Capri und Kartoffelpuffer

Bei diesem Buch handelt es sich um die Fortsetzung von Bosetzkys weitgehend autobiographischem Roman Brennholz für Kartoffelschalen. Handelte das erste Buch von der Grundschulzeit des Jungen Manfred Matuschewski, die dieser während der schwierigen ersten Nachkriegsjahre in Berlin Neukölln verbrachte, so geht es im zweiten Teil um dessen während der fünfziger Jahre verlebte Gymnasialzeit.

Im Jahre 1951 endet für Manfred Matuschweski die Grundschulzeit, er kommt aufs Gymnasium. Von Anfang an gehört er nicht gerade zu den Überfliegern der Klasse, stets plagt ihn die Sorge, wegen unbotmäßigen Verhaltens oder wegen mangelhafter Leistungen von der Schule zu fliegen – einmal rettet ihn nur noch die sofortige Anmeldung zur Konfirmation vor dem vorzeitigen Ende seiner Gymnasiallaufbahn. Statt für die Schule zu büffeln treibt sich der Junge viel lieber auf dem Sportplatz herum, wo er zunächst als Fußballtorwart und später als Leichtathlet sein Glück versucht. Auch in Schmöckwitz, bei seiner geliebten Oma, fühlt sich der Jugendliche bedeutend wohler als in der Schule. Dort, in der wasserreichen Landschaft im Süden Berlins möchte er, wie weiland die Amazonasentdecker, aufregende Abenteuer mit dem Boot erleben.

Doch nicht nur Sport und Abenteuer wecken Manfreds Begeisterung, sondern er beginnt sich auch für Mädchen zu interessieren. Er träumt davon mit einer angeschwärmten Sängerin, Filmschauspielerin oder zumindest doch mit einer Mitschülerin ausgehen zu können. Je älter er wird, um so mehr leidet er darunter, keine Freundin zu haben und „Es“ immer noch nicht getan zu haben.

Die Familie des Jungen genießt derweil das langsam auch in Berlin spürbar werdende Wirtschaftswunder. Endlich kann man in eine neue Wohnung umziehen und es ist immer genug zu essen da, sogar eine erste Urlaubsreise, nach Farchant in der Nähe von Garmisch, steht auf dem Programm.

Doch nicht nur der Elan des Wiederaufbaus ist an allen Ecken und Enden fühlbar, auch die Teilung der Stadt Berlin wird von Jahr zu Jahr deutlicher. Noch ist die Mauer nicht gebaut, aber die politische Trennung in Ost- und Westsektor, ist längst vollzogen, und langsam tut sich die Kluft, die zwischen den beiden Stadthälften immer tiefer wird, auch in den Köpfen und Herzen der Menschen auf. Noch feiern Freunde und Verwandte aus beiden Teilen der Stadt gemeinsame Feste, noch trifft man sich regelmäßig zu kleinen und auch größeren Besäufnissen, aber häufig gerät man in Streit über politische Themen.

Ebenso wie der erste Band glänzt auch die Fortsetzung durch hohe Authentizität und einen lebendigen, farbigen Erzählstil, jede Zeile erscheint glaubwürdig und echt. Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefragt, ob Bosetzky ein unglaublich gutes Gedächtnis hat oder ob er über viele Jahre hinweg akribisch Tagebuch geführt hat, denn manche Szenen sind so detailliert geschildert, als sei der Autor erst vor wenigen Stunden Zeuge des Ganzen gewesen. Die Berliner Örtlichkeiten in Ost und West sind so treffend beschreiben, dass jeder, der sich auskennt, die Gegend wiedererkennt. Zu meiner persönlichen Freude wird, wenn auch nur in einem Nebensatz, sogar das Krankenhaus Moabit, in dem ich zu jener Zeit allerdings noch nicht gearbeitet habe.

Bosetzky lässt seine Leserschaft nicht nur an den politischen Turbulenzen in Berlin teilhaben sondern auch am seelischen Auf und Ab eines heranwachsenden Jungen. Einfühlsam schildert er die Aufregungen, die durch das Erwachen des Sexualtriebes hervorgerufen werden und er konfrontiert uns mit dem lähmenden Entsetzen, das Manfred befällt, als er die Nachricht vom Tode eines gleichaltrigen Freundes erhält.

Doch ein politisches Ereignis jener Zeit, das für Berlin weiß Gott nicht ganz unwichtig war, lässt der Roman aus – den Volksaufstand des siebzehnten Juni 1953! Für mich ist das schwer zu verstehen, wo doch ansonsten der Autor den historischen Gegebenheiten jener Jahre viel Raum gibt. Manchmal ist er dabei sogar für meine Begriffe etwas zu weitschweifig – warum zum Beispiel zitiert er den kompletten Wortlaut der Radioreportage des 1954er WM-Endspiels, die doch sowieso (fast) jeder auswendig kennt?

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Capri und Kartoffelpuffer
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: Fischer
Seiten: 519
ISBN: 3596139929