Stumme Schreie
Er war vor allem von Indien fasziniert. Von den schönen Frauen mit dem roten Punkt auf der Stirn. Ihren geschminkten Augen, ihrem verschmitzten Lächeln. … Gunder wußte, daß er eine Inderin wollte. Nicht, weil er sich eine fügsame und unterwürfige Frau wünschte, sondern, weil er eine Frau suchte, die er auf Händen tragen konnte. Norwegerinnen wollten das nicht. Eigentlich hatte er sie nie verstanden, er begriff einfach nicht, was sie wollten. Denn er hatte doch alles zu bieten, fand er.’
So verlässt Gunder Jomann eines Morgens das 2347-Seelen-Kaff Elvestad und bricht zu einem Urlaub in der indischen Metropole Bombay auf, wo er die 38-jährige Kellnerin Poona Bai kennen lernt und nach wenigen Tagen heiratet. Die Rückreise nach Norwegen tritt er dennoch alleine an – mit der Vorfreude auf seine Braut, die ihm knapp zwei Wochen später folgen will. Ausgerechnet am Tag ihrer Ankunft, als Gunder sich gerade auf den Weg zum Flughafen machen will, verunglückt dessen Schwester. Statt um Poona muss er sich nun um Marie, die im Koma liegt, kümmern. Dennoch versäumt er es nicht, Kalle Moe, den einzigen Taxifahrer des Städtchens, zu bitten, Poona abzuholen und sie nach Elvestad zu bringen. Der jedoch verpasst sie.
Am nächsten Morgen findet eine Pilzsammlerin auf einer Lichtung die grausam zugerichtete Leiche einer Frau mit dunklem Teint und langem, schwarzem Haar. Gunder Jomann hört im Radio von dem bestialischen Mord, verdrängt aber, dass es sich bei dem Opfer um seine Frau handeln könne. Als jedoch Hauptkommissar Konrad Sejer und sein Kollege Jacob Skarre bei ihm auftauchen und ihn mit Einzelheiten über die Tote konfrontieren, kommt er nicht mehr umhin, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Bis die beiden Kripo-Beamten eines Tatverdächtigen habhaft werden können, gilt es allerdings einen wahren Dschungel möglicher Tatwaffen und -motive zu durchforsten.
“Stumme Schreie” ist ein Krimi, der in erster Linie durch seine enorm ruhige, schnörkellose Sprache besticht, die die Leser ad hoc in ihren Bann zieht und bis zum Ende nicht wieder los lässt. Doch sie sorgt nicht nur für eine ebenso beeindruckende wie bedrückende Spannung, sondern verstärkt überdies die Stimmung, die die Handelnden und der Mikrokosmos Elvestad dank Karin Fossums detaillierter Schilderung auslösen. Brillant vielschichtig gezeichnete Charaktere, ein sorgfältig ausgeworfenes Netz möglicher Tatwaffen und ein Finale, das wahrlich nicht alle Fragen klärt, machen “Stumme Schreie” zu einem Buch, das nachhaltig zu beschäftigen vermag.
Karin Fossum, die 1954 im norwegischen Sandefjord geboren wurde, schuf 1995 ihren Kommissar Konrad Sejer und schaffte mit ihm prompt den Sprung in die Bestseller-Listen. Für ihre Arbeiten erhielt die Autorin, die ihre Karriere als Verfasserin von Gedichten und Erzählungen begann, einige der renommiertesten Krimi-Preise Norwegens. “Stumme Schreie” ist Sejers vierter Fall, der ins Deutsche übersetzt wurde; im Piper-Verlag erschien ferner der Titel “Wer hat Angst vorm bösen Wolf”, und Anfang nächsten Jahres wird eine Neuauflage ihres Romans “Fremde Blicke” erhältlich sein. (Ensa Maurer)
Titel: Stumme Schreie
Autor: Karin Fossum
Verlag: Piper Verlag
Seiten: 317
ISBN: 34920443623
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