Brennholz für Kartoffelschalen

Manfred Matuschewski erlebt seine Kindheit während der vierziger und frühen fünfziger Jahre in Berlin Neukölln. Die Teilung der Stadt ist zwar formell schon vollzogen aber zumindest zu Anfang noch kaum spürbar. Zu sehr eint die Menschen die Sorge um das tägliche Überleben. Tag für Tag muss Essen herbei geschafft werden, Tag für Tag muss dafür gesorgt werden, dass die vom Krieg beschädigten Behausungen zumindest ein wenig beheizt werden können. Und immer noch sind viele Männer nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Auch Manfreds Vater ist noch in Russland und die Mutter muss alleine für den Jungen sorgen. So bleibt Manfred häufig sich selber überlassen. Da die Mutter arbeiten geht, muss er stets seinen Schlüssel mitnehmen und nach der Schule oft alleine in der Wohnung bleiben – in seiner freien Zeit treibt er sich in Kriegsruinen oder auf der Straße herum. Zum Glück gibt es wenigstens noch die beiden Großmütter – die Kohlenoma, die viele Jahre als Briketthändlerin ihren Lebensunterhalt verdiente und Jahre später immer noch nach Kohlen riecht, sowie die kluge und warmherzige Schmöckwitzer Oma, die in einer Gartenlaube am südöstlichen Stadtrand lebt. Dort, in Schmöckwitz, umgeben von Wald und Wasser, findet Manfred trotz allen Nachkriegselends sein kleines Paradies – hier kann er im Sommer herumstromern, mit Freunden und Verwandten Boot fahren und seine Probleme für einige Stunden vergessen. Davon gibt es weiß Gott genug. In der Schule gilt Manfred als faul und aufsässig, ständig hat er irgendwelchen Ärger mit den Lehrern. Auch bei seinen Nachbarn und anderen Erwachsenen eckt der Junge immer wieder an und trägt so zur ständigen Sorge seiner Mutter bei. Manfreds größte Angst ist irgendwann ins Heim zu müssen, weil die Mutter allein mit seiner Erziehung überfordert ist.

Eines Tages dann steht endlich der Vater vor der Türe, doch der Mann ist schwer gezeichnet von den langen Jahren des Kriegs und der Gefangenschaft.

Wichtigstes Ziel der Eltern ist es, ihrem Sohn den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen, doch ob Manfred es wirklich schafft, die Leistungen und das Verhalten zu zeigen, die hierfür verlangt werden, scheint mehr als fraglich.

„Genau so war es!“, sagte mein Mann, nachdem er das Buch gelesen hatte. Er ist selber in jener Zeit in Berlin groß geworden und kennt die Verhältnisse aus eigener Anschauung. Auch ich, die ich erst in den siebziger Jahren nach Berlin zog, fand vieles von dem, was mir mein Mann und meine hier aufgewachsenen Freunde erzählt hatten, in Bosetzkys Roman wieder. Seine Schilderungen der kleinen und großen Ereignisse im Leben einer nicht gerade übermäßig begüterten Berliner Familie sind so wirklichkeitsgetreu, farbig und lebensnah, dass man beim Lesen fast das Gefühl bekommt, dabei gewesen zu sein. Man sieht die beengten Räumlichkeiten förmlich vor sich, kann sich in die Stimmungen der Menschen voll und ganz hinein versetzen.

Doch es geht in dem Buch nicht nur um die Schilderung der erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden Stadtgeschichte, es geht auch um die Empfindungen und Nöte eines Kindes. Viele der Sorgen, die Manfred während seiner Jugend plagten, sind heute glücklicherweise für die meisten jungen Menschen kaum noch relevant wie z.B. die Erinnerungen an Bombennächte, die Angst um den in Gefangenschaft weilenden Vater, die erdrückende Enge in viel den zu kleinen, erbärmlichen Behausungen. Andere Kümmernisse jedoch, wie die Angst vorm Versagen in der Schule, Ärger mit verständnislosen Erwachsenen oder Rangkämpfe mit Mitschülern und Nachbarskindern sind auch heute noch für viele Jungen und Mädchen Tag für Tag hochaktuell.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es war spannend, authentisch und hatte obendrein dem Leser etwas mitzuteilen.

Das einzige, was mich ein wenig gestört hat, war die manchmal etwas zu betont volksnahe Sprache, das penetrante Berlinern.

Insgesamt ein Roman, den ich sowohl älteren Berlinern, die sich an diese Zeit zurück erinnern wollen, als auch West- und Ostdeutschen Bürgern, die wissen wollen, wie es war, als auch jungen Leuten, für die diese Zeit schon längst vom Mantel der Geschichte (Geschichte??) zugedeckt wurde, sehr empfehlen kann.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Brennholz für Kartoffelschalen
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: dtv
Seiten: 472
ISBN: 3423200782