Das Haus der verschwundenen Jahre



Der gnadenlose Thrill bleibt aus, den – sagen wir – die Geschichten im „Ersten Buch des Blutes“ erregten oder der Roman „Stadt des Bösen“. Clive Barkers „Das Haus der verschwundenen Jahre“ ist ein Märchen par excellence, allerdings nicht nur für Kinder. Vielleicht nicht ganz im Stil der Gebrüder Grimm, aber dafür „schaurig-schöne Fantasy“. Das sagt der Klappentext, und es stimmt.

Meisterlich beherrscht Barker das Spiel mit den konventionellen Märchenmotiven. Seine Bildersprache sucht ihresgleichen. Wer würde schon auf diese unnachahmliche Weise umschreiben, dass einem kleinen Jungen langweilig ist? – „Das große, graue Untier namens Februar hatte Harvey Swick mit Haut und Haaren verschlungen. Da lag er nun tief im Bauch des Alptraummonats und grübelte. Würde er je aus diesem Labyrinth herausfinden, das sich wie eine Eiswüste zwischen nun und Ostern erstreckte?“ Keine Sorge, unser kleiner Protagonist Harvey Swick wird noch früher in eines der absonderlichsten Abenteuer verstrickt, als ihm lieb ist. Denn gerade als er vor lauter Langeweile zu sterben droht, erscheint Rictus. Unversehens steht er in Harveys Zimmer im zweiten Stock und gleich darauf hat er – nach Art eines Staubsaugervertreters oder Gebrauchtwagenhändlers – den Jungen an der Angel, indem er ihm die Aussicht auf ein Abenteuer verspricht.

Eigentlich ist Rictus ganz harmlos, könnte man meinen, wäre da nicht sein Haifischgrinsen, der unerklärliche Gestank, der ihm oder seinem Taschentuch anhaftet, die Tatsache, dass er fliegen kann und auf gar keinen Fall Fragen gestellt werden dürfen.

Wie dem auch sei, bei seinem zweiten Auftauchen nimmt Rictus Harvey mit in Mr. Hoods Ferienhaus. Dort erlebt er innerhalb eines Tages den gesamten Jahreslauf im Zeitraffer, und jeden Abend wird Weihnachten gefeiert. Harvey findet einen Freund – Wendell – und eine Freundin – Lulu. Letztere sieht er zwar nicht oft und Wendell hat für jede Frage nur ein lakonisches „Wen juckt’s!“ übrig. Doch ansonsten scheint er im Paradies gelandet zu sein. Gut, die Halloween-Streiche, die man sich gegenseitig spielt, mögen etwas drastisch sein, aber so sind Kinder nun einmal. Oder nicht?

Harvey Swick jedenfalls ist ein Kind, das Fragen stellt, wenn nicht anderen, so sich selbst. In dem Maß, in dem das Haus ihn in seinen Bann zieht, wird er auch des Umheimlichen seiner Atmosphäre gewahr. Es ist nicht allein der See, in dessen Tiefe es von merkwürdigen Fischen wimmelt, das seltsame Machtgefühl, das Harvey in der Verkleidung eines Vampirs empfindet, oder der Anblick des Drachen, der sich nächtens vom Kamin in den Himmel schwingt, auch nicht, dass der Weg zur Rückseite des Hauses im Dunkeln viel länger scheint als bei Tageslicht. Aber all dies zusammen führt zu Harveys Entschluss zu fliehen. Mit knapper Not gelingt Harvey und Wendell die Flucht aus Mr. Hoods Haus.

Aber in welcher Realität finden sich die Jungen wieder? Während für Harvey in Mr. Hoods Ferienparadies nur ein paar Tage verstrichen, sind in der realen Welt einunddreißig Jahre vergangen. Harveys Eltern sind alt geworden, die Welt, in der Harvey sich wiederfindet, ist nicht mehr die seine. Statt also das Unerklärliche zu erklären, macht er sich mit Wendell auf, um sich die verschwundenen Jahre zurückzuholen.

Zurück in Mr. Hoods Haus verfällt der wenig willensstarke Wendell sofort wieder den Verlockungen des Ferienparadieses. Harvey dagegen entlarvt die Illusion als Illusion, das Paradies als bloßen Schein, geschaffen aus Staub und Dreck. Er widersteht allen Anfechtungen, bis es schließlich zum Showdown zwischen ihm und dem ominösen Mr. Hood kommt, der bislang nur in der Figurenrede präsent war.

Es wird deutlich, dass Mr. Hood das Haus selbst ist und alle Verlockungen nur dazu dienen, ihm die Lebenskraft der Kinder nutzbar zu machen. Mr. Hood, das Haus, ist ein Vampir – der König der Vampire. Er versucht Harvey zu locken, indem er ihm wie einst Mephisto Dr. Faustus verspricht, alle seine Wünsche zu erfüllen. Gelingt ihm dies, gehört die Seele des Jungen ihm. In einem Frage-Antwortspiel testet Harvey die Macht des Vampirs, der sich immer mehr verausgaben muss, um den schönen Schein aufrechtzuerhalten. Als Harvey sich alle vier Jahreszeiten zur gleichen Zeit wünscht, erfüllt Mr. Hood auch diesen Wunsch und zerstört sich damit selbst. Happy End, oder?

Mit seinem Tod sind auch die Kinder erlöst, die Hood im Lauf der Jahrhunderte verführte. Sie waren die merkwürdigen Fische, die sich in dem unheimlichen See hinter dem Haus tummelten. Die Kinder verlassen Mr. Hoods Grundstück und kehren zurück in die reale Welt – jedes in seine Zeit. So erhalten sie die verschwundenen Jahre zurück. Ohne Melodramatik geht das jedoch nicht vonstatten. Als Harvey sich von Lulu verabschiedet, gibt es Tränen, denn Lulu ist in der Realität, wo die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen aufgehoben ist, wesentlich älter als Harvey. Der typische Märchenschluß – sie lebten zusammen bis an ihr glückliches Ende – bleibt ihnen versagt. „Schätzungsweise müssen wir Hood wenigstens für etwas dankbar sein“, sagt Harvey zum Abschied. „Wir waren zusammen Kinder.“

Harvey findet das Glück im Schoß seiner Familie. Seine Tage sind angefüllt „mit so viel Liebe, dass es für tausend Weihnachtsfeste reichte.“ Damit endet ein Buch, das unterhaltsamen Lesestoff bietet für einen langen Winterabend. Hin und wider rieselt beim Lesen ein leiser Schauer den Rücken herunter, und das ist in Ordnung so. (Alexander Amberg)

Titel: Das Haus der verschwundenen Jahre
Autor: Clive Barker
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 239
ISBN: 3453131002

Abgelegt unter Fantasy und Mystery

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