Schicksal
Das Buch von Tim Parks lässt den Leser von Anfang an nicht los. Fast ohne Punkt und Komma von einem Gedanken zum nächsten schweifend erzählt der Romanheld Chris Burton sein Leben und das seiner Familie.
Er ist dreißig Jahre mir Mara, seiner Frau, verheiratet.
Tim Parks baut um die Figur des kranken Sohnes Marco die ganze Familiengeschichte auf und hält sie auch dadurch zusammen:
die Mutter, die sich in krankhafter Weise an den heißersehnten Sohn klammert und der Vater, der dem nichts entgegensetzt; die Lagerbildung in der Familie; die verzweifelten Versuche von Marco, sich der Umklammerung durch die Mutter zu entziehen. Vielleicht ein bisschen übertrieben, dass auch noch Paola, die Adoptivtochter, fast wie ein häßliches, fernes Stiefkind erscheint.
Vanoli, der den Sohn behandelnde Psychiater, erscheint als ein gütiger und weiser Mann : er weiß um die Verschiebung von Konflikten in Familien.
In einem unentwegten inneren Monolog denkt Chris über das Versäumte und nicht mehr Aufzuholende nach. Es ist ein beklemmendes Lebensbekenntnis oder auch eine Art Bilanz. Selbst bis in den Traum hinein reichen die Betrachtungen und Vergleiche über das, was das Leben so schwierig macht.
Ein bleibender Eindruck dieses Buches ist, dass der Icherzähler die ganze Zeit seine Empfindungen, Gedanken ,Ängste und Lebensperspektiven reflektiert. Das betrifft nicht nur sein Familienleben, sondern auch seine beruflichen Entwicklungen.
Die Sätze sind lang und verschachtelt, und die Gedanken springen zuweilen unmerklich von einem Ereignis zum anderen, was zunächst ein wenig störend wirkt. Es ist aber das Stilmittel, mit dem der Leser ganz nahe beim Erzähler ist und seinen Gedanken folgt.
Der Leser wird bei der Lektüre angeregt, über das eigene Leben nachzudenken. Die unbefriedigenden, unerledigten, nicht gerade vollkommenen Dinge spielen eine große Rolle. Der Neid des Protagonisten, seine Missgunst, sein Argwohn und die Phantasien im Hinblick auf einen Freund und Kollegen ist großartig beobachtet.
An irgendeiner Stelle sagt Vanoli, dass sich in unserer Zeit immer jemand emotional verantwortlich und schuldig fühle für die Probleme der anderen. Das scheint mir eine kluge Erkenntnis zu sein!
Es wird klar, dass es das Zusammenspiel von vielen Einzelteilen und Begebenheiten ist, die das Leben für den einen oder anderen problematisch macht. Die psychologischen Feinheiten der Beobachtung sind subtil und dominieren die Erzählung nicht.
Die Thesen des Buches liegen auf der Hand: es gibt einen Widerspruch im Menschen zwischen Schein und Sein, die das Berufs- und Privatleben beeinflusssen, und eine Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz , die das Leben zwischen Partnern prägen . Die Identität eines jeden besteht u.a. aus der Fähigkeit, diese Ambivalenzen angemessen zu berücksichtigen.
So wie das Geschehen aus der Sicht der Hauptfigur beschrieben wird, mag der jeweilige Leser das Buch aus seiner Sicht lesen: jeder wird das hineinsehen und herauslesen, was der jeweiligen eigenen Lebenserfahrung entspricht. Ein sehr empfehlenswertes Buch! (Claudine Borries)
Titel: Schicksal
Autor: Tim Parks
Verlag: Antje Kunstmann
Seiten: 282
ISBN: 3 88897 257 4
Abgelegt unter Literarisches Quartett
