Das papierne Labyrinth
Marco Koskas reist zusammen mit seinem Freund Opianski nach Indien, um sich sein Schicksal aus dem heiligen Buch des Bhrigu Shastri verkünden zu lassen. In diesem Buch sind die vergangenen, gegenwärtigen und und zukünftigen Schicksale aller Menschen verzeichnet – allerdings nicht aller, die jemals gelegt haben und jemals leben werden, denn schon schon die erstere Hälfte davon umfasst 80 Milliarden, sondern die Schicksale aller, die das Buch jemals befragt haben und jemals befragen werden (das Buch ist ökonomisch). Aber selbst in dieser Selbstbeschränkung wiegt das aus losen Blättern, Patras genannt, bestehende Buch eineinhalb Tonnen.
Sein gegenwärtiger Hüter ist Ram Kamur Sharma, dessen Großvater Pandit Deshraj es wiederentdeckt hat. Dieser war es auch, der den unentbehrlichen astrologischen Index dazu angefertigt hat, ohne dessen Hilfe das Auffinden eines Patras reine Glücksache wäre, aber auch so dauert es noch etwa zwei Monate, bis eine Patra aus dem mehr oder minder geordneten, bei der Flucht aus Parkistan durcheinandergekommen (oder völlig verbrannten, wie Professor Damodar Jah, ein Augenzeuge, behauptet) Konvolut herausgesucht werden kann. Marco Koskas hat besonderes Pech, weil seine sich gar nicht in dem Besitz von Ram Kamur befindet, sondern in dem seiner Tante, mit der letzterer das Buch geteilt hat.
Nach der Rückkehr nach Frankreich erhält allerdings ausgerechnet der Skeptiker Opianski von Ram Kamur den übersetzten Inhalt seiner Patra, die zumindest in der Darlegung von dessen Vergangenheit verblüffend genau ist.
Der Verlag bezeichnet dieses Werk als Roman, aber allem Anschein nach berichtet Marco Koskas von einer Reise, die er wirklich unternommen hat. Während die französische Erstausgabe nämlich nur den Text Koskas enthielt, umfasst die deutsche auch eine Vielzahl von Fotos, Billets, Zeitungsausschnitten, Briefumschlägen und Rechnungen, die der Autor von seiner Indienreise mitgebracht hat – und alles, worüber er in Das papierne Labyrinth berichtet, ist durch Dokumente genau belegt, sogar die Existenz des Buches, das hier als Bighru Samhita bezeichnet wird und dessen Blätterzahl mehrere Millionen betragen soll.
Wie dem auch sei, Das papierne Labyrinth ist nicht nur ein sehr interessantes, sondern auch ausgesprochen ästhetisch gestaltetes Buch, dessen Lektüre ein doppeltes Vergnügen bereitet.
Kritik geschrieben von “Fantasia – Magazin für Phantastik”: www.edfc.de, edfc@edfc.de
Titel: Das papierne Labyrinth
Autor: Marco Koskas
Verlag: Scherz Verlag
Seiten: 127
ISBN: 3502119155
Abgelegt unter Romane
