Ein perfekter Freund
“Es war vor allem der Geruch, der ihn davon abhielt, die Augen zu öffnen. Es roch nach Krankenhaus” – damit beginnt das Erwachen des Journalisten Fabio Rossi aus einem wochenlangen Blackout. Nach und nach erfährt er, dass er eine Kopfverletzung hat, ein Schädel-Hirn-Trauma, das von einem Schlag auf den Kopf herrührt. Fabio kann sich an nichts erinnern. Auch die Frau an seinem Bett, die ihm Blumen bringt und ihn küsst, kennt er nicht. Seine Freundin Norina indessen, seine große Liebe, lässt sich nicht sehen und ist telefonisch ebenfalls nicht zu erreichen. Da ihm fünfzig Tage fehlen, beginnt er, Schritt für Schritt, sein Leben zu rekonstruieren und entdeckt lauter Rätsel. Zuerst fällt ihm ein Interview ein, das er mit einem Lokomotivführer führte, dem sich ein Selbstmörder vor die Lok geworfen hatte. Offensichtlich hatte Fabio an einer größeren Geschichte gearbeitet. Doch wo war sie? Hat sie ihm womöglich Lucas geklaut so wie er sich seiner Freundin bemächtigt hat? Dann erfährt Fabio, dass er kurz vor seinem Unfall seinem Arbeitgeber gekündigt und auch andere ihm unwahrscheinlich dünkende Dinge getan hat. Er kennt sich selbst nicht wieder, zumal seine Programme und E-Mails auf Computer und Handy gelöscht sind und sein Code für sein Bankkonto geändert wurde. Auf dem Konto selbst liegen jedoch über zehntausend Franken dank einer größeren Überweisung vom “Sonntag-Morgen”, der Zeitung, für die Fabio bisher geschrieben hat. Auch dies kann er sich nicht erklären.
Wie ein Blinder tastet er sich durch die Finsternis der verloren gegangenen Zeit. Gerüche und Bilder erweisen sich bei der Suche als die stärksten Stimulanzien. Aber immer noch weiß Fabio nicht, ob er er einem Anschlag oder einem Unfall den Ausfall seines Gedächtnisses verdankt. In einer Schrebergartenidylle wird schließlich das Geheimnis gelüftet, und Fabio muss sich eingestehen, dass er gar nicht das unschuldige Opfer war, für das er sich nach dem Aufwachen aus dem Koma gehalten hat.
Überzeugend, lakonisch und temporeich, mit vielen brillanten Dialogen, erzählt Martin Suter – er war bisher Werbetexter und Journalist und legt nun seinen dritten Roman vor – die Geschichte einer Persönlichkeitsspaltung und treibt mit Schein und Sein ein ironisches Spiel. Die Spannung hält bis zum Schluss an, so dass bei diesem aufregenden Psychokrimi, aus dem am Ende noch ein Industriethriller wird, Langeweile überhaupt nicht aufkommt. (Ursula Homann)
Titel: Ein perfekter Freund
Autor: Martin Suter
Verlag: Diogenes
Seiten: 352
ISBN: 3257063067
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