Fräulein Stark
Bis zum Eintritt in die Klosterschule darf der Neffe den Sommer über bei seinem Onkel, dem hochwürdigen Stiftsbibliothekar und Prälaten in der altehrwürdigen Bibliothek aushelfen. Ihm obliegt die Verteilung und Zuweisung der Filzpantoffeln, mit denen der schöne, glänzende Holzdielenboden vor Kratzern und Löchern geschützt wird. Aus den Augen von Nepos betrachten wir die Besucher: Gruppen geschwätziger Frauen, hochtupiert und vollbusig, mit weiten Glockenröcken, Pfadpfindergrüppchen,Touristenbusse und später die Hochzeitspaare auf Bildungsreise; Besserwisser,die alles zu erklären wissen, gibt es dabei wie überall, ,—- es ist die skurrile, witzige Beobachtungsgabe, die uns einen Eindruck über die barocke Stiftsbibliothek und die Atmosphäre gibt, die in ihr herrscht. Nicht nur die Besucher, auch die Räumlichkeiten, die Bücherwände und die Gerüche ziehen die Aufmerksamkeit des Jungen an. Er lernt die Welt der Bücher in aller Form zu schätzen. Mit Schmunzeln liest man über die absonderliche ,abseits des Zeitstroms gelegene Welt, in der es Hilfsbibliothekare gibt, die teils eifrig und teils dösig ihres Amtes walten. Und natürlich gibt es das Fräulein Stark! Sie ist Haulshälterin und Sittenwächterin in einem. Streng urteilt sie, wenn sie den angehenden Klosterschüler dabei erwischt, wie er unter die Röcke der Besucherinnen schaut. Er schaut und riecht, was ihm da über den Füßen begegnet,– und kann seine Neugier nicht im Zaume halten! Über die Gedanken, Triebe und Sehnsüchte eines Pubertierenden erfahren wir viel. Sein Talent, die Dinge zu schauen und zu beschreiben, ist teiweise grotesk und amüsierlich. Bis hierhin bietet das Buch viel Vergnügen beim Lesen. Einen Bruch erfährt die Novelle, als es um die erahnte jüdische Herkunft des Jungen und des Onkels geht, die dem Jungen nicht bewußt war. Man weiß nicht so recht, warum dem so viel Bedeutung zuteil wird. Erst anläßlich der Medienschelte über den vermeintlichen Antisemitismus im Buch erfahren wir, daß es Thomas Hürlimann hier auch um Kritik am Antisemitismus und am bigotten Katholizismus in der Schweiz geht. Leider ist es ihm nicht gelungen, das Werk in einer Geschlossenheit zu halten, die diese Kritik dem Leser verständlich machen würde. Bei aller Skurrilität zieht sich das Buch am Ende etwas in die Länge, so daß der anfängliche Genuß beim Lesen sich zum Ende hin verliert. Dennoch ist es ein lesenswertes Büchlein, weil Thomas Hürlimann ein brillianter Schreiber ist! Claudine Borries
Titel: Fräulein Stark
Autor: Thomas Hürlimann
Verlag: Amann Verlag
Seiten: 192
ISBN: 3 250 60075 X
Abgelegt unter Erzählungen
