Anleitung zum Unschuldigsein

Bei allem Ärger und Aufwand, der aus dem hier zu Lande herrschenden Wahn akkurater Mülltrennung resultiert: Die strikte Unterteilung in Glas-, Papier-, Bio- und sonstigen Abfall hat auch durchaus positive Aspekte, findet jedenfalls Florian Illies, der ausländische Gäste gern durch sein kunterbuntes Sammelsurium bunter Tonnen in der heimischen Küche beeindruckt.
Wesentlich schwerer fällt es ihm da schon, freien Tagen etwas Erfreuliches abzugewinnen, die mit dem lang ersehnten Ausschlafen eingeläutet werden sollen – und mit schöner Regelmäßigkeit von unruhigen Geistern wie Handwerkern oder Müllmännern vereitelt werden.
Auch pakistanische Rosenverkäufer und alte Klassenkameraden bieten optimale Gelegenheiten, das eigene schlechte Gewissen zu begrüßen. Erstere können eben nicht einfach ignoriert werden, weil sie Ausländer sind und man schließlich political correct sein will. Und Begegnungen mit Letzteren sind für manches von Selbstzweifeln dominiertes Fiasko prädestiniert, wenn man sich ihrer Namen nicht mehr erinnert, sie aber sofort wissen, wen sie vor sich haben.

Während obige Wurzeln für Schuldgefühle nach Umschreibungen und Erklärungen verlangen, kommen hingegen einige Lektionen des Buches mit der bloßen Nennung des Titels aus: ‚Heute gehe ich rauchend bei Rot über eine Ampel, an der drei Mütter mit ihren Kindern warten‘ oder ‚Heute lasse ich mir von einem Schuhputzer auf der Straße vor aller Augen minutenlang die Schuhe putzen‘.

„Anleitung zum Unschuldigsein“ ist eine wahre Fundgrube für alltägliche Dinge, die man machen sollte und müsste – aber auch lassen kann. Wem das nicht aus eigenem Antrieb gelingt, dem seien die praktischen Übungen (beispielsweise: „Heute sagen wir Bernd, der die FDP gewählt hat, dass er auch wie ein FDP-Wähler aussieht!“) am Ende jeden Kapitels empfohlen. Florian Illies‘ „Generation Golf“-Nachfolger, vom Verlag im Klappentext als „Problemzonengymnastik für den Kopf“ tituliert, strotzt nur so vor gut beobachteten Verhaltensmustern, Moralisierungen und kleinen oder größeren Gemeinheiten, die entweder Schuldgefühle provozieren – oder aber die fatale Einsicht, völlig skrupellos zu sein. Unentschlossene finden möglicherweise im Stichwortregister (von A wie Abfallwirtschaftsproseminar bis Z wie 2. Klasse) wenigstens einen guten Grund für ein schlechtes Gewissen.

Florian Illies wurde 1971 geboren und arbeitet als Feuilleton-Redakteur für die FAZ in Berlin. Im Jahre 2000 gelang ihm mit seiner amüsant-melancholischen Retrospektive „Generation Golf“ auf Anhieb der Sprung in die Bestsellerlisten. (Ensa Maurer)

Titel: Anleitung zum Unschuldigsein
Autor: Florian Illies
Verlag: Argon Verlag
Seiten: 252
ISBN: 3870245441