Fische können schweigen
‘… Und was jetzt kam, war das einzig wirklich Gesetzlose, was ich bisher unternommen hatte. Und hätten mich die Schritte nicht erschreckt, vor allem weil sie direkt auf das Sekretariat zukamen, wäre ich nie in Versuchung geraten. … Mein Herz klopfte, und voller Schuldgefühle versuchte ich vergeblich, mein Vorgehen im Geiste vor Ron zu entschuldigen. Aber mir fiel ehrlich gesagt keine vernünftige Antwort ein, außer Neugierde. Nein, nicht nur Neugierde, auch ein rudimentärer Sinn für Gerechtigkeit und der starke Wunsch, die ganze Geschichte möge so bald wie möglich geklärt sein, damit ich zur Ruhe kam und wieder ein normales Leben mit meinen Fische-Bildern führen konnte.’
Wochenlang hatte die Illustratorin Berit Janda nur Fische gesehen - lebende und von ihr selbst für ein Lexikon gezeichnete -, als sie auf einer Party ihrer Freundin Marlene deren Bruder Ron kennen lernt. Der ist ebenso amüsant wie attraktiv und hat eigentlich nur ein Problem, zumindest sieht Berit es so: Er ist Kommissar bei der Frankfurter Kripo. Dennoch nimmt sie sein Angebot, von ihm nach der Party nach Hause gefahren zu werden, an. Auf halber Strecke wird Ron zu einem Tatort gerufen und Berit, deren Vater bei einem Tauchunfall verstarb, sieht sich plötzlich mit einem Toten, der einige Stunden im Main trieb, konfrontiert, deren Anblick sie nicht wieder los lässt. Einige Tage später, die sie nicht nur zum Fische-Malen, sondern auch zu eigenen Recherchen in puncto Wasserleiche nutzte, stößt Berit erneut auf ein Mordopfer - tragischerweise kannte sie es. Ihr kriminalistischer Ehrgeiz ist nun vollends angestachelt und treibt sie immer näher an das Epi-Zentrum der Verbrechen.
Man nehme: Einen freien Tag und Krystyna Kuhns beeindruckenden Debüt-Roman “Fische können schweigen”! Denn der begeistert wahrlich von der ersten bis zur letzten Seite, weil er nicht nur spannend, sondern zudem äußerst spritzig geschrieben ist. Doch die Autorin setzt nicht nur auf Crime-Elemente, sondern gibt ihren Protagonisten Raum für - nicht immer gradlinige - Entwicklungen und der Handlung Platz, sich in eine anfangs ungeahnte, brisante Richtung zu bewegen.
Krystyna Kuhn wurde 1960 in Würzburg geboren - als siebtes von acht Kindern. Sie studierte in Moskau und Krakau Slawistik, Germanistik und Kunstgeschichte und arbeitete danach als Redakteurin. Darüber hinaus war sie als Herausgeberin tätig und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten. “Fische können schweigen” ist der erste Roman von Krystyna Kuhn, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter Mascha im Taunus lebt. (Ensa Maurer)
Interview mit Krystyna Kuhn
EM: Für welche Zeitungen/Zeitschriften und wann bzw. wie lange haben Sie als Redakteurin gearbeitet?
KK: Ich habe nicht für Zeitschriften gearbeitet, sondern für Verlage bzw. Firmen, die EDV-Bücher herausgeben. Dort war ich verantwortlich für die Erstellung der Benutzerhandbücher und die firmeninterne Mitarbeiterzeitung. Diese Tätigkeit umfasst die Jahre 1989 bis 1995, dann habe ich ernsthaft begonnen, literarisch zu arbeiten.
EM: Wo erschienen Ihre veröffentlichten Gedichte und Kurzgeschichten und von welchen Themen handelten sie?
KK: Erschienen sind bisher zwei Kurzgeschichten: Alter Ego in dem Band “Rätselhafte Waagen” in der Reihe Astrokrimis im Eichbornverlag. Sie handelt von einem Ehemann, der zwanghaft versucht seine Frau zu seinem Alter Ego zu machen, d.h. zu seinem Gegengewicht, damit die Waagschale seines Lebens immer im Gleichgewicht bleibt. Und die Geschichte Pygmalion in der Anthologie “Geschichten zum Rotwerden” erschienen im Piper-Verlag 2000, in der es um Mißverständisse zwischen Mann und Frau bezüglich Erotik geht. Die Gedichte sind in Polen erschienen, handeln von Krakau und sind nicht von Bedeutung.
EM: Wie entstand die Idee zu “Fische können schweigen”?
KK: Die Idee zu den Fischen geht aus zwei Motiven hervor: Zum einen hatte ich ein Lexikon der Fische gekauft mit Aquarellzeichnungen, das mir einfach gut gefallen hat. Die Frage war, wie fühlt sich ein Mensch, der diese vielen Fische malen muss. Der zweite Punkt war, dass ich das Outsourcing-Prinzip, d.h. Produktion in Billigländern wie Polen, auf die Wissenschaft übertragen wollte.
EM: Wie wurde die Idee zum Buch?
KK: Mit dieser Idee und fünfzehn Seiten Text habe ich mich für ein Seminar der Bertelsmannstiftung zum Thema Spannungsroman beworben. In diesem Seminar wurde mein Projekt ein Jahr lang betreut.
EM: Haben Sie die obligatorische Ochsentour durch die Verlage machen müssen oder kam der Kontakt zum Kabel-Verlag über eine Literatur-Agentur zu Stande?
KK: Als das Buch fertig war, habe ich es an einen Agenten geschickt, der es ziemlich schnell vermittelt hat. Die Ochsentour habe ich mir also erspart und ich kann diesen Weg nur empfehlen.
EM: Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben? Sind in Ihrem Tagesablauf feste Schreibzeiten eingeplant?
KK: Ich habe circa eineinhalb bis zwei Jahre an dem Buch geschrieben. Meine Tochter ist neun Jahre alt und so kann ich jeden Vormittag arbeiten. Acht Uhr ist die beste Zeit, in der ich mich konzentrieren kann.
EM: Woher stammen die (scheinbar) profunden Kenntnisse über Fische und biotechnologische Möglichkeiten?
KK: Eigentlich sind detaillierte Kenntnisse in Biotechnologie nicht gerade mein Steckenpferd oder meine Stärke. Eine wichtige Quelle war jedoch die Zeitschrift “Spektrum der Wissenschaft”, in der die neuesten Forschungen vorgestellt werden. Außerdem verfügt mein Mann (Informatiker) über ein profundes Wissen in allen naturwissenschaftlichen Bereichen. Er hat mir sehr geholfen.
EM: Da fiktive Personen bekanntlich oft eine enorme Eigendynamik entwickeln (wenn man das zulassen will und kein starres Gerüst abarbeitet) und auch Geschichten häufig Wendungen nehmen, die man als Autor/in anfangs gar nicht auf der Rechnung hatte: Haben Ihre Protagonisten oder Passagen der Handlung Sie selbst überraschen können?
KK: Die Protagonisten selbst haben mich nicht überraschen können, höchstens einige Nebenfiguren wie zum Beispiel U-Bahn-Ulli oder Henri, der Polizeikollege Rons. Was jedoch den Plot und die Handlung betrifft, so war mir lange beim Schreiben noch nicht klar, wer der Mörder ist oder worin der Betrug besteht. Für mich ist das wichtig, da sich viele Dinge erst aus der Sprache entwickeln. Nur so kann die dichte Atmosphäre in einem Buch entstehen. Was die Handlung betrifft, war ich also oft selbst überrascht. Das ist ja auch das Spannende am Erzählen.
EM: Ist eine Fortsetzung, die sich vom Handlungsverlauf her ja möglicherweise anböte, vorgesehen oder arbeiten Sie bereits an einem neuen, völlig anderen Buch?
KK: Eine Fortsetzung ist nicht vorgesehen. Für mich ist die Geschichte zwischen Berit und Ron abgeschlossen. Außerdem war das Ganze von Anfang an als eine Art Metamorphose Berits angelegt. Sie hat sich im Laufe des Buches verändert und das war ein wichtiger Punkt. Ich habe aber sofort nach Beendigung des Buches am nächsten gearbeitet, auch um mich von der Suche nach einem Verlag abzulenken. In dem neuen Krimi ist die Hauptfigur eine Anthropologin (aus Frankfurt), die in Wien in einen Mordfall verwickelt wird. Mehr möchte ich noch nicht verraten.
EM: Haben Sie schriftstellernde Vorbilder oder Lieblings-Autor/innen?
KK: Was meine Vorbilder betrifft, so bin ich nicht festgelegt. Aber ich lese schon am liebsten amerikanische, englische Autorinnen und im skandinavischen Bereich natürlich Mankell. Jeder dieser Autoren ist in einem bestimmten Punkt Vorbild. Sprachlich habe ich mich in “Fische können schweigen” zum Beispiel sehr an Sue Grafton orientiert.
Titel: Fische können schweigen
Autor: Krystyna Kuhn
Verlag: Kabel Verlag
Seiten: 281
ISBN: 3822505609
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