Schicksal
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Das Buch von Tim Parks lässt den Leser von Anfang an nicht los. Fast ohne Punkt und Komma von einem Gedanken zum nächsten schweifend erzählt der Romanheld Chris Burton sein Leben und das seiner Familie.
Er ist dreißig Jahre mir Mara, seiner Frau, verheiratet.
Tim Parks baut um die Figur des kranken Sohnes Marco die ganze Familiengeschichte auf und hält sie auch dadurch zusammen:
die Mutter, die sich in krankhafter Weise an den heißersehnten Sohn klammert und der Vater, der dem nichts entgegensetzt; die Lagerbildung in der Familie; die verzweifelten Versuche von Marco, sich der Umklammerung durch die Mutter zu entziehen. Vielleicht ein bisschen übertrieben, dass auch noch Paola, die Adoptivtochter, fast wie ein häßliches, fernes Stiefkind erscheint.
Vanoli, der den Sohn behandelnde Psychiater, erscheint als ein gütiger und weiser Mann : er weiß um die Verschiebung von Konflikten in Familien.
In einem unentwegten inneren Monolog denkt Chris über das Versäumte und nicht mehr Aufzuholende nach. Es ist ein beklemmendes Lebensbekenntnis oder auch eine Art Bilanz. Selbst bis in den Traum hinein reichen die Betrachtungen und Vergleiche über das, was das Leben so schwierig macht.
Ein bleibender Eindruck dieses Buches ist, dass der Icherzähler die ganze Zeit seine Empfindungen, Gedanken ,Ängste und Lebensperspektiven reflektiert. Das betrifft nicht nur sein Familienleben, sondern auch seine beruflichen Entwicklungen.
Die Sätze sind lang und verschachtelt, und die Gedanken springen zuweilen unmerklich von einem Ereignis zum anderen, was zunächst ein wenig störend wirkt. Es ist aber das Stilmittel, mit dem der Leser ganz nahe beim Erzähler ist und seinen Gedanken folgt.
Der Leser wird bei der Lektüre angeregt, über das eigene Leben nachzudenken. Die unbefriedigenden, unerledigten, nicht gerade vollkommenen Dinge spielen eine große Rolle. Der Neid des Protagonisten, seine Missgunst, sein Argwohn und die Phantasien im Hinblick auf einen Freund und Kollegen ist großartig beobachtet.
An irgendeiner Stelle sagt Vanoli, dass sich in unserer Zeit immer jemand emotional verantwortlich und schuldig fühle für die Probleme der anderen. Das scheint mir eine kluge Erkenntnis zu sein!
Es wird klar, dass es das Zusammenspiel von vielen Einzelteilen und Begebenheiten ist, die das Leben für den einen oder anderen problematisch macht. Die psychologischen Feinheiten der Beobachtung sind subtil und dominieren die Erzählung nicht.
Die Thesen des Buches liegen auf der Hand: es gibt einen Widerspruch im Menschen zwischen Schein und Sein, die das Berufs- und Privatleben beeinflusssen, und eine Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz , die das Leben zwischen Partnern prägen . Die Identität eines jeden besteht u.a. aus der Fähigkeit, diese Ambivalenzen angemessen zu berücksichtigen.
So wie das Geschehen aus der Sicht der Hauptfigur beschrieben wird, mag der jeweilige Leser das Buch aus seiner Sicht lesen: jeder wird das hineinsehen und herauslesen, was der jeweiligen eigenen Lebenserfahrung entspricht. Ein sehr empfehlenswertes Buch! (Claudine Borries)
Titel: Schicksal
Autor: Tim Parks
Verlag: Antje Kunstmann
Seiten: 282
ISBN: 3 88897 257 4
Geschichte eines Deutschen
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Sebastian Haffner ist sieben Jahre alt, als der erste Weltkrieg ausbricht.
Obwohl der Junge, wie alle anderen auch, im Laufe der Kriegsjahre Not und Entbehrungen kennenlernt, ja zeitweise auch hungern muss, empfindet er den Krieg weniger als die Katastrophe, die er war, vielmehr erlebt er ihn als eine Art spannendes Spiel, einen länderübergreifenden Wettkampf, so ähnlich wie ein heutiger Zeitgenosse vielleicht eine Fußball- WM.
Nach dem Waffenstillstand fühlt er eine deprimierende Leere – ihm fehlen die aufregenden täglichen Frontberichte, die erlogenen Erfolgsmeldungen. Erst das Jahr 1923 mit seiner Hyperinflation bringt für ihn und seine Altersgenossen zumindest vorübergehend die erregende Spannung zurück.
Während der kurzen Blütezeit der Weimarer Republik, in der Gustav Stresemann in seiner Funktion als Außenminister Deutschland in ein ruhigeres Fahrwasser führte, erwacht langsam das politische Verständnis des jungen Haffner.
Schon jetzt empfindet er die Nazis, die sich unaufhaltsam zu einer immer ernster zu nehmenden politischen Kraft im Lande entwickeln als nahezu unerträglich. Schon im Januar 1933, als sie an die Macht kommen, verspürt Haffner, der mittlerweile als Referendar am Berliner Kammergericht ist, eisiges Entsetzen, er ahnt, dass eine schlimme Zeit heraufzieht.
Bereits in den ersten Monaten ihrer Herrschaft nehmen die Nazis Schritt für Schritt immer größere Bereiche nicht nur des politischen sondern auch des privaten Lebens aller Deutschen unter ihre Fuchtel.
Sie überfallen Wehrlose, verschleppen und töten vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner, rufen zum Boykott aller jüdischen Geschäfte auf, sie ersetzen kritische Beamte durch willfährige Diener, beseitigen die Pressefreiheit, erteilen Autoren Schreibverbote. Alle Parteien, außer der NSDAP sind aufgelöst und die Nazis kontrollieren Ämter und Behörden, Schulen, Vereine und Kirchen; und sogar im engsten Bekanntenkreis verwandeln sich Menschen, die gerade noch gute Freunde waren, in politische Gegner, vor denen man auf der Hut sein muss.
Obwohl Haffner als “Arier” und Sohn aus gutbürgerlich konservativem Hause nicht zu den bevorzugten Opfergruppen der Nazis gehört, fehlt ihm in Deutschland schon bald die Luft zum atmen, kann er die Brutalität, die Dummheit, Feigheit, Borniertheit und Kulturlosigkeit der neuen Machthaber kaum noch ertragen, so dass er sich entschließt, so bald wie möglich das Land zu verlassen.
Haffner war gerade einmal 32 Jahre alt, als er im Exil den Text zu jenem Buch niederschrieb. Obwohl seitdem mittlerweile etliche Jahre vergangen sind, gibt es wohl nur wenige Bücher, die sich so klug, so weitblickend, so engagiert mit den Ereignissen von damals auseinandersetzen. Der Autor erzählt seine eigene Geschichte und reflektiert dabei über das, was in Deutschland und mit den Deutschen geschehen ist und warum gerade sie den Nazis so wenig Widerstand entgegensetzen konnten. Dabei nervt er nicht mit irgendwelchem Geschwätz und pseudoklugem Gelabere, er langweilt nicht mit endlosen theoretischen Erörterungen, sondern das Buch liest sich bei alledem spannend und unterhaltsam wie ein gut geschriebener Roman.
In den ersten Kapiteln, wo er über die Weimarer Zeit berichtet brilliert Haffner mit feinem Humor und treffender Ironie. Später, wenn er von den Nazis spricht, weicht diese Ironie beißenden Zorn und ohnmächtiger Wut – Haffner ist buchstäblich das Lachen vergangen. Mir imponieren die Klarheit seines Blicks und der Mut, die Konsequenz und die moralische Größe seines Handelns.
Obwohl er selber (noch) nicht zu den politisch Verfolgten und unmittelbar Bedrohten gehört, entschließt sich Haffner zur Emigration – einfach weil die Nazis, wie er selber sagt, seiner Nase nicht passen, weil er nichts zu tun haben will mit den Leuten, die Juden in KZs sperren und töten, jeden Andersdenkenden verfolgen, Bücher verbrennen und das gesamte Leben in Deutschland mit dem Pesthauch der Bosheit und Dummheit überziehen. – Das hat Stil! Dabei hatte 1939, in dem Jahre, in dem der zweite Weltkrieg ausbrach und Haffner diesen Text niederschrieb, das Grauen in Deutschland bei weitem noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, war Auschwitz noch ein weithin unbekanntes Städtchen in Polen.
Das Buch ist heute noch genau so aktuell wie vor sechzig Jahren und es taugt nicht nur zur Erklärung der damaligen Ereignisse, sondern es kann auch dazu dienen, den Blick für die unerfreulichen Dinge, die heute wieder in unserem Lande geschehen, zu schärfen. Man sollte seine Lektüre gerade jungen Menschen, deren politisches Weltbild noch formbar ist, eindringlich ans Herz legen.
Die “Geschichte eines Deutschen” ist (vielleicht neben den Lebenserinnerungen von Reich – Ranicki) eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland.
Titel: Geschichte eines Deutschen
Autor: Sebastian Haffner
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt
Seiten: 239
ISBN: 3421054096
Das Wüten der ganzen Welt
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Am 22. Dezember des Jahres 1956 wird bei einer religiösen Veranstaltung Arend Vroombout, der Ortspolizist einer holländischen Vorstadt erschossen. Einziger Zeuge der Bluttat ist der junge Alexander, der die Gesänge der Gläubigen auf seinem Klavier begleitet. Da er glaubt, dass der Mörder auch ihm, dem unfreiwilligen Beobachter des grausigen Geschehens, ans Leder will, lebt er seit diesem Moment in Furcht vor dem unbekannten Mann, den er nur für einen flüchtigen Augenblick sehen konnte. Nur am Klavier, wenn er die Musik seiner geliebten Komponisten Beethoven, Bach oder Schubert spielt, fühlt er sich wohl und sicher.
Da die Polizei nicht in der Lage ist, die Tat aufzuklären, versucht Alexander auf eigene Faust, herauszufinden, warum und von wem der Mord verübt wurde. Manchmal glaubt der Junge verzweifeln zu müssen, denn wo er auch sucht, überall stößt er auf Lügen, Widersprüche und seltsame Zusammenhänge. Sowohl seine Klavierlehrerin scheint in den Fall verwickelt zu sein als auch sein väterlicher Freund, der musikbegeisterte Apotheker Simon Minderhout. Kannten sie den Mörder, wissen sie warum Vroombout sterben musste? Selbst Jahre später, als längst Gras über den Fall gewachsen ist, gelingt es Alexander nur selten, das Trauma seiner Jugendzeit zu verdrängen, denn immer wieder wird er mehr oder weniger zufällig auf diese Geschichte gestoßen. Und dann muss er plötzlich erkennen, dass er viel tiefer in das Geschehen verstrickt ist, als er je ahnen konnte . . .
Es ist eine verwickelte und doch am Ende vollkommen logische Geschichte, die der Autor hier erzählt. Scheinbar nebensächliche Details, die zu Beginn des Romans mehr oder weniger beiläufig zur Sprache kommen, werden zum Schluss plötzlich unglaublich wichtig, und führen schließlich zur Aufklärung des Ganzen.
Obwohl der Leser, genau wie der Ich-Erzähler, bis etwa zur Hälfte des Buches völlig im Dunkeln tappt, höchstens eine vage Ahnung von den Zusammenhängen hat, erkennt er doch langsam, in welch kompliziertes Geflecht aus Rache, Lüge, Verrat, Liebe und Hass der junge Alexander ohne eigene Schuld verstrickt ist. Man glaubt plötzlich, viel mehr zu wissen, als der bedauernswerte Junge, der nicht in der Lage ist zu erkennen, was doch so klar auf der Hand zu liegen scheint.
Dabei ist das Buch weiß Gott nicht nur ein simpler Krimi, es ist sehr viel mehr – ein Buch über die Musik, übers Erwachsenwerden und über die Liebe. Und nicht zuletzt enthält der Roman auch eine ziemlich harte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen während des Krieges und den ersten Jahren der Nachkriegszeit in den Niederlanden.
Dieses Buch hatte bei mir den Effekt, den halt nur ganz besonders gelungene Romane hervorrufen: Ich wollte lesen, lesen und lesen und doch wusste ich, dass ich je gieriger ich den Text verschlang, mich um so schneller der letzten Seite näherte, die mich unwiderruflich von der Lektüre trennen würde. Ursprünglich hatte ich vor, den Roman mit der Höchstwertung auszuzeichnen, doch nachdem einige Tage vergangen waren, und mein Gesamteindruck sich festigen konnte, empfand ich ein unangenehmes, schales Gefühl was Alexanders Entscheidung am Ende des Buches betrifft. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte das traurige Geheimnis, das sich um seine eigene Existenz rankt und das er selber aufgedeckt hat, seinen nächsten Angehörigen, vor allem seiner Frau enthüllt. Bis zu dem Augeblick, wo er erkennen muss, wer er wirklich ist, ist Alexander an all den Ränken, die so viel Unheil angerichtet haben, vollkommen unschuldig – ein ahnungsloses Opfer. Doch er hätte die einmalige Chance gehabt unter dieses Kapitel einen Schlussstrich zu ziehen, indem er es nicht tut und die Lüge weiter bestehen lässt, belastet er sich nun selber auch mit Schuld.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland
Titel: Das Wüten der ganzen Welt
Autor: Maarten ‘t Hart
Verlag: Piper Verlag
Seiten: –
ISBN: 3492225926
Amerikanisches Idyll
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Der Schriftsteller “Skip” Zuckerman (wohl das alter ego des Autors) befindet sich schon jenseits des “besten” Mannesalters, als er Seymour Levov, genannt “der Schwede”, das Idol seiner Jugend, wiedertrifft.
“Der Schwede” scheint er ein glücklicher Mann zu sein. Er sieht immer noch sehr gut aus, hat eine wesentlich jüngere attraktive Frau und drei wohlgeratene Söhne, mit deren schulischen und sportlichen Leistungen er so penetrant prahlt, dass den Schriftsteller leise Zweifel beschleichen, ob denn mit dem geistigen Gesundheitszustand seines einstigen Idols wirklich alles in Ordnung ist.
Ein halbes Jahr später, als er sich bei einem Klassentreffen mit Levos Bruder unterhält, erfährt Zuckerman die Wahrheit über das Schicksal des “Schweden”.
Zunächst scheint Levov wirklich die Sonnenseite des Lebens für sich gepachtet zu haben; er sieht blendend aus, ist ein hervorragender Sportler, bei seinen Mitmenschen beliebt, er hat ein gut gehendes Geschäft, mit dem er eine Menge Geld verdient, eine hübsche Frau, die sogar einemal den Titel einer “Miss New Jersey” errang, und eine intelligente Tochter – Merry. Doch eines Tages im März 1968 bricht das Unheil über Levov herein. Ihm widerfährt so ziemlich das Schlimmste, was einem liebenden Vater – vom Tod des Kindes einmal abgesehen – passieren kann: Seine Tochter wird zur Mörderin.
Um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, legt sie eine Bombe, die nicht nur das Postamt und den einzigen Kaufmannsladen ihres Heimatdorfes zerstört, sondern auch den ganz zufällig dort anwesenden Arzt des kleinen Ortes tötet.
Fünf Jahre lang hört “der Schwede” nichts von Merry, die nach der Tat in den Untergrund abtaucht – fünf Jahre, in denen er sich jeden Tag fragt, wie es wohl seiner Tochter gehen mag, ob sie überhaupt noch lebt, ob sie genug zu essen hat, ob sie ihre Tat bereut.
Immer wieder grübelt Levov darüber nach, wie es zu dem schrecklichen Ereignis kommen konnte. Was ist schief gelaufen in seiner Familie, was hat er falsch gemacht, hätten er oder seine Frau etwas tun können, um Merrys Leben in geordneteren Bahnen verlaufen zu lassen, hat er sich vielleicht zu sehr darum bemüht, nicht verkehrt zu machen, hat er das Kind verwöhnt oder hat ihre Sprachbehinderung (Merry stottert) die Tochter zu dem gemacht, was sie ist?
Als Merry dann endlich Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt, kommen weitere schockierende Erkenntnisse auf den “Schweden” zu. Die Tochter gesteht ihm neben dem Arzt noch drei weitere Menschen auf dem Gewissen zu haben – doch nicht nur das entsetzt Levov, sondern auch die Tatsche, dass die Tochter während ihres Lebens im Untergrund mehrmals vergewaltigt wurde. Vor allem aber ist er erschüttert über Merrys neue, selbstgewählte Lebensform als Mitleid der indischen Religionsgemeinschaft der “Jaina” einer Sekte, die die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebensformen zum Prinzip hat und deren strengste Vertreter sogar pflanzliche Kost ablehnen und daher über kurz oder lang verhungern. Die einst pummelige Merry ist bereits stark abgemagert und lebt in der Nähe ihres Heimatortes in einer miserablen Unterkunft unter unwürdigen Bedingungen.
Und nun erfährt der gebeutelte Mann zu allem Unglück auch noch, dass ihn seine Frau mit einem Nachbarn betrügt und dass eine intime Freundin jahrelang sein Vertrauen missbraucht hatte und schwerwiegende Geheimnisse vor verbarg.
Später gründet Seymour mit seiner zweiten Frau eine neue Familie, doch nie wieder wird “der Schwede” völlig glücklich sein, denn obwohl er sich nach Kräften darum bemüht, die Geschichte seiner ersten Familie zu verdrängen, gelingt es ihm nie und immer wieder holt ihn die Erinnerung an seine Tochter ein.
Obwohl das 574 Seiten umfassende Buch inhaltlich sehr anspruchsvoll ist, ist es relativ leicht zu lesen.
Roth entwirft ein großes Panorama der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Mit Seymour Levov erschafft er einen Romanhelden, der trotz seiner jüdischen Herkunft geradezu das Urbild des weißen Mittelklasseamerikaners darstellt. Erfolgreich, gutaussehend, gleich in sämtlichen drei uramerikanischen Volkssportarten (Football, Baseball und Basketball) ein As, Kriegsfreiwilliger in Korea usw. Roths Wortspielerei mit dem Spitznamen Levovs ist genial – er nennt ihn “der Schwede”, obwohl er doch eigentlich “der Ami” hätte heißen müssen, denn “schwedisch” ist nur sein Äußeres im Innern ist er Amerikaner durch und durch.
Das Bild, das Roth von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, ist ziemlich düster, oberflächliche Beziehungen, tiefverwurzelte Vorurteile und Brutalität prägen ihr Aussehen. Doch Roth wertet nicht. Er erzählt einfach und überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Obwohl Roth niemals moralisiert, bleibt er gleichwohl moralisch, denn an keiner Stelle des Buches versteigt er sich dazu, Merrys Taten zu beschönigen oder gutzuheißen. Roth erzeugt Ratlosigkeit – eine simple Begründung für die verhängnisvolle Entwicklung im Leben der Familie Levov hält er nicht parat.
Der Leser wird auf diese Weise dazu gezwungen, sich Gedanken zu machen und selber nach Erklärungen zu suchen.
All dies macht den Roman zu einem hochklassigen Stück Gegenwartsliteratur.
Doch habe ich auch einige kritische Punkte anzumerken: Der Roman ist gelegentlich etwas langatmig – einige Situationen sind zu sehr bis ins kleinste Detail geschildert, etliche Örtlichkeiten zu umfassend beschrieben. Manchmal war ich versucht, ein paar Seiten, die mich langweilten zu überblättern bzw. diagonal zu lesen.
Die Rahmenhandlung nimmt fast ein Drittel des gesamten Buches ein – O.K., sie ist inhaltlich recht gehaltvoll und mehr als nur stilistisches Beiwerk, doch hätte man das Ganze durchaus knapper gestalten können.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“
Titel: Amerikanisches Idyll
Autor: Philip Roth
Verlag: Rowohlt
Seiten: 574
ISBN: 349922433X
Der Geliebte der Mutter
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Geliebten der Mutter. “Er war steinalt, kerngesund noch im Tod.” Edwin war Musiker gewesen, ein guter Dirigent, der vor allem sein “Junges Orchester” und seine Karriere im Kopf hatte und nie bemerkte, wie sehr ihn die Mutter liebte – ihr Leben lang. Als junger Mann war er mausarm gewesen, die Mutter jedoch reich. Am Ende war es umgekehrt. Durch den Börsenkrach 1929 hatte sie all ihr Hab und Gut und ihren Vater verloren.
Edwin lernte die Mutter durch ihre Freundin kennen, die Cellistin in seinem Orchester war und später in Treblinka ermordet wurde. Eines Tages fragte Edwin die Mutter, ob sie eine Art Mädchen für alles werden wolle, die Betreuung des Orchesters, der Solisten und der Kasse und die Vorbereitung der Gastspiele übernehmen wolle. Mit Feuereifer stürzt sich die Mutter, die jetzt nur noch Augen für Edwin hat, in die Arbeit. Einige Male schläft sie mit ihm. Als sie schwanger wird, lässt sie auf Edwins Geheiß hin das Kind abtreiben. Edwin aber heiratet die Alleinerbin einer Maschinenfabrik. Die Mutter versucht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Immerhin hat sie jetzt auch ein eigenes Haus, einen Mann und einen Sohn, den Erzähler nämlich. Erst später setzt der Kult der Mutter um Edwin ein. Manische Depressionen, Selbstmordversuche und Aufenthalte in Sanatorien mit Elektrotherapien wechseln einander ab. Mit zweiundachtzig Jahren setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende. Sie springt aus dem Fenster – auf den Fiat des Hausmeisters, der sich dann wegen der Versicherungssumme fast ein Jahr lang mit der Versicherung der toten Mutter herumstreitet. Nun tritt der Sohn auf den Plan und erzählt “die Geschichte einer sturen Leidenschaft”, in “Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.” Doch als er auf Edwin trifft, erliegt auch er, statt ihn energisch zur Rede zu stellen, der Blendung des egomanischen Dirigenten und drückt nur seine Bewunderung für dessen Konzerte aus. Der figurenreiche Roman mit erstaunlich vielen Nebenschauplätze enthält nicht nur das Psychogramm einer unerwiderten Liebe. Er handelt auch von der Entwicklung in der modernen Musik, die gekennzeichnet ist durch Namen wie Bartók, Krenek oder Prokofjew, und von der Politik des 20.Jahrhunderts. Auf kaum hundertdreißig Seiten hat Urs Widmer ein ganzes Jahrhundert eingefangen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Männer in braunen Uniformen tauchen am Rande auf. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart bilden die Kulisse dieses tragischen Lebens, das durch die Rücksichtslosigkeit eines Künstlers zu Grunde gerichtet wird – zweifellos nicht der erste und sicherlich auch nicht der letzte Fall.
Mit einfachen Bildern, in einer bestechenden Sprache verdeutlicht Widmer Opfer-Täter-Beziehungen – schon der Vater hatte in der Familienhierarchie den untersten Platz eingenommen, um später desto energischer den Familientyrannen herauszukehren. Das nur auf den ersten Blick und beim flüchtigen Lesen unplausibel wirkende Verhalten der Mutter findet seine Begründung in ihrer Veranlagung und in ihrer Jugend. Daneben geht es aber auch um Geld und Macht. Vor allem jedoch holt der Erzähler durch dieses kleine poetische Meisterwerk die Mutter aus ihrem Schattendasein hervor, nicht ohne Witz und Humor und mit einem Hauch von Melancholie. Hat diese Frau wirklich gelebt? Gleicht das hier erzählte Schicksal etwa dem der eigenen Mutter von Widmer? Wir wissen es nicht. In einem Fernsehinterview sagte der Schriftsteller, er habe sich bemüht, in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Um das Wahrscheinliche und das Mögliche zu beschreiben, habe er viel erfinden müssen. (Ursula Homann)
Titel: Der Geliebte der Mutter
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 128
ISBN: 3257062451
Vergeltung
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007In der Oktobersendung des “Literarischen Quartetts” wurde dieses Buch einhellig gelobt. Da mich bisher Bücher, denen diese Ehre zuteil wurde, nur sehr selten enttäuscht haben, war das für mich Kaufempfehlung genug. Der Roman wurde bereits 1956 zum ersten Male veröffentlicht, geriet jedoch rasch und sehr zu Unrecht in Vergessenheit. Der Autor, der in den fünfziger Jahren noch zwei weitere Werke veröffentlichte (Stalinorgel – 1955 und Faustrecht- 1957) zog sich danach vom Literaturbetrieb zurück, lebte in einem bayrischen Dorf und war nur noch journalistisch tätig, die Schriftstellerei gab er, wohl auch aus Enttäuschung über einige ungerechte Kritiken, völlig auf.
Auf eine nicht näher bezeichnete deutsche Stadt geht an einem Sommertag zwischen13:01 und 14:10 ein schwerer Bombenhagel nieder. Die Menschen erleben das Chaos und die Verwüstung in ganz unterschiedlichen Situationen.
Eine Gruppe von Soldaten und jungen Flakhelfern versucht, die Stadt gegen die gegnerischen Flugzeuge zu verteidigen; aber gleich zu Anfang der Abschwehrschlacht verlieren drei Kanoniere und sieben Flakhelfer, die eigentlich noch Schüler sind, durch einen Rohrkrepierer ihr Leben.
Ein Lehrer sucht verzweifelt seinen kleinen Sohn. Er fürchtet, dass sich der Junge im Bahnhof befindet, der durch die Bomben schwer getroffen wurde. Durch die brennende Stadt versucht sich der Mann dorthin durchzuschlagen und hofft sein Kind noch lebend anzutreffen und aus dem Inferno zu erretten.
Ein amerikanisches Flugzeug wird abgeschossen. Ein Besatzungsmitglied landet mit dem Fallschirm in der Stadt. Der Soldat versucht sich vor den Bombentreffern in Sicherheit zu bringen, doch die Wut der Bevölkerung auf den “Feind” vereitelt alle seine Hoffnungen.
Ein älteres Ehepaar spielt in seiner von Flammen umzingelten Wohnung Bridge. Die Leute spielen zu zweit, obwohl Bridge doch eigentlich ein Spiel für vier Personen ist, doch ihre beiden früheren Mitspieler, die Söhne Walter und Rudolf sind tot – gefallen! Ein junges Mädchen wird gemeinsam mit einem Mann in einem Keller verschüttet. Bevor die beiden sterben, wird das Mädchen noch von ihrem Leidensgefährten vergewaltigt.
Eine Gruppe russischer Kriegsgefangener ist von Hunger und Krankheit so geschwächt, dass sie das Chaos, das sich um sie herum abspielt nur undeutlich wahrnehmen; ihr Leben und erst recht das ihrer Mitmenschen ist ihnen gleichgültig geworden, ihre größte Sorge gilt dem Essen.
Hunderte von Leuten – Soldaten und Zivilisten harren in einem Bunker aus.
Eine resolute Milchverkäuferin versucht einen jungen Mann daran zu hindern, den Helden zu spielen und rettet so vermutlich sein Leben.
Menschen fallen in Bombentrichter, werden verschüttet, verbrennen, werden erschlagen, erschossen, verbluten. Es gibt keine Möglichkeit, dem Grauen zu entrinnen.
Gert Ledig schont seine Leser nicht. Er lässt wenig Raum für Hoffnung, kaum je findet sich in dem von ihm beschriebenen Desaster Menschlichkeit nirgendwo gibt es das klitzekleine Stückchen Glück am Rande der Katastrophe. Selbst zaghafte Versuche einzelner, zumindest ein kleines bisschen Barmherzigkeit zu zeigen, scheitern grausam. Der Soldat, der versucht, , nur tote statt lebender Menschen zu treffen, indem er seine Bomben über einem Friedhof abwirft, wird später grausam umgebracht. Und die Frau, die ein junger Soldat unter Einsatz seines eigenen Lebens aus einem brennenden Haus schleppt, möchte gar nicht gerettet werden sondern lieber sterben.
Ledig hat am eigenen Leibe den Krieg miterlebt und erfahren, was es bedeutet in einem Bunker zu hocken, während um einen herum die Welt in Schutt und Asche versinkt. Und das merkt man dem Buch an – authentischer kann ein Text nicht mehr sein! Gott sei Dank ist mir die Erfahrung, was Krieg ist, bisher erspart geblieben, doch Ledig schafft es mit seinem Buch, einen Eindruck von dem Entsetzen und der Verzweiflung zu vermitteln, das Bomben, Luftangriffe, Hunger und Geschützdonner hervorrufen. Durch die verschiedenen Erzählstränge, die er verfolgt, hängen lässt und später wieder aufnimmt, vermittelt er uns ein Gefühl des Chaos, des totalen Durcheinanders. Er schreibt extrem kurze, knappe Sätze und unterstreicht so die Härte seiner Aussagen. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, konnte ich in der folgenden Nacht nur schlecht schlafen. Bomben und Feuer mischten sich in meine Träume.
Das Buch ist als Bettlektüre nicht zu empfehlen und vielleicht auch nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Für Menschen, die etwas über das Grauen des Krieges erfahren wollen, ist das Buch jedoch ein Muss!
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: Vergeltung
Autor: Gert Ledig
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 210
ISBN: 3518410644
About a Boy
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Den zwölfjährigen Marcus könnte man wohl als den typischen Loser bezeichnen. Er trägt statt der modernen angesagten Jugendmode total uncoole, von der Mutter aufgeschwatzte Klamotten, hat eine unmögliche Haarfrisur, eine dicke Brille, hört die falsche Musik – und zu allem Überfluss singt er auch noch gelegentlich ganz in Gedanken spontan vor sich hin. Kein Wunder, dass der arme Kerl in seiner neuen Schule zum Prügelknaben wird.
Fiona, seine alleinerziehende Mutter ist dem unglücklichen Jungen auch keine rechte Stütze, denn sie hat genug mit sich selbst und ihren Depressionen zu tun. Will, ein sechsunddreißigjähriger Faulenzer hat da offenbar das bessere Ende der Wurst erwischt. Gemütlich lebt er in den Tag hinein – zu arbeiten braucht er nicht, denn seinen Lebensunterhalt kann er locker aus den Tantiemen bestreiten, die ihm zufließen, weil sein mittlerweile verstorbener Vater vor Jahren ein sehr beliebtes Weihnachtslied komponiert hat. Seine Zeit vertreibt sich Will mit dem Herumstöbern in Plattenläden, mit dem Ansehen langweiliger Fernsehsendungen, mit Kiffen und mit der Jagd nach weiblichen Sexualobjekten.
Als sich eines Tages die Wege von Will und Marcus kreuzen, beginnt für beide eine komplizierte Beziehung in deren Verlauf sich nicht nur Marcus langsam entwickelt sondern auch Will neue Seiten an sich entdeckt.
Das Buch spielt in London in den Jahren 1993 und 1994. Hornby beschreibt eine Szenerie, die er offenbar aus eigenem Erleben sehr gut kennt, denn seine Figuren, die Art, wie sie reden, was sie tun, das alles wirkt vollkommen lebensecht und ehrlich. Der Roman ist unterhaltsam im besten Sinne. Er ist spannend, lustig, turbulent, anrührend, manchmal auch traurig und er hat durchaus literarisches Niveau – es macht Freude, ihn zu lesen und obwohl er einen gewissen Tiefsinn vermittelt, wirkt er an keiner Stelle piefig oder lehrerhaft, der erhobene Zeigefinger ist nirgends zu sehen.
Marcus’ Pubertätsprobleme werden genauso einleuchtend erörtert, wie Wills Suche nach dem Sinn des Lebens. Auch die Nebenfiguren sind liebevoll gezeichnet – da ist Fiona, die chaotische Mutter von Marcus, Clive, sein ganz sympathischer aber doch untauglicher Vater und Elli, eine fünfzehnjährige Rebellin, die niemanden so sehr verehrt wie den Nirvana-Sänger Curt Cobain.
Einziger Schwachpunkt ist der doch etwas zu lieblich geratene Schluss, der mir persönlich zu sehr nach Hera-Lind schmeckt.
Trotzdem ein empfehlenswertes Buch. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass sich die Geschichte sehr gut für einen Film eignen würde (mit George Clooney als Will und dem Jungen aus “The Sixth Sense” als Marcus).
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: About a Boy
Autor: Nick Hornby
Verlag: Droemer
Seiten: 320
ISBN: 3426616904
Der Verlorene
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Wir schreiben die fünfziger Jahre, die Republik befindet sich im Aufbau und das Wirtschaftswunder läuft an. Doch die Verheerungen, die der gerade erst vergangene Krieg im Leben der Menschen angerichtet hat, sind noch überall spürbar. In einer kleinen Stadt in Ostwestfalen wächst der Ich- Erzähler des kleinen Buches heran. Er spürt, dass über seiner Familie ein dunkler Schatten liegt, der nicht nur die Eltern bedrückt, sondern auch sein eigenes Leben belastet. Es muss mit Arnold zusammenhängen, dem älteren Bruder, der angeblich auf der Flucht vor den Russen verhungert ist – nur ein Bild im Fotoalbum erinnert noch an ihn. Eines Tages erfährt der Erzähler, das der Bruder vermutlich noch lebt, denn er ist nicht verhungert, sondern er ging verloren. Als sich damals russische Soldaten der Mutter des Jungen in den Weg stellten, konnte sie das Kind gerade noch einer Unbekannten in die Arme legen. Später – nach der Vergewaltigung, von der die Mutter und auch der Vater nur in Metaphern und Umschreibungen sprechen – konnte sie ihren Sohn nicht mehr wieder finden.
Seit diesem traumatischen Ereignis dreht sich alles um den Verlorengegangenen. Zwar passt sich die Familie ihrer neuen Umgebung und den Lebensbedingungen im Nachkriegdeutschland an und kommt zu einem gewissen Wohlstand, doch immer wieder kehren die Gedanken und Gespräche der Eltern zu ihrem verschwunden Kinde zurück, die Mutter leidet unter depressionsartigen Zuständen und der Vater versucht den Verlust zu verwinden, indem er sich verstärkt in Arbeit stürzt. Der heranwachsende Zweitgeborene, der seinen Bruder nie kennen gelernt hat, leidet unter den Zuständen in einem Elternhaus und unter der ständig spürbaren Trauer, weiß sich ungeliebt und fühlt sich als das fünfte Rad am Wagen, als unwichtige Nebenfigur, die neben dem alles dominierenden Arnold verblasst. Nichts fürchtet er mehr, als dass die Eltern eines Tages den vermissten Sohn finden.
Diese wenden sich an den Suchdienst des roten Kreuzes. Als dort ein Findelkind ermittelt wird, das möglicherweise mit dem Verschollenen identisch ist, werden aufwendige erbbiologische Untersuchungen angestrengt. Deren Ergebnisse jedoch sind frustrierend. Der Vater stirbt, aber die krampfhaften Versuche der Mutter, zu beweisen, dass es sich bei dem Findelkind um Arnold handelt, gehen weiter und nehmen neurotische Züge an.
Das Buch ist nur 174 Seiten stark. Wie es bei einem solchen relativ kurzen Text eigentlich nicht anders sein kann, ist er sehr knapp und dicht, fast atemlos erzählt. Die Geschichte ließe sich ohne weiteres an einem freien Tag in einem Rutsch lesen. Es gibt keine Kapitel, keine Absätze, ja nicht einmal größere szenische Sprünge, der Text ist ein Ganzes.
Trotz ihrer Kompaktheit ist die Erzählung äußerst präzise geschrieben. Es gelingt dem Autor hervorragend, die Stimmung der Nachkriegsjahre in der noch jungen Bundesrepublik einzufangen. Der Elan des Wiederaufbaues auf der einen Seite aber auch die Nachwehen des verlorenen Krieges und die berühmt – berüchtigte Spießermentalität jener Zeit sind deutlich zu spüren und von einer fast greifbaren Eindringlichkeit. An etlichen Stellen weckt das Buch eigene Erinnerungen und bewirkt Dejá-vu -Erlebnisse.
Die rundherum mit Plastik ausgekleideten Autos, in denen es einem stets übel wurde, der neuangeschaffte Fernseher, der nur für pädagogisch wertvolle Sendungen (oder Fußballländerspiele) eingeschaltet werden durfte, die manchmal für heutige Geschmäcker geradezu barbarisch anmutenden Essgewohnheiten der damaligen Zeit und die dauernd im Familienhaushalt zu Besuch weilende Tante, die mit Vorliebe das Kirchenblättchen liest – dies alles kommt mir so unglaublich bekannt vor. Trotz des durchaus ernsten Themas ist die Geschichte mit flotter Feder und einer fröhlichen Leichtigkeit geschrieben. Treichel erzählt aus der Perspektive eines Kindes und er passt seine Wortwahl, sowie Sprachstil und -rhythmus dieser Vorgabe genau an, ohne dabei jemals platt, infantil, oder albern zu wirken.
Ich persönlich fände es jedoch angenehm, wenn der Autor in seinen Text zumindest einige wenige Haltepunkte eingebaut hätte, die es einem erlauben, das Buch vorübergehend aus der Hand zu legen, ohne dabei fürchten zu müssen, den Faden zu verlieren. Nicht jeder hat genügend Zeit, die Geschichte zu lesen ohne ein einziges Mal abzusetzen.
Dies ist für mich jedoch der einzige Kritikpunkt, ansonsten hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 174
ISBN: 3518395610
Die Glut
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Dieses ist eines der schönsten Bücher, das mir in letzter Zeit begegnet ist. Es ist 1942 zuerst erschienen und kürzlich neuentdeckt und wiederaufgelegt worden. Voller Melancholie erscheint vor unserem Auge die Zeit des untergegangenen k.u.k.-Reiches.
Zwei gute Freunde , wie sie unterschiedlicher als sie sind nicht sein könnten, begegnen sich nach 41 Jahren der Trennung wieder: der eine, Henrik, begütert, der andere, Konrad, arm. Henrik ist Soldat aus Tradition, Berufung und Herkunft, Konrad ist sensibel, den schönen Künsten und der Literatur zugetan und Soldat nur wider Willen.
Bei dem Wiedersehen ,das Konrad herbeigeführt hat ,erscheint in langen Gesprächen , vor allem einem langen Selbstgespräch von Henrik, vor dem geistigen Auge des Lesers noch einmal das gemeinsame Leben der beiden in ihrer Jugend; die zusammen verbrachten Jahre auf der Kadettenanstalt, die enge Freundschaft, Begegnungen mit dem Vater von Konrad, dem General, Gespräche über das Dasein , das Verschiedensein der Menschen, über die Welt und die Frauen. Die Sehnsucht von Henrik ,zu denen zu gehören, die musikalisch und poetisch veranlagt sind: sie begleitet sein ganzes Leben und lässt ihn tiefe Einsamkeit empfinden.
Die Ehe von Henrik und Krisztina, die sich in der Rückschau als Lug und Trug erweist, spielt eine zentrale Rolle in der gemeinsamen Lebensgeschichte der Freunde. Um sie herum kristallisiert sich ein Drama , das Henrik erst nach und nach erahnt hat. Konrad, der offensichtlich die Frau seines Freundes Henrik geliebt hat, auch in Versuchung war, seinen Freund auf einer Jagd zu erschießen, ist eines Tages Hals über Kopf verschwunden. Henrik hört und sieht ihn nie wieder bis zu diesem Augenblick des Wiedersehens nach 41 Jahren.
Aber Rache und Aufklärung , wie Henrik sie über Jahre herbeigesehnt hat, ist im Angesicht des Alters plötzlich gar nicht mehr von Bedeutung .
Es ist ein Buch voller Altersweisheit, Empfindungen der Vergänglichkeit und sogar Vergeblichkeit. Wie ein Autor den Bogen vom sprudelnden, leidenschaftlichen und lebensneugierigen Alter der Jugend zum abgeklärten, schon fern dem Leben stehenden , auch der Leidenschaften verlustig gegangenen Abschnitt des Alters beschreiben kann,– das wir Sándor Márai so schnell niemand gleichtun können.
Ein sehr empfehlenswertes Buch ! (Claudine Borries)
Titel: Die Glut
Autor: Sandor Marai
Verlag: Piper
Seiten: 223
ISBN: 3492041620
Der besessene Bibliothekar
Erstellt am: Oktober 21st, 2007Mircea Eliade, einer der größten, wenn nicht der größte Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, schrieb seinen Roman „Der besessene Bibliothekar“ in den Jahren 1930 und 1931, lange bevor er Weltruhm erlangte. Der Rumäne war in seinen frühen Zwanzigern, als er in einem indischen Ashram zur Feder griff, um einen Text zu verfassen, der zwar das Epitheton phantastisch trägt, zu Recht aber philosophisch genannt werden müsste. Die äußere Handlung berührt den Bereich des Okkulten, ist aber insgesamt gesehen zu karg, um das Ganze des Romans zu erfassen.
Eines Abends ist der Bibliothekar Cesare vertieft in die Übersetzung griechischer Manuskripte, als in der Bibliothek ein Feuer ausbricht. Als er versucht zu fliehen, stehen plötzlich zwei halbnackte Männer und eine Frau vor ihm: der Direktor, seine Assistentin Melania und ein junger Journalist – Manuel. Bei dem Versuch, Melania zu retten, wird Cesare schwer verletzt und droht zu erblinden. Noch einmal erlangt er das Augenlicht wieder. Aber seine lichte Zeitspanne ist begrenzt. Cesare geht auf Reisen und mit der Zeit wird deutlich, daß er unfreiwillig Zeuge eines sexualmagischen Ritus wurde, der einen Erlöser beschwören sollte. Ist dieser Erlöser Cesare?
Nicht die Handlung macht den Roman aus, sondern die Gespräche der Figuren beziehungsweise deren Innensicht, der (geschichts)philosophische Gehalt. In indirekter Rede gibt der Erzähler ein Gespräch wieder, dessen Zeuge Cesare wurde, und zwar aus der Perspektive des Bibliothekars:
„… Der stotternde Reisende schlug anstelle eines vollkommen abhängigen und determinierten Kosmos eine Reihe von ‘Agenten’ vor, Machtmenschen oder Ideen, die plötzlich in der Welt auftreten, die elektrisieren, umstürzen, unvorhergesehene Handlungen auslösen, ohne daß jemand von ihnen wüßte. Diese Sorte Menschen, die immer nach den Ursachen forscht, ahnt oder erfindet allerlei Erklärungen, aber eine einfache Begründung kann sie nicht liefern – wenngleich es auch keine übernatürliche gibt. Cesare schätzte seine [und zwar seine eigene] tiefgehende und geradlinige Argumentation, obwohl diese von Nebensächlichkeiten und Paradoxien verdorben war.“ (S. 92)
Man könnte diesen Gedankengang auf die Opposition Hegel versus Nietzsche reduzieren. Doch die ironische Anmerkung des Erzählers – „von Nebensächlichkeiten und Paradoxien verdorben“ – läßt dies nicht zu. Anspielungen auf eine sozialdarwinistische oder marxistische Weltsicht finden sich zur Genüge, spiegeln letztlich aber nur eine Zeit im Umbruch wider, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland.
Die optische Metapher – Blindheit versus Sehen – führt zurück in einen platonischen Kontext und ruft die Metaphorik der Aufklärung in Erinnerung. Tatsächlich bleibt die Reflexion über die Universalien nicht aus. Das Gegensatzpaar Ideen und Gegenstände leitet über in einen seit Jahrhunderten diskutierten poetologischen Kontext. Aber auch hier bleibt es nicht bei einer bloßen Opposition. Wo die Figur Cesare sich im Pathos zu verlieren droht, greift die Ironie des Erzählers relativierend ein und entlarvt das Pathetische als bloße Pose: „… er würde ein Magier sein, ein Zarathustra, weil das Licht von nun an für ihn eine Nahrung wäre und keine Leere, wie für die anderen, und das Nahen des Todes würde ihn das wahre Leben schätzen lehren. Einem Erlöser gleich. Cesare opferte sich selbst. In der Agonie würde man es sehen. Seine Erblindung würde die offenbarte Wahrheit besiegeln, weil es keine Wahrheit aus bloßen Gedanken, sondern eine aus Fleisch und Blut war – wie ein Lieblingsschriftsteller Fräulein Martas zu sagen pflegte.“ (S. 154)
Der junge Eliade spart nicht mit versteckten Seitenhieben auf alle Strömungen des Zeitgeists der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre. Er reflektiert die Situation des Intellektuellen in der Gesellschaft – seine absolute Nutzlosigkeit und zugleich die Notwendigkeit seiner Existenz.
Mircea Eliade, „Der besessene Bibliothekar“, in der Übersetzung von Richard Reschika ist erschienen im Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1995, ISBN 3-458-16719-6, 358 Seiten. Erstmals erschien der Roman 1934 in rumänischer Sprache unter dem Titel „Lumina ce se stinge“ (Das verlöschende Licht). (Alexander Amberg)
Titel: Der besessene Bibliothekar
Autor: Mircea Eliade
Verlag: Suhrkamp Verlag
Seiten: 357
ISBN: 3518393286
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