Feuerspiele

„An jenem Abend, als Monika, seine Frau, gestorben war“, betrat Jan den dunklen Raum auf dem Dachboden seines Hauses und beschloss zu sterben. Aber nicht der Tod kam zu ihm, sondern die Erinnerung an eine schlimme Vergangenheit, die Jan, solange er mit Monika zusammen gewesen war, verdrängt hatte. Plötzlich stehen ihm Chaos, Angst, Verfolgung und Mord während der Zeit, als die Nazis Polen besetzt hatten, wieder deutlich vor Augen. Während längst verstorbene Menschen Jan auf seinem Dachboden heimsuchen und Gerechtigkeit fordern, bereiten viele Kilometer von ihm entfernt drei Menschen eine Kunstausstellung im idyllischen deutschen Kurort Bad Kranach vor: der amerikanische Großindustrielle Graham Wilson, der russische Fürst und Emigrant Kyrill und der Ungar Dr.Kovacs. Kunstsammler aus aller Welt sollen auf dieser Ausstellung ihre Schätze zeigen, die der Veranstalter werden allerdings nur Fälschungen sein. Denn geplant ist ein großer Versicherungsbetrug. Alles soll zum Schluss in Flammen aufgehen.

Auf dem Dachboden findet Jan eine Liste mit Namen und erinnert sich an Polen, Deutsche, Juden, Nazis und Kommunisten, die seinen Weg gekreuzt haben, zum Beispiel an Joel Weiss, der heute ein hervorragender Kunstsammler ist, an den Nazimörder Kugler, der sich jetzt Baron nennt, an Ackermann, Kuglers Stellvertreter, an Westermann, der seinem Schulfreund Weiss das Eiserne Kreuz des Vaters klaute, um ihn später bei der Polizei zu verpfeifen, an einen Jude namens Obrazek, an dessen Schwiegersohn Grynzpan aus Warschau, dem Helfershelfer von Kugler, an den Polizisten Halberstamm, der ein jüdisches Mädchen rettete, sowie an zwei hochgewachsene Brüder mit Spitznamen Känguruh und Mäuserich, die von den Nazis ermordet wurden.

Viele, die überlebt haben, werden auch in Kranach sein. Jan erfährt davon und reist mit dem polnischen Galeristen Edek Laski dorthin. In Kranach trifft er ein halbes Dutzend Kriegsverbrecher, die nicht nur der gerechten Strafe entgingen, sondern auch keinerlei Reue zeigen. Unter diesen befindet sich Kugler, dem Jan vergeblich ins Gewissen redet. „Was geschehen ist, ist nun mal geschehen“, sagt Kugler.

Schließlich verschlingt sie alle der außer Kontrolle geratene Brand. Nur Jan kann sich dank Rita, die Halberstamm einst vor dem Tod bewahrt hat, in Sicherheit bringen. Andrzej Szczypiorski läßt in dem Band, der in Polen noch kurz vor seinem Tod erschien (der Autor starb im Mai 2000), viele Fragen anklingen, wie etwa die, ob es das Schicksal gewollt habe, dass Halberstamm Soldat und Henker unschuldiger Menschen wurde, ob Gott existiert, und wenn ja, ob wirklich alles mit seiner Erlaubnis geschehen sei. In packenden Geschichten, großartigen Passagen und grandiosen Dialogen zeigt er ein unvorstellbares Dickicht kollektiver Verstrickungen, die Verquickung von Gut und Böse, von Gemeinheit und Heldentum, von Bewähren und Versagen.

Auch wenn Szczypiorskis letztes Werk nicht die Qualität seines Buches „Die schöne Frau Seidenmann“ besitzt, mit dem der polnische Dichter bei uns schlagartig bekannt geworden ist, so hat er doch mit diesem vielgestaltigen Roman mit den wichtigsten Themen des letzten Jahrhunderts seinen Lesern ein großes künstlerisches Vermächtnis hinterlassen. (Ursula Homann)

Titel: Feuerspiele
Autor: Andrzej Szczypiorski
Verlag: Diogenes
Seiten: 363
ISBN: 3257062532