Schande



Schande, Scham, Schuld, Reue, Sühne und Erlösung sind für manchen Zeitgenossen überholte Begriffe – auch für David Lurie, den Literaturprofessor in Kapstadt, und seine lesbische Tochter Lucy aus erster Ehe, die, abgesehen von einem weißen Nachbarn, als einzige Weiße unter Schwarzen auf einer Farm in der Provinz Ost-Kap lebt. Dennoch nehmen gerade diese abstrakten Begriffe für beide im Laufe der von J.M. Coetzee meisterhaft erzählten Geschichte reale Gestalt an.

Der Professor lebt in Schande – so drückt es später die Tierpflegerin Bev Shaw aus -, nachdem er eine seiner Studentin verführt hat und deshalb seine Karriere beenden musste. Er bekannte sich zwar schuldig, zeigte aber keine Reue. Das brach ihm buchstäblich den Hals. Er fährt erst einmal zu seiner Tochter aufs Land und versucht hier, seine Gedanken und sein Leben neu zu ordnen. Eines Tages werden beide auf der Farm von drei Männern brutal überfallen. Der Professor wird misshandelt und in eine Toilette gesperrt. Die auf dem Hof untergebrachten Hunde werden erschossen, und die Tochter wird vergewaltigt. So wiederholt sich die Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen: jetzt ist Lucy das Opfer, das geschmäht und geschändet wurde und, was sie am meisten kränkt, unverhüllten Hass erfahren hat. Während der Vater Vergeltung und Gerechtigkeit einklagen will, betrachtet Lucy das Verbrechen zunächst als private Angelegenheit. Als sie indessen merkt, dass sie schwanger ist, sieht sie in dem Überfall das Ergebnis der Geschichte ihres Landes und ist bereit, den Preis für das Unrecht zu zahlen, das die Weißen einst den Schwarzen zugefügt haben.

Doch beide, Lurie und Lucy, werden nicht nur gedemütigt, am Ende erniedrigen sie sich selbst: Lucy, indem sie die dritte Ehefrau ihres schwarzen Pächters wird, damit sie auf dem Land einigermaßen sicher weiter leben kann, und der Professor, indem er kranke und herrenlose Hunde einschläfert.

Ein vielschichtiger, beziehungsreicher und atemberaubender Roman, geschrieben in einer glasklaren, reduzierten und bis ins kleinste Wort durchgearbeiteten Prosa. Der südafrikanische Autor hat hier eine Fülle von Themen und Problemen subtil miteingeflochten: die Beziehung von Vater und Tochter, das Verhältnis von Liebe und Alter, von Eros und Tod, von Täter und Opfer, von idealistischem Denken und pragmatischem Handeln, das schwierige Zusammenleben von Schwarz und Weiß sowie die Perversion menschlicher Beziehungen durch den Kolonialismus, die sich nun in der postkolonialen Ära auf der Gegenseite fortsetzt. (UH)

Titel: Schande
Autor: J.M.Coetzee
Verlag: S.Fischer Verlag
Seiten: 285
ISBN: 3100108159

Abgelegt unter Belletristik

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