Griff in den Staub

Der Nobelpreisträger William Faulkner(1897-1962)ist einer der bedeutendsten amerikanischen Romanciers des 20.Jahrhunderts. „Vor die Wahl gestellt, zwischen dem Leid und dem Nichts, wähle ich das Leid,“ sagte er einmal. Sein Engagement galt den Leidenden, den Benachteiligten auf dieser Welt. Das zeigt sich auch in dem 1948 in Amerika und 1951 in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman „Griff in den Staub“. Er spielt im Süden der Vereinigten Staaten, in dem längst zum Mythos und zur Legende gewordenen Landstrich beidseits des Mississippi, den der Autor Yoknapatawpha nannte und in dem auch er zu Hause war.

Der Farbige Lucas Beauchamp – in den Südstaaten sprach man von Neger oder schlimmer noch von Nigger – war ins Gefängnis eingeliefert worden, weil er am Abend zuvor einen Weißen umgebracht haben soll. Keiner im Landkreis dachte daran, ihm, dem schwarzen Mörder, zu helfen. Aber dann fand sich doch jemand: der sechzehnjährige Charles Mallison junior, der zusammen mit seinem Freund Aleck Sander und Miss Habersham das Unmögliche möglich machte. Er bewerkstelligt die Exhumierung des Ermordeten, wobei sich herausstellt, dass der Mord nicht mit Lucas‘ altem einundvierziger Colt verübt worden war, sondern mit einer deutschen Luger-Pistole. Auch Charles‘ Onkel, von Beruf Rechtsanwalt, der zunächst gesagt hatte, er verteidige keine Mörder, „die Leute hinterrücks erschießen“, ist plötzlich mit von der Partie. Selbst Sheriff Hampton lässt sich am Ende von Lucas‘ Unschuld überzeugen.

Obgleich Faulkner sich hier der Mittel der Detektivgeschichte bedient, ging es ihm um mehr als um einen simplen Krimi, ihm ging es vor allem darum, das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den Südstaaten und das dort herrschende Rassenproblem zur Sprache zu bringen. Drückte doch schon die Feststellung „er ist ein Neger“ in dieser Gegend in früheren Zeiten ein negatives Urteil aus, hinter dem sich eine Welt voll Verachtung verbarg.

Allerdings ist der Roman wegen seiner inneren Monologe und weitschweifigen Reflexionen und seiner nicht enden wollenden Sätze nicht einfach zu lesen. Zumindest braucht man etwas Zeit und Geduld, um sich einzulesen und um die Feinheiten des Textes zu erkennen: seine subtile Architektonik und ausgefeilte Erzähltechnik. Doch sobald man sich damit vertraut gemacht hat, gewinnt die etwas umständlich entfaltete Geschichte an Spannung und Dramatik.

Zudem verrät sie die enge Beziehung des Autors zur Landschaft beidseits des Mississippi und eine intime Kenntnis ihrer Bewohner, ihrer Traditionen und Legenden. Faulkner lässt seine Gedanken über die Stellung der Südstaaten und die Politik der Nordstaaten miteinfließen und seinen Protagonisten Charles über die Geschichte seines Landes reflektieren und sich in Visionen ergehen. „Eines Tages wird Lucas Beauchamp“, glaubt und träumt Charles, „einen Weißen hinterrücks niederschießen können, ohne sich der Bestrafung durch Lynchstrick oder Benzin mehr auszusetzen als ein Weißer; bald wird er ein Wahlrecht ausüben, wann und wo immer das ein Weißer tun kann“ und dergleichen mehr.

Wie gesagt, eine nicht ganz leichte, aber auch heute noch lohnende Lektüre. (Ursula Homann)

Titel: Griff in den Staub
Autor: William Faulkner
Verlag: Diogenes
Seiten: 222
ISBN: 257201516