber zu, dass der Selbsthass und die Verachtung der eigenen Herkunft tief verinnerlicht war. Hanna Arendts Thesen über den Selbsthass der Juden müssten danach der Wahrheit nahe kommen. (Claudine Borries)
Titel: Eine seltsame Ehe
Autor: Béla Zsolt
Verlag: Neue Kritik
Seiten: 364
ISBN: 380153550
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