Lesertreff

Ich ging durch Feuer und brannte nicht

Die Autorin, die hier ihre eigene Lebensgeschichte erzählt, wird 1914 in Wien geboren. Sie erlebt dort eine glückliche Kindheit und Jugend. Doch 1938, im Jahre des österreichischen Anschlusses an Nazideutschland, verändert sich das Leben der jungen Frau radikal, denn Edith ist Jüdin. Schon bald wird sie zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Obwohl sie eine ausgezeichnete Studentin ist, darf sie ihr letztes juristisches Staatsexamen nicht mehr ablegen und muss Zwangsarbeit auf einer Spargelplantage und später in einer Papierfabrik leisten.

Ihre beiden Schwestern Hansi und Mimi haben mehr Glück als Edith, denn ihnen gelingt gerade noch rechtzeitig die Auswanderung nach England bzw. nach Palästina.

Auch Edith trägt sich mit dem Gedanken, das Land, in dem sie verfolgt wird, so bald wie möglich zu verlassen - doch sie möchte nicht ohne ihren Liebsten Joseph (Pepi) Rosenfeld gehen. Pepi gilt nur als “Halbjude”, denn sein bereits verstorbener Vater war zwar jüdischen Glaubens, die Mutter jedoch ist “Ariererin”. Er fürchtet durch zu enge Kontakte mit Edith, die wenigen Privilegien, die er im Vergleich zu ihr besitzt, zu verlieren und verstärkte Schikanen zu erleiden. Er verweigert Edith die Heirat, um die sie so eindringlich bittet, und zieht sich mehr und mehr von ihr zurück.

Nachdem Edith nach Wien zurückgekehrt ist, muss sie erkennen, dass sie dort nicht überleben kann. Ihre Mutter ist bereits nach Polen abtransportiert worden und um selbst der Deportation zu entgehen, muss sie untertauchen.

Ihre Freundin Christel Denner “verliert” ihre Papiere um Edith zu einem Personalausweis und einer behelfsmäßigen Lebensmittelkarte zu verhelfen. Mit diesen Unterlagen versucht Edith in München ein neues Leben zu beginnen. In einem Museum begegnet sie Werner Vetter, einem Mann, der das Parteiabzeichen der NSDAP an seiner Kleidung befestigt hat und der durch und durch “arisch” aussieht. Doch Werner ist bei weitem kein typsicher Nazi, er ist Individualist, unkoventionell und nimmt es häufig mit der Wahrheit, vor allem gegenüber Vorgesetzten und Autoritäten, nicht allzu genau.

Als er Edith einen Heiratsantrag macht, gesteht sie ihm Jüdin zu sein, doch Werner lässt sich davon nicht beeindrucken und führt sie schließlich (mit ihren falschen Papieren) zum Standesamt. Als brave Gattin eines geachteten NSDAP-Mitgliedes und Angestellten in einer kriegswichtigen Brandenburger Flugzeugfabrik kann sich Edith nun einigermaßen sicher fühlen. In Ediths Leben zieht trügerische Normalität ein und so weit das unter den schrecklichen Bedingungen des Krieges und der Naziherrschaft möglich ist, führen sie und Werner fast so etwas wie eine glückliche Ehe. Schließlich wird sie sogar Mutter einer kleinen Tochter - Angela. In den letzten Kriegstagen wird Werner noch an die Front eingezogen und später gerät er in russische Gefangenschaft.

Edith nimmt nach Kriegsende sofort ihren richtigen Namen wieder an, wird in der Sowjetzone als Richterin eingesetzt, und macht ihren neu gewonnen Einfluss als Naziverfolgte geltend um ihren Mann aus Sibirien frei zu bekommen. Es dauert Jahre, ehe Werner zu ihr zurückkehrt. doch die Beziehung ist nicht mehr so wie früher. Werner gelingt es nicht, das neu gewonnene Selbstbewusstsein seiner Gattin zu akzeptieren und so scheitert die Ehe schließlich.

Durch Bücher und Filme kenne ich mittlerweile die Lebensgeschichten vieler Holocaust-Überlebender, doch kaum jemand von ihnen ist den Feind so nahe gekommen wie Edith Hahn Beer. Sie lebt ein scheinbar normales Leben umgeben von Nazis. Nachbarn, Kollegen, Freunde halten sie für eine typische deutsche Haus- und Ehefrau; Werner, ihr Mann ist Mitglied der NSDAP und trägt am Ende des Krieges die Uniform eines Wehrmachtsoffiziers. Um nicht aufzufallen, muss sie anlässlich einer Wohnungsüberprüfung gar ein Hitlerbild in ihrem Wohnzimmer aufhängen. Wie sie es schafft, bei aller nötigen Anpassung und Tarnung sie selber zu bleiben, weder ihre Überzeugung, ihre Religion oder ihre Freunde und Angehörigen zu verraten, wird von der Autorin eindrucksvoll beschrieben.

Mir gefällt auch die Gegenüberstellung der beiden so unterschiedlichen Männer, die zu jener Zeit in Ediths Leben eine entscheidende Rolle spielen. Da ist auf der einen Seite der Hochgebildetete, intelligente Pepi, der genau weiß, in welcher Gefahr sich seine Freundin befindet, und der trotzdem zu feige ist, ihr zu helfen und auf der anderen Seite Werner, der Schlawiner und Draufgänger, der trotz seiner Nähe zum Regime keinen Augenblick zögert, Edith durch die Eheschließung ein Stück zusätzlicher Sicherheit zu gewähren.

Am Inhalt des Buches gibt es für mich überhaupt nichts zu kritisieren (wie könnte es auch bei einer wahren Geschichte?) und auch über den Stil kann man nur wenig meckern. Das Buch liest sich flüssig und von der ersten bis zur letzten Zeile spannend. Einzig, wenn die Autorin über ihre Tochter Angela redet, geht sie mir manchmal etwas auf den Keks. Logisch, dass sie ihr Kind liebt (welche Mutter tut das nicht) aber muss sie wirklich jedes Mal, wenn sie über Angela spricht die Verkleinerungsform Kindchen verwenden?

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland

Titel: Ich ging durch Feuer und brannte nicht
Autor: Edith Hahn Beer
Verlag: Scherz Verlag
Seiten: 287
ISBN: 3502182876

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