Alias Grace

Margaret Atwood ist wohl die derzeit bekannteste kanadische Erzählerin. Aus ihrer Feder stammen viele sehr lesenswerte Romane, wie zum Beispiel „der Report der Magd“ , der vor einigen Jahren auch verfilmt wurde.

Ihr letztes in Deutschland erschienenes Buch „alias Grace“ berichtet über einen authentischen Kriminalfall, der in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Umgebung von Toronto für einiges Aufsehen sorgte. Thomas Kinnear, ein aus Schottland stammender Grundbesitzer und seine Haushälterin, die gleichzeitig seine Geliebte war, werden ermordet aufgefunden. Schon bald werden der Knecht James Mc Dermott und das erst sechzehn Jahre alte Dienstmädchen Grace Marks verhaftet und der Tat verdächtigt. Mc Dermott wird schließlich gehängt, die junge Frau jedoch wird, obwohl auch sie zunächst zum Tode verurteilt wurde, stattdessen, in eine Irrenanstalt und danach ins Gefängnis gesperrt.

Bis zum heutigen Tage konnte der genaue Tathergang nie hundertprozentig geklärt werden und die Art und Weise der Tatbeteiligung von Grace Marks war ebenfalls nicht exakt zu ermitteln. Die Aussagen der beiden Verdächtigen und einiger Zeugen widersprechen einander in wesentlichen Punkten, überdies behauptet die junge Frau, was den Mord an der Haushälterin angeht, eine Erinnerungslücke zu haben, da sie sich offenbar vor Angst und Entsetzen zum Zeitpunkt der Tat in geistiger Umnachtung befunden habe.

Sechzehn Jahre nach dem schrecklichen Ereignis wird das ehemalige Hausmädchen von einem ehrgeizigen jungen Nervenarzt untersucht. Er erwirbt sich das Vertrauen der Gefangenen und hofft, in langen Gesprächen Zugang zu den im Unterbewusstsein der Frau gespeicherten Erinnerungen zu finden.

Grace berichtet dem Arzt von ihrer Kindheit in Irland, von ihrem lieblosen und trunksüchtigen Vater, von der Auswanderung nach Kanada, von der qualvollen Ozeanüberquerung, die die Mutter nicht überlebt. Sie erzählt von den Haushalten, in denen sie als Dienstmädchen angestellt war, so auch von ihrer glücklichen Zeit im Hause von Aldermann Parkinson. Dort lernt sie eine andere Hausangestellte, Mary Whitney, kennen die ihr eine enge und geliebte Freundin wird.

Durch eine missglückte Abtreibung kommt diese zu Tode und für Grace Marks beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der sie schließlich ins Haus von Mr. Kinnear führt. Ihre Hoffnung, in der Haushälterin Nancy Montgomery eine neue Freundin, einen Ersatz für Mary Whitney, zu finden, wird enttäuscht, da Nancy sich Grace gegenüber launisch und eifersüchtig gebärdet.

Auch Mc Dermott, der Knecht, der jähzornigen und finsteren Gemütes ist, wird von der Haushälterin streng behandelt, wofür er sie so sehr hasst, dass er sie schließlich ermordet. Wie dies genau geschieht, bleibt im Unklaren. – Hat Grace ihm geholfen, Nancy zu erdrosseln, hat sie ihn gar zu der Tat angestiftet oder hat sie nur aus Angst dem Opfer die Mordpläne nicht enthüllt?

Obwohl Margaret Atwood mit unverkennbarer Sympathie für Grace Marks erzählt, ist sie doch durchweg darauf bedacht, sich an die ihr bekannten Fakten zu halten. Natürlich fabuliert sie, natürlich schmückt sie die Geschichte aus, aber da, wo es darauf ankommt, hält sie an die Quellen, die sie auch ordentlich benennt. Nie lässt sie sich dazu hinreißen, den Ablauf der Ereignisse neu zu konstruieren oder so zu gestalten, dass sich zweifelsfrei die Unschuld der Gefangenen ableiten lässt. Klugerweise enthält sie sich auch eines abschließenden Urteils, dies überlässt sie dem Leser. Einzig ganz am Schluss des Buch verlässt die Autorin diesen Pfad der Tugend. In meinen Augen wäre es klüger gewesen, den Roman mit der Haftentlassung von Grace enden zu lassen, denn diese ist zweifelsfrei historisch belegt. Nun jedoch ein Wiedersehen von Grace mit Jamie Walsh, einem der Zeugen in dem Mordprozess, zu erfinden, den beiden sogar eine Heirat anzudichten, ist nicht nur überflüssig und ohne erzählerischen Wert, sondern leider auch vollkommen unglaubwürdig.

Trotz dieser kleinen Einschränkung hat mir das Buch insgesamt recht gut gefallen. Die Geschichte ist spannend bis zum Schluss und die Dinge sind so plastisch geschildert, dass man sie regelrecht vor sich zu sehen glaubt. Ein lesenswerter Roman!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Alias Grace
Autor: Margaret Atwood
Verlag: Berlin Verlag
Seiten: 622
ISBN: 3827000122