Die große Umwendung



Eine Million Exemplare wurden von dem 1983 erstmals erschienenen Buch Briefe in die chinesische Vergangenheit verkauft – da muss ganz einfach eine Fortsetzung geschrieben werden. Nun, Herbert Rosendorfer hat das mit nicht weniger Kunstfertigkeit als beim ersten Mal getan, und so ist auch der zweite Band eine wundervolle Satire über das Deutschland nach der Wende geworden, wobei sich Rosendorfer insbesondere Leipzig und Berlin, das hier “Haste mal ne Mark für mich” heißt, vornimmt, aber auch New York, Washington und Rom. Fünfzehn Jahre nach seiner ersten Zeitreise in die Zukunft ist der Mandarin Kao-tai durch widrige Umstände gezwungen, in das zwanzigste Jahrhundert zu fliehen, wobei er mit zwei Problemen zu kämpfen hat: Erstens muss er seinen Freund und Gönner, Professor Shi-shmi, wiederfinden, der gerade in New York weilt, wie er schließlich herausfindet, und er muss Informationen über seine eigene Vergangenheit beschaffen, um herauszufinden, wann seine Feinde das Zeitliche gesegnet haben und er ungefährdet wieder zurückreisen kann.

Das bietet natürlich jede Menge Gelegenheit, aus der Sicht eines völlig Unvoreingenommenen die Zustände dieser Welt zu schildern und zu demaskieren, gemildert mit viel Humor, gewürzt mit einer abwechslungsreichen Handlung (ohne die auch die schönste Satire bald abstumpft) und dargeboten in Kao-tais unnachahmlicher komisch-gestelzter Sprache:

S’u-s’i sagte etwas, das ich nur ungern wiedergebe und in etwa bedeutete: befeuchte mit deiner Zunge die Körperstelle, auf der ich zu sitzen pflege. Das tat sich natürlich nicht; es war wohl metaphorisch gemeint.

Aufgefallen ist mir bei diesem zweiten Band, dass Rosendorfer bei den Berichten Kao-tais offenbar ganz stark auf eigene Erfahrungen zurückgreift, daß er selbst dies alles erlebt haben muß (ein Besuch im Parzifal in Bayreuth zum Beispiel) und die Personen, die hier auftreten, persönlich kennen muss (etwa den Maler Prechtl, den Rosendorfer offenbar über alles schätzt). War das im ersten Buch nicht so deutlich spürbar oder habe ich es nur nicht so wahrgenommen? Wie auch immer, Rosendorfer macht sich damit sicherlich nicht nur Freunde, denn der redefreudige Spong-Fan, den er im Erster-Klasse-Abteil des Flugzeugs kennenlernt und den er stets als den Kindergesäßgesichtigen tituliert, entpuppt sich später als niemand anders als Franz Beckenbauer.

Kritik geschrieben von “Fantasia – Magazin für Phantastik”: www.edfc.de, edfc@edfc.de

Titel: Die große Umwendung
Autor: Herbert Rosendorfer
Verlag: dtv
Seiten: 200
ISBN: 3423126949

Abgelegt unter Romane

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.



DigitalVD.de News-Reader zum kostenlosen Download DigitalVD.de News-Reader

Der DigitalVD.de News-Reader ist eine kostenlose Software mit der Neuheiten aus der DVD- und Heimkino-Szene automatisch auf dem eigenen PC gelesen werden können. Ihr werdet kostenlos und automatisch rund um die Themen Film und Heimkino auf dem Laufenden gehalten.

[Beschreibung und Download]