Der Verlorene

Wir schreiben die fünfziger Jahre, die Republik befindet sich im Aufbau und das Wirtschaftswunder läuft an. Doch die Verheerungen, die der gerade erst vergangene Krieg im Leben der Menschen angerichtet hat, sind noch überall spürbar. In einer kleinen Stadt in Ostwestfalen wächst der Ich- Erzähler des kleinen Buches heran. Er spürt, dass über seiner Familie ein dunkler Schatten liegt, der nicht nur die Eltern bedrückt, sondern auch sein eigenes Leben belastet. Es muss mit Arnold zusammenhängen, dem älteren Bruder, der angeblich auf der Flucht vor den Russen verhungert ist – nur ein Bild im Fotoalbum erinnert noch an ihn. Eines Tages erfährt der Erzähler, das der Bruder vermutlich noch lebt, denn er ist nicht verhungert, sondern er ging verloren. Als sich damals russische Soldaten der Mutter des Jungen in den Weg stellten, konnte sie das Kind gerade noch einer Unbekannten in die Arme legen. Später – nach der Vergewaltigung, von der die Mutter und auch der Vater nur in Metaphern und Umschreibungen sprechen – konnte sie ihren Sohn nicht mehr wieder finden.

Seit diesem traumatischen Ereignis dreht sich alles um den Verlorengegangenen. Zwar passt sich die Familie ihrer neuen Umgebung und den Lebensbedingungen im Nachkriegdeutschland an und kommt zu einem gewissen Wohlstand, doch immer wieder kehren die Gedanken und Gespräche der Eltern zu ihrem verschwunden Kinde zurück, die Mutter leidet unter depressionsartigen Zuständen und der Vater versucht den Verlust zu verwinden, indem er sich verstärkt in Arbeit stürzt. Der heranwachsende Zweitgeborene, der seinen Bruder nie kennen gelernt hat, leidet unter den Zuständen in einem Elternhaus und unter der ständig spürbaren Trauer, weiß sich ungeliebt und fühlt sich als das fünfte Rad am Wagen, als unwichtige Nebenfigur, die neben dem alles dominierenden Arnold verblasst. Nichts fürchtet er mehr, als dass die Eltern eines Tages den vermissten Sohn finden.

Diese wenden sich an den Suchdienst des roten Kreuzes. Als dort ein Findelkind ermittelt wird, das möglicherweise mit dem Verschollenen identisch ist, werden aufwendige erbbiologische Untersuchungen angestrengt. Deren Ergebnisse jedoch sind frustrierend. Der Vater stirbt, aber die krampfhaften Versuche der Mutter, zu beweisen, dass es sich bei dem Findelkind um Arnold handelt, gehen weiter und nehmen neurotische Züge an.

Das Buch ist nur 174 Seiten stark. Wie es bei einem solchen relativ kurzen Text eigentlich nicht anders sein kann, ist er sehr knapp und dicht, fast atemlos erzählt. Die Geschichte ließe sich ohne weiteres an einem freien Tag in einem Rutsch lesen. Es gibt keine Kapitel, keine Absätze, ja nicht einmal größere szenische Sprünge, der Text ist ein Ganzes.

Trotz ihrer Kompaktheit ist die Erzählung äußerst präzise geschrieben. Es gelingt dem Autor hervorragend, die Stimmung der Nachkriegsjahre in der noch jungen Bundesrepublik einzufangen. Der Elan des Wiederaufbaues auf der einen Seite aber auch die Nachwehen des verlorenen Krieges und die berühmt – berüchtigte Spießermentalität jener Zeit sind deutlich zu spüren und von einer fast greifbaren Eindringlichkeit. An etlichen Stellen weckt das Buch eigene Erinnerungen und bewirkt Dejá-vu -Erlebnisse.

Die rundherum mit Plastik ausgekleideten Autos, in denen es einem stets übel wurde, der neuangeschaffte Fernseher, der nur für pädagogisch wertvolle Sendungen (oder Fußballländerspiele) eingeschaltet werden durfte, die manchmal für heutige Geschmäcker geradezu barbarisch anmutenden Essgewohnheiten der damaligen Zeit und die dauernd im Familienhaushalt zu Besuch weilende Tante, die mit Vorliebe das Kirchenblättchen liest – dies alles kommt mir so unglaublich bekannt vor. Trotz des durchaus ernsten Themas ist die Geschichte mit flotter Feder und einer fröhlichen Leichtigkeit geschrieben. Treichel erzählt aus der Perspektive eines Kindes und er passt seine Wortwahl, sowie Sprachstil und -rhythmus dieser Vorgabe genau an, ohne dabei jemals platt, infantil, oder albern zu wirken.

Ich persönlich fände es jedoch angenehm, wenn der Autor in seinen Text zumindest einige wenige Haltepunkte eingebaut hätte, die es einem erlauben, das Buch vorübergehend aus der Hand zu legen, ohne dabei fürchten zu müssen, den Faden zu verlieren. Nicht jeder hat genügend Zeit, die Geschichte zu lesen ohne ein einziges Mal abzusetzen.

Dies ist für mich jedoch der einzige Kritikpunkt, ansonsten hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 174
ISBN: 3518395610