Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß



Die meisten Leser kennen Umberto Eco vor allem als Autor des Romans “Der Name der Rose” und wussten lange Zeit nicht, dass Eco im Hauptberuf Professor für Semiotik an der Universität von Bologna ist. Aber nicht nur das. Seit 1985 schreibt er regelmäßig für das römische Nachrichtenmagazin “L’Espresso” die Kolumne “La Bustina di Minerva”. Der Titel wie auch die deutsche Übersetzung “Streichholzbriefe” spielt auf jene kleinen Streichholzbriefe an, auf die man Adressen, Telefonnummern und alle möglichen Einfälle notieren kann. Einige dieser Texte, mit denen Eco, nach eigenem Bekunden, in heiterer Form auf das reagierte, was ihn ärgerte, liegen jetzt in deutscher Übersetzung in einem schmucken Bändchen vor.

Unter der Frage: “Gibt es einen gerechten Krieg?” erinnert der Schriftsteller an den Kalten Krieg in den fünfziger Jahren und stellt fest, dass sich seit dem Punischen Krieg einiges geändert habe. Er äußert sich über den Golf- und Kosovokrieg, über Rushdie und die Auswirkungen der zunehmenden Migration, überlegt, angesichts des Endes des kommunistischen Ostblocks, was wohl der Zusammenbruch eines Imperiums kosten mag? Dann wieder schlägt er vor, die Vollstreckung der Todesstrafe live im Fernsehen, am besten während des Abendessens, zu übertragen, insbesondere für jene, die immer noch für die Todesstrafe plädieren.

In einem Beitrag zeigt er, wohin es führen kann, wenn man sich streng nach den Regeln der Political Correctness richtet. Es folgen italienische Binnenansichten, zum Beispiel über Andreottis Mafiaprozess und über geschmacklose Fernsehsendungen, von der wir in der Bundesrepublik ebenfalls ein Lied singen können. Fred Astaire und Ginger Rogers, meint Eco an anderer Stelle, hätten die italienische Politik erfunden, weil sich mit ihnen jenes Modell des Lebens als Schau(oder Show) und der Schau als Leben durchgesetzt habe, das heute unsere Gesellschaft beherrscht.

Ferner nimmt der Autor Verhaltens- und Redeweisen, Manien und Moden ironisch unter die Lupe. Sogar die Derrick-Serie wird von seinem Spott nicht verschont. Wie bei uns erfreute sie sich in Italien großer Beliebtheit, obwohl es dafür, laut Eco, keinen triftigen Grund gibt, denn hier sei, bei Licht betrachtet, doch alles recht mittelmäßig: der Held, der Plot und Derricks Gehilfe Harry, “der offensichtlich ohne vorgängigen Intelligenztest in die bayerische Polizei übernommen worden ist.”

Eco erläutert, warum Fußball eine sexuelle Perversion ist. Leider sei er, Eco, in seiner Kindheit und Jugend als “Meister des Eigentores” zu wichtigen Spielen nie zugelassen worden, bedauert er heute. Er unterscheidet zwischen Büchern zum Nachschlagen und Büchern zum Lesen und stimmt ein Loblied auf die Klassiker an, weil diese moderner waren als wir es heute sind. Er beschreibt den “Heiligen Krieg zwischen Macintosh und Dos”(übrigens wussten Sie schon, dass Macintosh katholisch und Dos protestantisch ist?), liefert die Chronik einer sündigen Nacht und erklärt, wie man sich heiter auf den Tod vorbereitet. Bei alledem erweist sich der Schriftsteller als exzellenter Spurenleser und glänzender Parodist. Intelligent, scharfzüngig und dabei stets unterhaltsam versteht er es, in seinen Glossen, Polemiken, Satiren und Beobachtungen durch unerwartete Wendungen jedem Thema neue Aspekte abzugewinnen. (Einige von Ecos Kurzgeschichten gibt es mittlerweile schon als eBook.) (UH)

Titel: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß
Autor: Umberto Eco
Verlag: Hanser Verlag
Seiten: 186
ISBN: 3446199063

Abgelegt unter Lyrik

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