Selbs Mord



‘Sie sah mich an, traurig und besorgt. Sie nahm meinen Kopf in ihre Hände und küßte mich auf den Mund. … Sie sah in meinen Augen, wie mich meine Ohnmacht quälte. “Ist es so schlimm? Ist es so schlimm, weil du denkst, daß du alt bist, wenn du nichts mehr tust?” Ich sagte nichts. Sie forschte in meinen Augen nach einer Antwort. … Dann war sie weg, und ich setzte mich auf den Balkon, rauchte und sah in die Nacht. Ja, Brigitte hatte recht. Meine Ohnmacht quälte mich, weil sie mich mein Alter spüren ließ. Sie brannte mir ins Gedächtnis, wie oft ich nur nachträglich hatte registrieren können, daß ich zu langsam gewesen war. Sie besiegelte, daß ich weder als Staatsanwalt noch als Privatdetektiv etwas hinterließ, worauf ich richtig stolz war. Sie fraß an mir wie eine Wut, eine Angst, ein Schmerz, eine Beleidigung. Wenn sie mich nicht auffressen sollte, mußte ich etwas tun.’

Zunächst jedoch tut ein anderer etwas: In einer Februarnacht kommt der Mercedes des Chefs vom Schwetzinger Bankhaus Weller & Welker auf der verschneiten Straße ins Rutschen und landet im Straßengraben. Gerhard Selb hilft aus der misslichen Lage und wird mit der Aussicht auf einen Auftrag verabschiedet.

Der Privatdetektiv hat es wahrlich nicht eilig zu erfahren, was er für Welker herausfinden soll, sucht ihn aber schließlich doch auf und lässt sich dessen Anliegen erklären: Welker, Erbe der alteingesessenen Privatbank und ebenfalls Besitzer einer Bank in Cottbus, will, dass Selb ihm Informationen über einen stillen Teilhaber präsentiert, der dem Kreditinstitut bis zum Ersten Weltkrieg eine ansehnliche Summe einbrachte.
Gerhard Selb nimmt den Auftrag an, stößt auf den pensionierten Lehrer Adolf Schuler, der bereits über die Annalen von Weller & Welker recherchiert hatte, und verheddert sich immer tiefer in einem Fall, dessen Schlüssel in der jüngeren, deutsch-deutschen Geschichte zu liegen scheint.

“Selbs Mord” ist der dritte Fall des alternden Privatdetektivs Gerhard Selb, der sich für seinen Auftraggeber Welker daran macht, ein spannendes Mosaik aus den Splittern ost- und westdeutscher Vergangenheit zusammen zu setzen. Doch Bernhard Schlinks neuester Coup ist nicht nur auf den clever konstruierten, packenden Krimi-Plot reduziert, der sich ebenso zielstrebig wie stilistisch bedächtig auf sein unerwartetes Finale zu bewegt. Überdies schildert der Autor eine tiefsinnige, zwischen Melancholie und leiser Selbstironie schwankende Geschichte vom Altwerden seines Ich-Erzählers. Und wie schon in “Selbs Betrug” und “Selbs Justiz” tut er es in der ihm typischen Sprache, die meisterhaft präzise, intelligent und ohne überflüssige Worte, aber dennoch voller Wärme daher kommt.

Bernhard Schlink wurde 1944 in der Nähe von Bielefeld geboren. Als 45-Jähriger erhielt er für seinen zweiten Roman “Der gordische Knoten” den Glauser, 1993 wurde er für “Selbs Betrug” mit dem Deutschen Krimi-Preis dekoriert und vier Jahre später brachte ihm sein Roman “Der Vorleser”, der bislang in 30 Sprachen übersetzt wurde, den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster ein. Darüber hinaus erhielt er 1999 den Literaturpreis der Tageszeitung “Die Welt” und im Jahr 2000 die Ehrengabe der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft. Bernhard Schlink lebt als Jurist in Bonn und Berlin. (Ensa Maurer)

Titel: Selbs Mord
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
Seiten: 265
ISBN: 3257062809

Abgelegt unter Krimi

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.



DigitalVD.de News-Reader zum kostenlosen Download DigitalVD.de News-Reader

Der DigitalVD.de News-Reader ist eine kostenlose Software mit der Neuheiten aus der DVD- und Heimkino-Szene automatisch auf dem eigenen PC gelesen werden können. Ihr werdet kostenlos und automatisch rund um die Themen Film und Heimkino auf dem Laufenden gehalten.

[Beschreibung und Download]