Amerikanisches Idyll



Der Schriftsteller „Skip“ Zuckerman (wohl das alter ego des Autors) befindet sich schon jenseits des „besten“ Mannesalters, als er Seymour Levov, genannt „der Schwede“, das Idol seiner Jugend, wiedertrifft.

„Der Schwede“ scheint er ein glücklicher Mann zu sein. Er sieht immer noch sehr gut aus, hat eine wesentlich jüngere attraktive Frau und drei wohlgeratene Söhne, mit deren schulischen und sportlichen Leistungen er so penetrant prahlt, dass den Schriftsteller leise Zweifel beschleichen, ob denn mit dem geistigen Gesundheitszustand seines einstigen Idols wirklich alles in Ordnung ist.

Ein halbes Jahr später, als er sich bei einem Klassentreffen mit Levos Bruder unterhält, erfährt Zuckerman die Wahrheit über das Schicksal des „Schweden“.

Zunächst scheint Levov wirklich die Sonnenseite des Lebens für sich gepachtet zu haben; er sieht blendend aus, ist ein hervorragender Sportler, bei seinen Mitmenschen beliebt, er hat ein gut gehendes Geschäft, mit dem er eine Menge Geld verdient, eine hübsche Frau, die sogar einemal den Titel einer „Miss New Jersey“ errang, und eine intelligente Tochter – Merry. Doch eines Tages im März 1968 bricht das Unheil über Levov herein. Ihm widerfährt so ziemlich das Schlimmste, was einem liebenden Vater – vom Tod des Kindes einmal abgesehen – passieren kann: Seine Tochter wird zur Mörderin.

Um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, legt sie eine Bombe, die nicht nur das Postamt und den einzigen Kaufmannsladen ihres Heimatdorfes zerstört, sondern auch den ganz zufällig dort anwesenden Arzt des kleinen Ortes tötet.

Fünf Jahre lang hört „der Schwede“ nichts von Merry, die nach der Tat in den Untergrund abtaucht – fünf Jahre, in denen er sich jeden Tag fragt, wie es wohl seiner Tochter gehen mag, ob sie überhaupt noch lebt, ob sie genug zu essen hat, ob sie ihre Tat bereut.

Immer wieder grübelt Levov darüber nach, wie es zu dem schrecklichen Ereignis kommen konnte. Was ist schief gelaufen in seiner Familie, was hat er falsch gemacht, hätten er oder seine Frau etwas tun können, um Merrys Leben in geordneteren Bahnen verlaufen zu lassen, hat er sich vielleicht zu sehr darum bemüht, nicht verkehrt zu machen, hat er das Kind verwöhnt oder hat ihre Sprachbehinderung (Merry stottert) die Tochter zu dem gemacht, was sie ist?

Als Merry dann endlich Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt, kommen weitere schockierende Erkenntnisse auf den „Schweden“ zu. Die Tochter gesteht ihm neben dem Arzt noch drei weitere Menschen auf dem Gewissen zu haben – doch nicht nur das entsetzt Levov, sondern auch die Tatsche, dass die Tochter während ihres Lebens im Untergrund mehrmals vergewaltigt wurde. Vor allem aber ist er erschüttert über Merrys neue, selbstgewählte Lebensform als Mitleid der indischen Religionsgemeinschaft der „Jaina“ einer Sekte, die die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebensformen zum Prinzip hat und deren strengste Vertreter sogar pflanzliche Kost ablehnen und daher über kurz oder lang verhungern. Die einst pummelige Merry ist bereits stark abgemagert und lebt in der Nähe ihres Heimatortes in einer miserablen Unterkunft unter unwürdigen Bedingungen.

Und nun erfährt der gebeutelte Mann zu allem Unglück auch noch, dass ihn seine Frau mit einem Nachbarn betrügt und dass eine intime Freundin jahrelang sein Vertrauen missbraucht hatte und schwerwiegende Geheimnisse vor verbarg.

Später gründet Seymour mit seiner zweiten Frau eine neue Familie, doch nie wieder wird „der Schwede“ völlig glücklich sein, denn obwohl er sich nach Kräften darum bemüht, die Geschichte seiner ersten Familie zu verdrängen, gelingt es ihm nie und immer wieder holt ihn die Erinnerung an seine Tochter ein.

Obwohl das 574 Seiten umfassende Buch inhaltlich sehr anspruchsvoll ist, ist es relativ leicht zu lesen.

Roth entwirft ein großes Panorama der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Mit Seymour Levov erschafft er einen Romanhelden, der trotz seiner jüdischen Herkunft geradezu das Urbild des weißen Mittelklasseamerikaners darstellt. Erfolgreich, gutaussehend, gleich in sämtlichen drei uramerikanischen Volkssportarten (Football, Baseball und Basketball) ein As, Kriegsfreiwilliger in Korea usw. Roths Wortspielerei mit dem Spitznamen Levovs ist genial – er nennt ihn „der Schwede“, obwohl er doch eigentlich „der Ami“ hätte heißen müssen, denn „schwedisch“ ist nur sein Äußeres im Innern ist er Amerikaner durch und durch.

Das Bild, das Roth von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, ist ziemlich düster, oberflächliche Beziehungen, tiefverwurzelte Vorurteile und Brutalität prägen ihr Aussehen. Doch Roth wertet nicht. Er erzählt einfach und überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Obwohl Roth niemals moralisiert, bleibt er gleichwohl moralisch, denn an keiner Stelle des Buches versteigt er sich dazu, Merrys Taten zu beschönigen oder gutzuheißen. Roth erzeugt Ratlosigkeit – eine simple Begründung für die verhängnisvolle Entwicklung im Leben der Familie Levov hält er nicht parat.

Der Leser wird auf diese Weise dazu gezwungen, sich Gedanken zu machen und selber nach Erklärungen zu suchen.

All dies macht den Roman zu einem hochklassigen Stück Gegenwartsliteratur.

Doch habe ich auch einige kritische Punkte anzumerken: Der Roman ist gelegentlich etwas langatmig – einige Situationen sind zu sehr bis ins kleinste Detail geschildert, etliche Örtlichkeiten zu umfassend beschrieben. Manchmal war ich versucht, ein paar Seiten, die mich langweilten zu überblättern bzw. diagonal zu lesen.

Die Rahmenhandlung nimmt fast ein Drittel des gesamten Buches ein – O.K., sie ist inhaltlich recht gehaltvoll und mehr als nur stilistisches Beiwerk, doch hätte man das Ganze durchaus knapper gestalten können.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Amerikanisches Idyll
Autor: Philip Roth
Verlag: Rowohlt
Seiten: 574
ISBN: 349922433X

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