Er oder ich

Ole Reuter, ein etwas in die Jahre gekommener Unternehmensberater, leidet heftig unter diversen Symptomen der Midlifecrisis. Nachts wird er von Alpträumen heimgesucht, sein Gedächtnis arbeitet Tag für Tag unzuverlässiger, das Sehvermögen lässt nach und zu allem Überfluss plagt ihn auch noch die Angst, sich bei einer drogenabhängigen Frau mit AIDS angesteckt zu haben. Um wieder zu sich selber zu finden, bereist er einen Monat lang per Bahn die Bundesrepublik. Von Berlin, dem Ausgangspunkt seiner Reise aus, steuert er die verschiedensten großen und kleinen Orte des Landes an. Wohin er fährt, überlässt Reuter weitgehend dem Zufall indem er jeweils in den ersten abfahrenden Zug ein – und an irgendeiner Station wieder aussteigt. Da er eine Netzkarte (erster Klasse!) besitzt, gibt es für ihn in dieser Hinsicht auch keinerlei Beschränkungen. Während der Reise begegnet Reuter allerlei merkwürdigen Typen, die sowohl real, als auch seiner überhitzter Phantasie entsprungen sein können; ebenso machen scheinbar unerklärbare Vorgänge, dem Manne zu schaffen. Seine kostbare Uhr – ein Erbstück von seinem verstorbenen Vater- verschwindet auf seltsame Weise und das teure Ersatzexemplar, das er in einer Uhrenmanufaktur ersteht, nervt vom ersten Tage an durch merkwürdige Fehlfunktionen. Nach einem Selbstmordversuch, den Reuter dank seines schwachen Magens, körperlich nahezu unversehrt übersteht, flieht er für einige Tage nach Sri Lanka, in die Heimat seines Beinahe – Schwiegersohnes. Nach diesem Abstecher fühlt sich Ole vorübergehend besser, doch bald schon holen ihn seine Depressionen und Wahnvorstellungen wieder ein. Schließlich landet er in völlig desolatem Zustand im Krankenhaus…

Vermutlich gibt es etliche Leser, denen Ole Reuter kein Unbekannter ist. Schon in den siebziger Jahren ließ Sten Nadolny in einem Roman namens Netzkarte einen Reuter per Bahn kreuz und quer durch die damals noch kleinere Republik fahren. Leider kenne ich dieses Buch nicht und möglicherweise sind mir daher einige Gags, Pointen, Zitate und pfiffige Querverweise entgangen. Vielleicht hätte mir die Lektüre von „Er oder Ich“ auf diese Weise ja mehr Freude bereitet. So jedoch hat mich der Roman meist mehr gelangweilt als belustigt. Die Depressionen eines Herrn mittleren Alters sind nichts, was mir einen besonderen Lesegenuss beschert. Mich stört, dass das Älterwerden ausschließlich als Abbau definiert wird. Ist denn das Leben jenseits der Vierzig nur körperlicher und geistiger Verfall?

Manchmal drängte sich mir beim Lesen das Gefühl auf, dass sich der Autor seiner Sache selbst nicht so ganz sicher war. Warum sonst muss er seine Leser immer wieder fast mit der Nase auf die Zusammenhänge mit Faust, Mephisto usw. stoßen?

Klar gibt es auch einige Stellen des Buches, die mich erheitert haben, Nadolny bietet lustige Wortspiele und treffende Metaphern, er erfreut mit genauen Beobachtungen und witzigen Einzelheiten.

Insgesamt muss ich jedoch sagen, dass mich der Roman enttäuscht hat – von dem Autor, der uns „die Entdeckung der Langsamkeit“ geschenkt hat, habe ich mehr erwartet.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Er oder ich
Autor: Sten Nadolny
Verlag: Piper Verlag
Seiten: 263
ISBN: 3492041655