Feine Freunde
Auch der neunte Fall, den Commissario Guido Brunetti zu bearbeiten hat und der ihn zum Teil selbst betrifft, ist spannend und fesselnd von der in Venedig lebenden Amerikanerin Donna Leon inszeniert worden.
Da wollte sich doch Brunetti ein paar ruhige Stunden gönnen. Er liegt mit einem offenen Buch auf dem Bauch im Wohnzimmer auf dem Sofa und ist gerade im Begriff, sich in den letzten Absatz des achten Kapitels von Xenophons “Anabasis” zu vertiefen, als er durch ein unsanftes Klingeln an der Tür gestört wird. Vor seiner Wohnung steht ein Mann vom Katasteramt, Franco Rossi, der ihm kurzerhand erklärt, dass im Ufficio Catasto für das Stockwerk, das Brunetti mit seiner Familie seit Jahren bewohnt, keine Baugenehmigung vorliegt und Brunettis Wohnung somit eigentlich gar nicht existiert. Womöglich müsse das ganze Stockwerk, in dem sich die Wohnung befindet, abgerissen werden, meint Rossi.
Was tun? Soll Brunetti seine Prinzipien und Ideale über Bord werfen und seine “feinen Freunde”, die über Geld und Beziehungen verfügen, um Hilfe bitten und Wege beschreiten, die vielleicht nicht ganz legal sind? Brunetti zögert noch. Da wird er eines Tages von Franco Rossi angerufen. Dessen Stimme klingt verängstigt und besorgt. Offenbar hat Rossi dunkle Machenschaften in seiner Dienststelle entdeckt. Doch bevor er sich Brunetti offenbaren kann, stirbt er überraschend. Zunächst ist nur Brunetti davon überzeugt, dass es sich bei Rossis plötzlichem Tod um Mord handelt. Immerhin führt ihn eine Telefonnummer in der Brieftasche des Toten zu einem Anwalt, der am hellichten Tag erschossen wird. Aber es kommt noch schlimmer. Brunettis Vorgesetzter, der Vice-Questore Patta, hat einen Sohn, der dealt. Brunetti soll ihm aus der Klemme helfen. Ein Student stirbt an Drogen, ein Fixerpärchen wird zu Tode geprügelt. Daneben tauchen dubiose Gestalten auf, die ihren dunklen Geschäfte nachgehen und sich auf Kosten anderer bereichern.
Brunetti sucht alte Freunde auf und horcht sie aus. So kommt er nach und nach Schiebereien, Korruptionen, verschwundenen Akten, illegalen Baugenehmigungen, Schmiergeldern, dunklen Machenschaften und Wuchereien in Venedigs Beamtenapparat auf die Spur. Aber auch einem Brunetti helfen eherne und ehrenhafte Grundsätzen allein nicht weiter. Wohl oder übel ist er auf Gefälligkeiten von Freunden, Bekannten und wenig geliebten Verwandten angewiesen. Selbst die Sache mit dem dealenden Sohn seines Chefs regelt er auf eigene Weise, so dass dieser keine Anzeige zu fürchten hat. Ähnlich verfuhr der wackere Commissario übrigens schon “In Sachen Signora Brunetti”, als er dafür sorgte, dass das Vergehen seiner Frau nicht aktenkundig wurde. Die Gerechtigkeitsfanatiker unter Donna Leons Lesern dürften von Brunettis Verhalten enttäuscht sein. Man wird sehen, wie er sich weiter entwickelt. (Ursula Homann)
Titel: Feine Freunde
Autor: Donna Leon
Verlag: Diogenes
Seiten: 332
ISBN: 3257062710
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