Ausharren im Paradies

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Renate Feyl, bekannt eher durch ihre Romanbiographien über Frauen der Romantik, legt hier einen Roman über das Leben in der DDR seit 1951 vor.

In dem Roman klingt melancholisch ,wenn auch sicher sehr treffend, an , was die zeitweise Begeisterung über den Sozialismus für die Menschen bedeutete . Es machen sich zwangsläufig im Laufe der Jahre die Abarten des Systems bemerkbar. Sie lösen Enttäuschung und Resignation bei vielen Bewohnern der DDR aus, und es zeigt sich die Ohnmacht ,angesichts der verkrusteten Verhältnisse die eigene Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren.

Zum Inhalt:
Mit großer Überzeugung hat sich Kogler, Doktor der Slawistik, als vertriebener Sudetendeutscher für die DDR entschieden und nicht für die alternative Möglichkeit, nach Bayern auszureisen.
Nach anfänglicher Euphorie über den Sozialismus als der erstrebten und ersehnten Lebensform wird Kogler , seiner Frau und seinen Töchtern immer mehr bewusst, unter welchen Zwängen sich das Leben in der DDR abspielt.

Kogler kämpft sich wacker als Professor an der Universität durch , seine Frau Anna bleibt Hausfrau .Ihre Eltern leben in Stuttgart. Sie ist zunächst indifferent in ihrer Haltung zum Leben in der DDR , würde aber lieber bei ihren Eltern in ihrer Geburtsstadt leben. So widmet sie sich ganz dem Leben ihrer Töchter.Kogler selbst aber bestimmt das Leben in der Familie durch sein Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Es ist ein patriarchalisches Familienleben.

Am Beispiel der Tochter von Kogler, Katharina Hellberg und ihres Mannes, nimmt die Beschreibung eines totalitären und verlogenen Regimes seinen Fortgang. Durch Randfiguren , die sich in den sogenannten goldenen Westen begeben, wird zwar auch die Farce der Konsumgesellschaft entlarvt,– aber nichts desto trotz muss man konstatieren, dass Freiheit Möglichkeiten für jeden bietet. Es ist die Freiheit der Wahl, die dem DDR-Regime abgeht und in dem jede Initiative, jeder Elan verloren geht. Katharina scheint am Ende zu resignieren, ihr Mann um nichts weniger. Kogler, ihr Vater wird seines Amtes an der Universität enthoben , als er sich für den Prager Frühling stark macht.

Die Geschichte steuert auf den Mauerfall 1989 zu.
Danach ist Hellberg , Katharinas Mann, voll Eifer dabei , sich eine eigene zahnärztliche Praxis aufzubauen.
Katharina aber bleibt beruflich auf der Strecke. Sie hatte sich nicht durch einen Parteieintritt zu dem Regime bekannt, was ihr in ihrer wissenschaftlichen Karriere zum Nachteil gereicht hat. Die alten Seilschaften können sich hurtig umstellen, und sie muss erfahren, dass ihr regimetreuer Chef als Professor mit weltweiten Verbindungen schnell wieder fest im Sattel sitzt und ihr sogar zum Vorwurf macht, dass sie sich keinen internationalen wissenschaftlichen Ruhm erworben hat. Das klingt für sie wie Hohn, da er es ja stets zu verhindern wusste.

Die ganze Geschichte gibt in Teilbereichen ein gutes Bild über die Entwicklungen und Verwicklungen in der DDR wieder.
Manches aber bleibt ein wenig klischeehaft. Auch ist der Romanaufbau zuweilen verwirrend in den verschiedenen Zeit- und Generationsebenen.

Alles in allem ist das ein unterhaltsamer Roman mit geschichtlich aufschlussreichem Hintergrund. (Claudine Borries)

Titel: Ausharren im Paradies
Autor: Renate Feyl
Verlag: Diana Verlag
Seiten: 509
ISBN: 3453171918

Der Club der Weihnachtshasser

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

“Weihnachten, sprich nicht von Weihnachten!”, fleht Arthur Ellis und grollt: “Wenn Weihnachten ein Mensch wäre, dann würde ich in einer nebligen Nacht rausgehen und ihm die Gurgel durchschneiden.” Wesentlich moderater fällt da schon Kenneth Fosters Reaktion aus: “Tatsache ist, dass man Weihnachten abschaffen sollte.” Prompt gibt auch Ernie Gosling zu, dass er das Fest nicht mag, und Percy Bateman ist überzeugt, dass niemand außer einem Leidensgenossen verstehen kann, was die Einsamkeit einem Einsamen an Feiertagen aufbürdet.

Bateman, Gosling, Foster, Ellis und Diana Hayhurst treffen sich jeden Mittwochabend im Pub “The King’s Arms” in Shepherd’s Bush, einem Stadtteil Londons – freilich nicht vordergründig, um ihrer Weihnachtshasser-Ideologie zu frönen. Die Passion für ein Kartenspiel namens Solo war es, die das Quintett, deren Mitglieder unterschiedlicher kaum sein können, zusammen geführt hat. Arthur Ellis, der ehemalige Gebietsleiter der NatWest Bank und jetzige Besitzer eines Linoleumladens, fällt zwar auch durch seinen ständigen Begleiter, einen Streifen Linoleum, auf, zieht aber erst mit seinem einsamen Kartenspiel die Aufmerksamkeit von Ernie Gosling auf sich. Der wiederum hat gerade seinen Job in einer Maschinenfabrik verloren und betätigt sich nun als Hilfskellner im “The King’s Arms”. Percy Bateman hat irische Wurzeln, was im England der achtziger Jahre eher Makel denn Bonus ist, lebt in einem möblierten Zimmer, von Gelegenheits-Jobs und lernt Ellis, der ihn zur Solorunde bringt, bei einem Friseurbesuch kennen. Kenneth Foster komplettiert die Gruppe, als er, der erfolgreiche Steuer- und Wirtschaftsprüfer auf dem Weg zu einer Prostituierten vom Mut zum Seitensprung verlassen, zufällig im Pub landet. Eher ungebeten gesellt sich schließlich noch Diana Hayhurst, die Unipolitan-Herausgeberin, zu den Kartenspielern. Da sich Solo zwar zu dritt, aber keinesfalls zu fünft spielen lässt, wird fortan der Geber zum Aussetzen gezwungen, und das wiederum eröffnet die Möglichkeit zu Gesprächen. Schnell werden die vom Hass auf das anstehende Weihnachtsfest mit seinen leidigen Begleiterscheinungen wie unliebsamen Verwandtenbesuchen oder übertriebenen Geschenke-Erwartungen dominiert. Und eines Tages wird für die Solorunde aus der fixen Idee, Weihnachten zu sabotieren, ein Plan, der danach schreit, in die Tat umgesetzt zu werden: Ein Exempel wollen sie statuieren – in Mellick, Percys irischer Heimatstadt, am Sparerverein seines Vaters. So macht sich das Quintett auf den Weg nach Irland, wo es gravierende Verwechslungen, Wiedersehen und Entdeckungen erlebt.

Dem 58-jährigen Michael Curtin – in Limerick lebend, 1999 mit dem Irish Arts Council Grant ausgezeichnet und als “der irische Julian Barnes” gefeiert – ist mit seinem fünften Roman “Der Club der Weihnachtshasser” eine ungemein treffende Burleske auf das England der Thatcher-Ära gelungen. Liebevoll ironisch skizziert er seine Protagonisten und ihre Erlebnisse und sorgt mit aberwitzigen Dialogen bei den Lesern dafür, dass aus dem permanenten, die Lektüre begleitenden Schmunzeln häufig ein Lachen wird. (Ensa Maurer)

Titel: Der Club der Weihnachtshasser
Autor: Michael Curtin
Verlag: DTV
Seiten: 376
ISBN: 3423241985

Die Glut

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Dieses ist eines der schönsten Bücher, das mir in letzter Zeit begegnet ist. Es ist 1942 zuerst erschienen und kürzlich neuentdeckt und wiederaufgelegt worden. Voller Melancholie erscheint vor unserem Auge die Zeit des untergegangenen k.u.k.-Reiches.

Zwei gute Freunde , wie sie unterschiedlicher als sie sind nicht sein könnten, begegnen sich nach 41 Jahren der Trennung wieder: der eine, Henrik, begütert, der andere, Konrad, arm. Henrik ist Soldat aus Tradition, Berufung und Herkunft, Konrad ist sensibel, den schönen Künsten und der Literatur zugetan und Soldat nur wider Willen.

Bei dem Wiedersehen ,das Konrad herbeigeführt hat ,erscheint in langen Gesprächen , vor allem einem langen Selbstgespräch von Henrik, vor dem geistigen Auge des Lesers noch einmal das gemeinsame Leben der beiden in ihrer Jugend; die zusammen verbrachten Jahre auf der Kadettenanstalt, die enge Freundschaft, Begegnungen mit dem Vater von Konrad, dem General, Gespräche über das Dasein , das Verschiedensein der Menschen, über die Welt und die Frauen. Die Sehnsucht von Henrik ,zu denen zu gehören, die musikalisch und poetisch veranlagt sind: sie begleitet sein ganzes Leben und lässt ihn tiefe Einsamkeit empfinden.

Die Ehe von Henrik und Krisztina, die sich in der Rückschau als Lug und Trug erweist, spielt eine zentrale Rolle in der gemeinsamen Lebensgeschichte der Freunde. Um sie herum kristallisiert sich ein Drama , das Henrik erst nach und nach erahnt hat. Konrad, der offensichtlich die Frau seines Freundes Henrik geliebt hat, auch in Versuchung war, seinen Freund auf einer Jagd zu erschießen, ist eines Tages Hals über Kopf verschwunden. Henrik hört und sieht ihn nie wieder bis zu diesem Augenblick des Wiedersehens nach 41 Jahren.

Aber Rache und Aufklärung , wie Henrik sie über Jahre herbeigesehnt hat, ist im Angesicht des Alters plötzlich gar nicht mehr von Bedeutung .

Es ist ein Buch voller Altersweisheit, Empfindungen der Vergänglichkeit und sogar Vergeblichkeit. Wie ein Autor den Bogen vom sprudelnden, leidenschaftlichen und lebensneugierigen Alter der Jugend zum abgeklärten, schon fern dem Leben stehenden , auch der Leidenschaften verlustig gegangenen Abschnitt des Alters beschreiben kann,– das wir Sándor Márai so schnell niemand gleichtun können.

Ein sehr empfehlenswertes Buch ! (Claudine Borries)

Titel: Die Glut
Autor: Sandor Marai
Verlag: Piper
Seiten: 223
ISBN: 3492041620

Die Rache der Engel

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Im England des Jahres 1840 suchen die Freundinnen Lucan und Zosine nach einer Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und dabei zusammen bleiben zu können.

Lucan ist eine arme Waise, Zosine ist mutterlos, ihr Vater lebt noch, musste aber vor der britischen Justiz nach Übersee fliehen, so dass die beiden jungen Mädchen völlig auf sich alleine gestellt sind.

Da erscheint ihnen das Angebot des Pfarrers Pennhallow, sich für ein Jahr der Freundinnen anzunehmen, sie in seinem Haushalt auf Saint- Barbe, einem französischen Gutshof, zu versorgen, auszubilden und wie eigene Kinder zu behandeln, wie ein Geschenk des Himmels.

Zu Beginn gestaltet sich der Aufenthalt der Mädchen auf Saint- Barbe auch sehr harmonisch, der alte Pfarrer behandelt die beiden freundlich und lehrt sie fremde Sprachen, Malerei, Geschichte und Literatur.

Eines Tages erscheint ein Richter auf Saint- Barbe und verdächtigt Pennhallow und seine Frau Menschenhändler zu sein und bevorzugt junge blonde Mädchen nach Übersee zu verkaufen. Entrüstet weisen die beiden alten Leute die Anschuldigungen zurück und werden bei ihrer Verteidigung von Lucan und Zosine kräftig unterstützt.

Doch im Laufe der Zeit kommt den beiden Mädchen nach und nach der Verdacht, dass die Anschuldigungen gegen das Pastorenehepaar doch nicht ganz grundlos sind. Als sie einen Brief finden, der ihrer Vermutungen aufs Grausamste bestätigt, wissen sie, dass ihr Leben auf Saint-Barbe in Gefahr ist. Zunächst sinnen die beiden auf Flucht, doch Zosine möchte Saint -Barbe nicht verlassen ohne Pennhallow und seiner Frau das Handwerk zu legen.

Schuldlos verarmte junge Mädchen aus gutem Hause im England des neunzehnten Jahrhunderts; dies ist die klassische Grundlage für einen Gouvernantenroman. Doch dieses Buch ähnelt eher einem etwas altmodischen Krimi als jener Literaturgattung. Es ist alles da, was einen guten Psychothriller ausmacht: ahnungslose Menschen, Bösewichter, die hinter einer freundlichen Maske einen abgrundtief finsteren Charakter verbergen, unheimliche Örtlichkeiten, merkwürdige, zunächst nicht erklärbare Ereignisse, Verwechslungen, Irrtümer und falsche Freunde. Tania Blixen verknüpft diese Zutaten zu einem höchst spannenden und lesbaren Buch, das das Bedürfnis der Leser nach Unterhaltung befriedigt und zum Nachdenken über die Abgründe menschlichen Verhaltens anregt.

Eine besondere Erwähnung verdient meiner Meinung nach der ausgesprochen geschickt gewählte Titel des Romans, denn es sind nicht die aus finsteren Gedanken geborenen (und durchaus nachvollziehbaren) Rachegelüste, die den bösen Pastor schließlich zur Strecke bringen, sondern es ist gerade das Gegenteil, nämlich Lucans Flehen um Gnade. Ihr Verzeihen ist die eigentliche Rache an dem finsteren Mann, die “Rache der Engel” eben.

Es lohnt sich, diesen Roman aus den staubigen Ecken der Bibliotheken oder Buchhandlungen zu befreien und ihn zu lesen!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Die Rache der Engel
Autor: Tanja Blixen
Verlag: Rowohlt
Seiten: 332
ISBN: 3499227010

Die Papierverschwörung

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Wer sich in die abenteuerliche Geschichte der “Papierverschwörung” vertieft, kommt so schnell nicht mehr von ihr los. Vor allem für jene, die gegenwärtig negative Erfahrungen mit ihren Aktienanlagen machen und besorgt deren Niedergang verfolgen, hat der Roman sicher einen besonderen Reiz.

Er spielt in England zu Beginn des 18.Jahrhunderts. Die Zeiten sind unsicher und unruhig. Die Insel lebt in ständiger Angst vor einem französischen Angriff. Machtkämpfe zerrütten das Kabinett. Täglich berichten die Zeitungen von drückenden Staatsverschuldungen.

Damals im Oktober 1719 machte Benjamin Weaver die Bekanntschaft mit William Balfour, einem offensichtlich heruntergekommenen Gentleman. Vor zwei Monaten war Balfours Vater gestorben. Manche sagen von eigener Hand. Da er finanzielle Rückschläge erlitten habe, habe er sich in seinen eigenen Stallungen aufgehängt. Andere wiederum munkeln von Mord. So ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sein Sohn William nun Weaver, der gerade den Beruf eines Privatdetektivs ausübt – in jungen Jahren hatte sich Weaver als Faustkämpfer, sprich Boxer, einen Namen gemacht – mit der Aufklärung des Todes seines Vaters beauftragt. Weavers Vater – er genoss lange Zeit den Ruf eines wohlhabenden Kaufmanns – ist ebenfalls wie Balfours Vater vor einiger Zeit getötet worden. Hatte der Tod des einen mit dem anderen zu tun? Weavers Vater hatte offensichtlich beträchtlichen Profit mit seinen Spekulationen gemacht. Doch bei seinem Tod war davon nichts mehr vorhanden. Sein Aktienbesitz war, wie der Sohn feststellen musste, ein einziges Durcheinander. Was war geschehen? Hatte er sich verspekuliert? War er beraubt und daraufhin getötet worden?

Weaver und der Leser tappen lange Zeit im Dunkeln. Stattdessen kommen immer mehr Personen ins Spiel. Weaver erledigt nebenbei allerlei heikle Aufträge, die für ihn nicht ganz ungefährlich sind, zumal er selbst bei seinem Vorgehen nicht gerade zimperlich ist, und auch, wenn es sein muss, über Leichen zu gehen bereit ist. Mitunter kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Nur ganz allmählich durchschaut er die Machenschaften und Intrigen in der Londoner Finanzwelt und die verhängnisvolle Rolle, die die South Sea Company dabei gespielt hat. Eine verzwickte, aufregende Geschichte, atmosphärisch dicht und anschaulich, in der das Klima der damaligen Zeit, als das Börsenfieber ganz England erfasst hatte, gut eingefangen ist. Erst ganz am Schluss erfährt Weaver, und wir mit ihm, dass vieles von dem, was der Detektiv zu erledigen hatte, miteinander zusammenhängt, und Weaver selbst von seinen Auftraggebern und deren Hintermännern nur benutzt worden ist.

Nachdem sich aber auch andere Londoner Bürger ruiniert sahen, deren Aktien anfangs hochgeschnellt und dann ganz schnell wieder gefallen waren, wurde allenthalben der Ruf nach Gerechtigkeit und Rache laut. Doch der nun einmal heraufbeschworene Geist des Aktienhandels konnte in seinen Höllenschlund nicht mehr verbannt werden. So kommt es, dass er noch heute sein Unwesen treibt. (Ursula Homann)

Titel: Die Papierverschwörung
Autor: David Liss
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 672
ISBN: 3442750784

Der große Eisenbahnraub

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Der Gentleman-Gauner Edward Pierce plant im viktorianischen England im Jahr 1855 den Eisenbahn-Goldtransport für die Soldaten des Krim-Krieges auszurauben. Dazu heuert er verschiedene Spezialisten in der Londoner Unterwelt an und meistert immer wieder schier unüberwindliche Hindernisse.

Crichton schreibt zum Teil im Stil eines Tatsachenberichtes und lässt viele Informationen über das London des neunzehnten Jahrhunderts einfließen. Die Akteure aus den unteren Gesellschaftsschichten unterhalten sich in einer eigenen Gossensprache. Was für den Übersetzer sicher kein leichtes Unterfangen war, aber meiner Meinung (ich kenne nur die deutsche Version) nicht schlecht gemeistert wurde. Diese Mischung aus Realitätsnähe und aus der distanzierten, heutigen Sicht geschilderten “Reportage” ist gut gelungen und ein kurzweiliges und spannendes Lesevergnügen.

Zuletzt ist der Roman zusammen mit “Congo” vom selben Autor bei Knaur (ISBN: 3-426-71131-1) erschienen.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Der große Eisenbahnraub
Autor: Michael Crichton
Verlag: Knaur
ISBN: 3426711311

Offene Blende

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Eines Tages, Ende der 80er-Jahre, sitzt Christiane, die vor dem Fall der Mauer aus der DDR geflohen ist, mitten über dem Atlantik. Auf Platz 9 A schwebt sie ihrem neuen Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten entgegen. Ein Leben, das schon bei der Einreise nach einer Lüge verlangt: Sie würde einen Amerikaner heiraten, versichert sie den Beamten, die sie schließlich passieren lassen.

Kurz darauf hat New York Christiane verschluckt und eine Frau, die sich Jo nennt und für 120 Dollar die Woche plus Trinkgeld im “White Horse” kellnert, auftauchen lassen. Dort lernt sie den etwas verschroben wirkenden Jeff kennen, der entgegen ihrer Befürchtung weder eine Arbeitserlaubnis noch ihr Visum sehen will, sondern sich schlichtweg für sie, Jo, interessiert. Sie verbringen die Nacht zusammen, doch mehr als dieses Erlebnis berührt sie seine Frage: ‘Are you an actress?’ Die Beiden gründen mit Jeffs Geld und Jos schauspielerisch-dramaturgischem Know-How ein experimentelles Theater in der Barrow Street des New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village.

Mit den Erfahrungen, im Überschuss schwelgen zu können und von der Pleite bedroht zu sein, lernt Jo einige Jahre später die aus Marburg stammende, gerade im “Big Apple” gelandete Fotografin Leah kennen. Sie verlieben sich ineinander und damit gehen die Probleme für Jo erst richtig los.

Krampfhaft versucht sie, ihre eigenen Gefühle zu ignorieren und Leah auf Distanz zu halten. Verbissen wehrt sie Leahs Ambitionen ab, sich ein Bild von ihr zu machen, und hinter die Kulissen ihrer Persönlichkeit zu blicken. Stoisch grenzt sie ihre beiden Leben voneinander ab, ist für Leah die New York-kundige und des Deutschen unkundige Amerikanerin Jo und im Theater Christiane, die Regisseurin mit einem Faible für Inszenierungen, in die sie ihre Erinnerungen an die Heimat einfließen lassen kann.

“Offene Blende” hat alles, was einen lesenswerten Roman ausmacht: brillant gezeichnete Charaktere, prägnante Dialoge und die Kulisse einer pulsierenden Metropole, vor der eine ganz besondere Liebesgeschichte zweier völlig unterschiedlicher Frauen entsteht. Das Bestechendste an diesem literarischen Debüt ist jedoch die Sprachkraft von Antje R. Strubel und ihre Perspektive auf die Handlung, deren Rahmen die Entwicklung von Jo/Christiane bildet. Mit einer spielerischen Leichtigkeit wechselt sie stilistisch von der distanzierten Totalen zum detailorientierten Zoomen auf den Plot und wieder zurück. Mit Metaphorisierungen, die ihre Kraft aus dem zurückhaltenden Umgang mit ihnen gewinnen, und einer beeindruckend unspektakulären erzählerischen Ruhe begleitet sie die Hin- und Hergerissenheit ihrer Protagonistinnen.

Antje Rávic Strubel wurde 1974 in Potsdam geboren und absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung als Buchhändlerin. Anschließend studierte sie in Potsdam sowie an der New York University Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie. Derzeit lebt die Stipendiatin des Vierten Klagenfurter Literaturkurses in Berlin und Potsdam. Ihr Debüt-Roman “Offene Blende” wurde von der Stiftung Kulturfonds und dem Ministerium für Wirtschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg gefördert. (Ensa Maurer)

Am 10. April 2001 um 20 Uhr stellt Antje R. Strubel ihr Buch “Offene Blende” im Brandenburgischen Literaturbüro (Hegelallee 53) in Potsdam vor.

Titel: Offene Blende
Autor: Antje R. Strubel
Verlag: dtv premium
Seiten: 320
ISBN: 3423242515

Unterwegs nach Cold Mountain

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Während des amerikanischen Bürgerkrieges wird der auf Seiten der Südstaaten kämpfende Soldat Inman verwundet.

Als der junge Mann so weit wieder hergestellt ist, dass seine Kräfte für eine Flucht ausreichen, desertiert er und macht sich zu Fuß auf den Weg zurück in seine Heimat in den Bergen North-Carolinas, wo, so hofft er, seine Liebste Ada auf ihn wartet. Der Weg ist voller Gefahren, denn im Lande herrscht Gesetzlosigkeit. Stets muss Inman auf der Hut sein – vor Milizionären, die Deserteure wie ihn jagen, vor Banditen, Plünderern und anderen Desperados. Doch immer wieder trifft der Fahnenflüchtige auf hilfsbereite Menschen – auf ein altes Hutzelweiblein, das seine Wunden pflegt und ihn, der seit Tagen nichts gegessen hat, mit Nahrung versorgt oder auf eine junge Witwe, die selber so arm ist, dass sie kaum weiß, wie sie den kommenden Winter überstehen soll. Während der geflohene Soldat sich mühsam Meile für Meile in Richtung Heimat schleppt, muss seine Braut Ada nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters lernen, eine Farm zu versorgen und von den Produkten, die das Land hergibt zu leben.

Ohne die heimatlose Ruby, die eines Tages wie vom Himmel gesandt hereinschneit, wäre das ihr, der Bürgertochter kaum gelungen. Ruby kann, obwohl sie noch recht jung ist, so ziemlich alles – sie kann den Boden bearbeiten, sie kann pflanzen und säen, kochen und backen, Bäume fällen und Häuser reparieren, sie kann die Zeichen der Natur deuten, à là Monty Roberts Pferden etwas zuflüstern und auch sonst hervorragend mit Tieren umgehen, Wunden und Krankheiten heilen und noch vieles mehr.

Dank ihrer Hilfe ist es möglich, kurz vor Beginn des Herbstes noch genügend Lebensmittel zu erzeugen, so dass den beiden Frauen vor dem nahenden Winter nicht bange zu sein braucht.

Der Autor erzählt durchaus spannend und einfühlsam, zum Teil im Stile eines Märchens, von gefahrvollen Wanderschaften, vom Bösen, das am Wegrand lauert, von kleinen Wundern und großen Überraschungen. Doch allzu oft gerät sein Roman reichlich langatmig und häufig nervt mich seine Idealisierung des ländlichen Lebens. Vor etwa fünfzehn Jahren, während meiner hochalternativen Phase, bekam ich einmal “Das große Buch vom Leben auf dem Lande” geschenkt, das dem zivilisationsmüden Städter mit warmen Worten die Freuden des zwar arbeitsreichen aber durch und durch befriedigenden einfachen Landlebens nahe bringen wollte. Fraziers Roman erscheint mir zeitweise wie die literarische Version dieses Handbuches. Wie leicht und problemlos Ada und vor allem Ruby die Arbeit von der Hand geht – alles gelingt ihnen fast mühelos!

Innerhalb weniger Wochen schaffen es die beiden Frauen aus Adas heruntergekommenen Besitz eine florierende Farm zu machen, zu säen, zu ernten, Schadhaftes zu reparieren, Regale voller Vorräte im Keller aufzuhäufen, Heu zu machen, Äpfel zu pflücken und zu verarbeiten, Saft zu keltern, Bäume zu fällen, Holz zu spalten und ganz nebenbei auch noch zu lesen oder zu malen und selbstverständlich zu kochen, zu backen und das Haus sauber zu halten. Im tiefsten Winter, bei Eis und Schnee genügt den Frauen eine Stunde um im Wald Holz für ein wärmendes Feuer zu sammeln, eine verlassene, heruntergekommene Hütte zu säubern und Tannenäste zu schlagen um damit ein Loch in der Decke dieser Hütte zu flicken – eine Leistung, die der Würdigung im “Buch der Rekorde” bedarf!

Viele Fragen bleiben offen– wo zum Beispiel hat Ruby all’ ihre enormen Fähigkeiten erlernt?

Insgesamt erscheint mir der Roman in weiten Teilen unglaubwürdig, obwohl Frazier sich darauf beruft, einen Teil seiner Familiengeschichte erzählt zu haben.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Unterwegs nach Cold Mountain
Autor: Charles Frazier
Verlag: Heyne
ISBN: 3453152522

Phönix aus Asche

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Als am 6. Mai 1937 in Lakehurst USA das Luftschiff “Hindenburg” bei der Landung in Flammen aufgeht, ist die Welt bestürzt. Schon bald tauchen Fragen auf: Warum geschah das Unglück – war es Sabotage – eine Verkettung unglücklicher Umstände – lag es am schlechten Wetter – war die Verwendung des hochexplosiven Wasserstoffgases daran schuld – gab es einen folgenschweren Fehler von Seiten des Kapitäns oder hatte sonst ein Besatzungsmitglied etwas falsch gemacht? Bis auf den heutigen Tag konnte niemals hundertprozentig geklärt werden, warum der Zeppelin Feuer fing.

Der schwedische Journalist Birger Lund, der die Katastrophe überlebte, hat seit jenem folgenschweren Tag eine neue Identität angenommen. Er nennt sich jetzt Per Olsen und setzt alles daran, die wahren Hintergründe des Unglücks herauszufinden.

Edmund Boysen, ein anderer Überlebender soll ihm dabei helfen. Boysen stand am Höhenruder des Zeppelins, als das Unheil geschah. Er hat sich nach der Katastrophe wieder seiner eigentlichen Berufung, der Seeschifferei, zugewandt und lebt mit seiner Frau Irene und seinem Sohn Jan auf einer nicht näher bezeichneten Nordseeinsel.

Zehn Jahre nach dem verheerenden Brand des “Hindenburg” macht sich Olsen (Lund) auf den Weg zu jener Insel. Er hofft dort Boysen zu treffen um mit ihm über die Ereignisse von damals reden zu können.

Auf der Insel schlagen dem Schweden Misstrauen, Ablehnung gar offener Hass und Feindschaft entgegen und doch gelingt es ihm, mit Boysen das ersehnte Gespräch zu führen.

Der Mann, der an jenem verhängnisvollen Tag am Höhenruder des Luftschiffes stand, hieß in Wirklichkeit Eduard Boëtius und war der Vater des Autors. Diese Tatsche verhilft dem Roman zu großer Authentizität. Man spürt nicht nur, dass die Geschichte sehr viel mit dem Leben des Schriftstellers zu tun hat, sondern dieser verfügt auch über jede Menge Fach- und Insiderwissen, was dem Text vor allem im wichtigen Mittelteil des Buches, sehr zu Gute kommt. In jenem Teil schildert Boëtius des Leben an Bord des Zeppelins vom Abflug bis zu jenem tragischen Moment, in dem der Stolz der deutschen Luftschifferei ein Raub der Flammen wird. Die Beschreibung ist so dicht, dass man fast das Gefühl bekommt, selber mit dabei zu sein. Man fühlt den schwerelosen Zustand des Schwebens, begibt sich selber auf die dreitägige Reise.

Obwohl mir auch vor der Lektüre eigentlich durchaus bewusst war, dass die Luftschifferei eine Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts war, so ordnete ich sie doch rein gefühlsmäßig bisher etwa in die Kategorie der Postkutschen ein – als etwas längst Vergangenes, eine Anekdote der Zeitgeschichte.

Beim Lesen des Romans jedoch empfand ich, wie wenig Zeit doch in Wirklichkeit seitdem erst vergangen ist – noch immer sind einige der Betroffenen am Leben!

Für meine Begriffe beginnt der Roman ein wenig zäh. Ich brauchte einige Zeit, um mich wirklich einzulesen und ganz in die Handlung eintauchen zu können.

Trotzdem – alles in allem ein sehr gutes Buch, das in mir den Wunsch geweckt hat, mehr von Hennig Boëtius zu lesen. Vor allem jedoch hat es mir einen Einblick die Reize vermittelt, die jene leise und sanfte Form des Reisens mit einem Luftschiff bietet. Ich hoffe sehr, dass diese Technologie in naher Zukunft wiederbelebt wird und nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Phönix aus Asche
Autor: Henning Boetius
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 412
ISBN: 3442750466

Meg

Erstellt am: Oktober 24th, 2007

Der Tiefseeforscher Jonas Taylor glaubt an das Überleben des Megalodon, des riesigen Vorfahren unserer heutigen Haie. Darum steht es mit seiner akademischen Karriere nicht zum Besten und seine Beziehung steht auch kurz vor der Trennung. Als er ein Angebot für Tauchgänge in die Tiefsee bekommt, sagt er nach einigen Hin und Her trotz seiner Tiefenangst zu. Doch in der Tiefe lauert ein uraltes Wesen und obwohl es wegen einer Kaltwasserschicht unmöglich scheint, kommt dieses Monster durch einen unglücklichen Zufall an die Oberfläche.

Mittelmäßiger Abenteuerroman irgendwo zwischen Jurassic Park und Der Weiße Hai. Insgesamt halbwegs spannend zu lesen aber meiner Meinung vor allem gegen das Ende hin mit einigen Schwachstellen.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Meg
Autor: Steve Alten
Verlag: Heye
Seiten: 286
ISBN: 3453129075

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