Militärmusik
‘Schon im Kindergarten entdeckte ich diese Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. Während der Ruhestunden, wenn die Erzieherin sich in die Küche zurückzog, um den von uns übrig gelassenen Brei aufzuessen, erzählte ich meinen Kindergarten-Genossen alle möglichen Geschichten. Ich konnte ihre Fragen viel umfassender beantworten als die dafür zuständigen Verantwortlichen. Über alles wusste ich Bescheid: über Flüge zum Mars, wo Gold vergraben sein musste, und wie sich die Menschen fortpflanzten. Ich konnte alles bis in die kleinsten Einzelheiten erklären, nur ein Haken war dabei: Meine Geschichten stimmten nicht. Ich war nämlich ein totaler Spinner.’
Am 9. August stellte Wladimir Kaminer sein Buch “Militärmusik” exklusiv bei Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln vor: Tosender Applaus, als er die Bühne betritt, seine Aktentasche neben dem blauen Ledersessel abstellt und das Sakko über den Mikrofonständer hängt. Er lächelt in die Menge, zufrieden und verlegen zugleich, während die darüber informiert wird, auf welchem Weg das Karstadt-Haus nach der Lesung zu verlassen sei. Einige der 240 Besucher lassen erkennen, durchaus nicht abgeneigt zu sein, eine Nacht in dem fünfstöckigen Konsumtempel am Hermannplatz verbringen zu müssen.
Kaminer jedoch hat anderes vor: Er will lesen – aus seinem neuesten Buch, seinem ersten Roman, den er “Militärmusik” genannt hat. “Aber”, bietet er an, “wenn Sie wollen, können Sie mir auch erst ein paar Fragen stellen.” Niemand will, jedenfalls jetzt noch nicht. “Meine Mutter sagte,”, beginnt er, “ich war ein sehr ruhiges Kind, lächelte gern Fremden zu, schrie so gut wie gar nicht und pinkelte in die Windeln nur auf ihren Befehl.” Das Lachen des Publikums schwappt durch den Saal; Kaminer schmunzelt und fährt fort. Erzählt von seiner sozialistischen Erziehung und dem gelben Irrenhaus, deren mongoloide Bewohner er beneidete, weil sie alles laut sagen durften, was sie dachten. Verrät, dass sein Vater das Fabrikkabarett “Die Rote Tomate” gründete, wie ein Wilder auf der Bühne sang und tanzte, aber eigentlich gar kein Spaßvogel, sondern ein von Schlafstörungen Geplagter war. Plaudert über seine Zeit als Praktikant am Moskauer Majakowski-Theater, wo er auch darauf zu achten hatte, “dass alle Schauspieler rechtzeitig auf der Bühne standen, und zwar nüchtern und möglichst im richtigen Kostüm.” Als das Kapitel bei ihm als 18-Jährigem angelangt ist, stockt Kaminer und verkündet: “Das ist einfach zu lang. Ich lese lieber eine ganz andere Geschichte.” Seine Erinnerungen an Tiertransporte, das Leben im Park und die Läuse der Freiheit überblättert er und landet beim Fahneneid.
“Das ist für meine Verhältnisse schon eine seeehr traurige Geschichte, mit abgehacktem Finger und so.”, erklärt er nach der Lesung Augen zwinkernd auf die Frage, ob er denn nur komisch könne. Irritation ist Kaminer hingegen anzusehen, als jemand wissen will, ob er seine Bücher auf Deutsch schreibe und womöglich sogar in dieser Sprache denke. Er verweist nochmals darauf, seit nunmehr zehn Jahren in Berlin zu leben, und fügt hinzu, dass er außer einer Kolumne, die alle zwei Wochen erscheine, nur sehr wenig auf Russisch zu Papier bringe. Ergo: Das Thema, seine “Russendisko”, die im Oktober auch in Kaminers Heimat veröffentlicht wird, selbst zu übersetzen, sei für ihn nie eines gewesen. Einerseits, weil er das Buch dann noch mal völlig neu schreiben müsse, andererseits, weil eine Kurzgeschichten-Sammlung viel komplizierter sei als ein Roman. Und, ebenfalls nicht unerheblich: Momentan bereitet er sein nächstes Werk vor, das “Schönhauser Allee” heißen wird. Nach einem Ausflug in seine Kindheit und Jugend wird er sich also wieder auf das Terrain der Aktualität begeben. Im Nachhinein, besinnt er sich, käme ihm dieses Russland der 80er-Jahre ohnehin ziemlich unglaubwürdig vor. Ob die Geschichten so passiert seien, wie er sie in “Militärmusik” erzählt, will eine Frau aus dem Publikum wissen. In Wladimir Kaminers Gesicht macht sich ein Grinsen breit: “Zumindest sind sie mir genauso in Erinnerung geblieben.”
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren, machte eine Ausbildung zum Toningenieur und studierte danach Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. 1990 kam er nach Deutschland; acht Jahre später wurde in der taz-Kolumne “intershop” sein erster Text veröffentlicht und weitere zwei Jahre danach erschien sein Erzählband “Russendisko” – von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert gefeiert. Seitdem ist Kaminer als Autor und Moderator omnipräsent, schreibt regelmäßig für deutsche Zeitungen und Zeitschriften sowie alle zwei Wochen eine Kolumne in seiner Muttersprache, berichtet wöchentlich beim Radiosender SFB4 Radio MultiKulti aus “Wladimirs Welt” und hat seit neuestem eine eigene Rubrik im ZDF-Morgenmagazin. Kaminer lebt mit seiner Frau Olga und den beiden Kindern, Nicole und Sebastian, in Berlin. (Ensa Maurer)
Titel: Militärmusik
Autor: Wladimir Kaminer
Verlag: Manhattan-Verlag
Seiten: 191
ISBN: 3442545323
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