Kelch und Schwert

Erstellt am: November 15th, 2007

Ceridwen ist auf der Flucht, sie will keinesfalls mit Caradoc, dem Keiler von Balor Keep verheiratet werden. Caradoc hat den Ruf ein äußerst brutaler Mann zu sein. Und Ceridwen hat in ihrem Buch ihre Zukunft gelesen, und das was dort beschrieben stand, darf niemals eintreten. Jedoch ist sie jetzt einem viel schlimmeren Mann in die Hände gefallen, Ragnor the Red, dem Hauptmann der Wach in Wydehaw Castle. Zur Belustigung wurde sie im Saal der Burg an der Wand festgekettet. Da taucht jedoch plötzlich unerwartet Hilfe auf. Denn der Lord von Wydehaw hat seinen Magier rufen lassen, Dain Lavrans, der einzige Mann vor dem selbst Ragnor sich fürchtet.

Dain wird beauftragt das Mädchen zu pflegen und seine Gesundheit und Schönheit wieder herzustellen. Also nimmt er Ceridwen mit in seinen Turm. Und schon bald ist die junge Frau nicht mehr nur eine lästige Pflicht für ihn. Denn eigentlich lebt Dain nur für sich selbst und seinen Vorteil. Das ändert sich je besser er Ceridwen kennen lernt. Es fällt ihm immer schwerer zu glauben, das er sie an seinen brutalen Freund ausliefern will, sobald Ceridwen wieder gesund ist.

Als jedoch Beltaine anbricht, wirken mehr als nur erdliche Kräfte. Rhuddlan, der Anführer der Quicken-Tree, einer magischen Sippschaft die im Wald lebt, weiß das Ceridwen magische Kräfte besitzt und nur zusammen mit Dain wird es ihr möglich sein, das Tor zwischen Zeit und Raum zu öffnen. Noch mehr außergewöhnliche Abenteuer müssen Dain und Ceridwen bestehen und sehen, ob das Schicksal eine gemeinsame Zukunft für sie vorgesehen hat.

Ein geradezu göttlich-gutes Buch. “Kelch und Schwert” erzählt eine wundervolle Fantasy-Liebesgeschichte, die den Leser geradezu in seinen Bann zieht. Wer diese Geschichte verpasst, dem entgeht ein unvergleichlicher Lesespaß. Also nichts wie auf und das Buch gekauft, denn “Kelch und Schwert” gehört zu den Büchern, an die man sich noch nach Jahren erinnern wird und die man immer wieder gerne liest.

Kritik geschrieben von Isolde Wehr, Herausgeberin von Die romantische Bücherecke

Titel: Kelch und Schwert
Autor: Glenna McReynolds
Verlag: Goldmann
Seiten: 571
ISBN: 3442352274

Georg Forster – Reise um die Welt

Erstellt am: November 14th, 2007

Eine wirklich sensationelles literariisches Juwel ediert der Frankfurter Eichborn Verlag: Georg Forsters berühmte Reise um die Welt – vollständig, originalgetreu und erstmals illustriert mit den prächtigen Tier- und Pflanzenbildern aus eigener Feder.
Ein Tag im Juli 1772. Ein grandioser Tag für einen 17-Jährigen. Georg Forster und sein Vater brechen auf, um die Welt zu umsegeln – mit niemand Geringerem als dem legendären Captain Cook. Es ist ein Geheimauftrag der englischen Admiralität: Man will den sagenumwobenen Südkontinent finden, den man jenseits von Neuseeland vermutet. Drei Jahre werden die Forsters unterwegs sein und dabei 300.000 Kilometer zurücklegen.
Eine derartig endlose Reise hat es in der humanen Historie bislang nicht gegeben. Es ist eine Reise voller Entbehrungen, Strapazen und Abenteuer, mit ungewissem Ausgang. Die Mannschaft droht zu meutern, als das Schiff in das ewige Eis der Antarktis gerät. Georg Forster aber zeichnet und zeichnet und entdeckt Hunderte von Vogel- und Pflanzenarten. Forsters Vater will mit einem bunt bebilderten Reisebericht reicht und berühmt werden. Doch es gibt einen Konkurrenten an Bord: Captain Cook. Der will selber über die Reise verfassen: man gerät sich in die Haare.. Der junge Georg Forster, diplomatischer als sein cholerischer Vater, rettet die verfahrene Situation. Er selbst schreibt jetzt die “Reise um die Welt”. Sie erscheint 1777, allerdings ohne die fantastischen Illustrationen. Dennoch: Das Buch wird ein über die Grenzen hinaus getragener Überraschungscoup und macht seinen Verfasser schlagartig berühmt.

Als Georg Forster ‘Reise um die Welt’ in Jahren 1778-80 den deutschen Lesern vorgelegt wurde – die englische Fassung war bereits 1777 erschienen – bezeichnete Wieland diesen Reisebericht als “eines der merkwürdigsten Bücher” seiner Zeit. Eine bedeutende Reisebeschreibung, ohne Frage nach Gehalt und Schreibart die beste von allen Darstellungen, die über die epochalen Entdeckungsreisen Cooks geschrieben wurden.
Und das Meisterstück gelang: Im März 1777, einen Monat vor der offiziellen Ausgabe, lag Forsters Buch auf Englisch vor, 1778 erschien die deutsche Ausgabe bei Haude und Spener in Leipzig. Jeweils ohne Forsters Illustrationen.
Um ihr Buch zu finanzieren, mussten die mittellosen Deutschen alles zu Geld machen, was sie besaßen. Viel war da nicht – außer dem Schatz der Aquarelle und Zeichnungen, die Georg während der Schiffsreise unter zum Teil abenteuerlichen Umständen angefertigt hatte. Ein reicher Konkurrent der Forsters, Joseph Banks, seines Zeichen naturkundlicher Begleiter der ersten Cook-Expedition, nahm die Bilder als Sicherheit für eine Summe Geldes entgegen, die er den Deutschen lieh. Die konnten es nie zurückzahlen und Georg mußte mitanschauen, wie fast alle seiner Zeichnungen unveröffentlicht im Schlund eines Archivs verschwanden, aus dem sie über 200 Jahre nicht mehr auftauchen sollten. Lediglich zwei Dutzend Vogelzeichnungen, die für König Georg III. agemeistert, von diesem aber zurückgewiesen und schließlich über die Vermittlung Goethes an Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha und Altenburg verkauft worden waren, wurden 1971 in der DDR publiziert.
Mithilfe des Museums für Natural History in London erscheint erstmalig überhaupt Georg Forsters grandioser Reisebericht zusammen mit seinen prächtigen Aquarellen und Zeichnungen, die er während der Weltreise anfertigte – eine veritable Sensation. Die von Frank Vorpahl besorgte Bildauswahl aus über 500 Tier- und Pflanzenzeichnungen gibt der Neuheit einer Spezies Vorrang vor rein ästhetischen Kriterien. Besondere Berücksichtigungen finden Tiere und Pflanzen von denen Georg Forster vor ihrem Aussterben Zeugnis ablegen konnte. Außerdem will die Auswahl Einblick in die Arbeitsweise Forsters geben, neben kompletten Blättern finden sich daher auch einige Skizzen und halbkolorierte Blätter. Immerhin hatten die Naturforscher auf ihrer 1111 Tage währenden Reise nur 290 Tage Landgang – zwischen Botanisiertrommel und Schreibpult mussten die Forscher daher mit höchster Effizienz händeln.
Kaum war das Schiff „Endeavour“ im Jahre 1771.wieder nach England zurückgekommen, als man schon den Entwurf zu einer neuen Reise machte, auf welcher die südlichen Gegenden unsrer Erdkugel weiter erforscht und untersucht werden sollten. Zwey tüchtige, starke Schiffe, die Resolution und die Adventure, wurden zu dem Ende als Königliche Schiffe vom sechsten Range (Sloops) ausgerüstet, und die Kapitäne Jacob Cook und Tobias Furneaux zu Befehlshabern ernannt. Genannt wird aber insbesonders Forster, sogar posthum, auf einer Grabschrift:

Weltumsegler! Du suchtest auf pfadlosem Ozean Zonen,
Wo die Unschuld der Ruh böte vertraulich die Hand!
Edler Forscher, was fandest du dort? Die Kinder der Erde
All’ an Schwachheit sich gleich, alle dem Tode geweiht.
Sohn der Freiheit! Du öffnetest ihr die männliche Seele,
Ihr, die vom Himmel herab sandte der Vater zum Heil.
Ach! Es wandte die Göttin sich schnell von der blutigen Erde;
Forster! Du schwebtest mit ihr, hin wo dein Suchen sich lohnt….

Friederike Brun (1765-1835)

Georg Forster Reise um die Welt
Illustriert von eigener Hand
Mit einem biographischen Essay von Klaus Harpprecht und einem Nachwort von Frank Vorpahl, 648 Seiten ISBN 978-38218-6203-3
Preis € 79,00 / SFr 138

(Jead Lüdeke)

Small World

Erstellt am: November 13th, 2007

Konrad Lang, ein älterer Herr hütet die griechische Sommerresidenz einer steinreichen Familie. Als das Haus durch Langs Unachtsamkeit ein Raub der Flammen wird, entschließt sich die Matriarchin der Familie, Elvira Senn, Herrn Lang zurück in die Schweiz zu holen. Obwohl Konrad der alten Dame durchaus lästig und unbequem ist, fühlt sie sich aus irgendeinem, zunächst nicht näher bekannten Grund, verpflichtet, ihn zumindest so weit zu unterstützen, dass er genug zum Leben und ein Dach über dem Kopf hat.

Herr Lang vermag es sich zunächst nicht einzugestehen, aber er leidet an einer zunehmenden Schwäche seines Kurzzeitgedächtnisses. Am Anfang sind es nur Kleinigkeiten, die er vergisst, aber im Laufe der Zeit wird es immer schlimmer. Er verläuft sich, irrt halbnackt bei schneidender Kälte im Schnee umher, erinnert sich nicht mehr an den Namen oder das Gesicht seiner Lebensgefährtin, selbst die simpelsten Verrichtungen, wie Essen und Trinken misslingen ihm, so dass er schließlich zum Pflegefall wird – Alzheimer. Doch mit dem Verschwinden der Erinnerungen an gerade erst Erlebtes kommen uralte, längst verschüttet geglaubte Bilder wieder an die Oberfläche seines Gedächtnisses. Erlebnisse aus seiner frühen Kindheit sind ihm plötzlich so gegenwärtig, als wären sie erst gerade eben passiert.

Elvira Senn, seiner reichen “Gönnerin” ist diese neue Fähigkeit Langs ausgesprochen unheimlich, denn es scheint ein dunkles Geheimnis zu geben, das sie mit Konrad verbindet. Damit das Unrecht, das Lang in seiner Kindheit durch Elvira Senn angetan wurde, niemals offenbar wird, beschließt die alte Dame seinen Tod. Eine Insulinspritze soll ihn ins Jenseits befördern. Dank der Aufmerksamkeit einer jungen Pflegerin überlebt Lang den Anschlag.

Doch nicht nur das – die teure Behandlung durch einen Alzheimerspezialisten zeigt langsam Wirkung, Langs Zustand bessert sich zusehends. Die durch die Insulinspritze ausgelöste vorübergehende Unterzuckerung des Blutes scheint ebenfalls zu Konrads Gesundung beizutragen, so dass er am Ende wieder fast der alte ist.

Mir hat das Buch gut gefallen, es liest sich flüssig und durchweg spannend. Es vereint Elemente des Krimis und des psychologischen Romans mit Gesellschaftskritik und gibt dem Leser darüber hinaus einen Einblick in die Probleme von Pflegern und Patienten.

Die nahezu vollständige Heilung eines Alzheimerpatienten durch moderne Medikamente (vielleicht in Kombination mit einer massiven Unterzuckerung des Blutes) ist kein Hirngespinst des Autors, sondern es liegen wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die tatsächlich in diese Richtung zu weisen scheinen.

Insgesamt kann ich sagen: Das Buch ist sehr empfehlenswert.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Small World
Autor: Martin Suter
Verlag: Diogenes
ISBN: 3257230885

Mordsglück

Erstellt am: November 13th, 2007

Mittelstand, katholisch, Rheinland, Einzelkind – es gäbe glorreichere biographische Eckdaten für eine Karriere als Schauspielerin, befindet Michaela Mann selbstkritisch. Dass zudem ihre erste große Liebe schneller verging als sie andauerte, lässt für Michaela unweigerlich den Schluss zu, zwei kostbare Jahrzehnte ihres Lebens in zum Negativen tendierender Mittelmäßigkeit verbracht zu haben.

Doch dann lernt sie bei einem Casting Siegfried kennen. Siegfried, den erfolgreichen Schauspieler. Siegfried, der Pupillen mit der Lizenz zum Aufsaugen sein Eigen nennt und sich als ‘der Beste im Gucken’ erweist. Siegfried, der sie zum Aussenden deutlicher Signale provoziert und diese mit dem Hinweis, es sei ein Zeitproblem, quittiert. Siegfried, der sie schließlich ‘nach vier ereignislosen Wochen der Nichtbeziehung’ seiner Mutter vorstellt. Was folgt, sind zwei Jahre, in denen sich zum amourösen Glück auch der berufliche Erfolg als Mimin gesellt. Kurzum: Michaela schwebt auf Wolke Sieben über den Dingen – bis sie erfährt, dass ihre Freundin Gaby mit ihr nicht nur die Begeisterung für’s Theater, sondern auch die für Siegfried teilt und ein Verhältnis mit ihm hat. Zwar verlässt die Betrogene eilends die gemeinsame Wohnung, doch davon, kampflos das Feld zu räumen, ist sie weit entfernt. Ein an Siegfried adressiertes Päckchen mit allerlei symbolischen Utensilien für den perfekten Suizid sowie der Empfehlung ‘zur freundlichen Benutzung’, ist nur der Anfang. Schon wenige Tage später sieht sich der neue Mann an Gabys Seite mit ungleich boshafteren Auswirkungen des Rachefeldzuges seiner Ex konfrontiert.

Äußerst spritzig und kurzweilig erzählt Anna Johann in ihrem Roman “Mordsglück” die Geschichte einer Frau, die sich mit einem exotischen, äußerst effektiven Mittel gegen all jene zu wehren weiß, die sich ihr bei der Erfüllung ihrer Sehnsüchte in den Weg stellen.

“Mordsglück” ist der fünfte, im Fischer Taschenbuch Verlag erschienene Roman von Anna Johann, die als freie Autorin und Übersetzerin auf der süditalienischen Insel Stromboli lebt. (Ensa Maurer)

Titel: Mordsglück
Autor: Anna Johann
Verlag: Fischer TB
Seiten: 191
ISBN: 3596147115

Die Luftgängerin

Erstellt am: November 13th, 2007

Im Jahre 1969 begegnet der etwas weltfremde Ambros Bauermeister während einer Eisenbahnfahrt der jungen, gutaussehenden Amrei Latuhr. Sofort erkennt er, dass es sich bei der Frau um die Person handelt, die für ihn geschaffen ist, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hat. Er gibt ihr spontan einen Kuss und wird schließlich ihr Geliebter.

1970 heiraten die beiden und kurz darauf kommt die Tochter Maudi zur Welt. Geliebt und behütet von Mutter, Großmutter und teilweise auch von ihrem Vater wächst das Kind heran.

Später verlässt der Vater das Haus, weil die Ehe zwischen ihm und Amrei trotz der Liebe, die die beiden ursprünglich füreinander empfunden haben, nicht glücklich wird.

Maudi ist ein merkwürdiges Mädchen. Schon als kleines Kind verhält sie sich oft anders als andere Kinder, wie zum Beispiel ihre gleichaltrige Freundin Esther, von der sich später herausstellt, dass sie in Wirklichkeit Maudis Halbschwester ist. Maudi empfindet für alle Menschen Liebe und Zuneigung; selbst für den Mann, der sie, als sie fünfzehn Jahre alt ist, beinahe umbringt.

Wer oder was ist Maudi Latuhr? Ist sie ein Mensch oder ein Engel – Mann oder Frau? Sie hat alle sichtbaren körperlichen Merkmale einer Frau, doch sie wird nie Kinder bekommen können, da sie genetisch eigentlich ein Mann ist. Sie ist kein Hermaphrodit und erst recht keine Transsexuelle sondern eine Frau mit einem männlichen Chromosomensatz.

Als junge Erwachsene bietet Maudi nahezu jedem ihren Körper dar; nicht gegen Geld oder um etwas für sich dadurch zu erreichen sondern ausschließlich um andere glücklich zu machen und ihnen den Weg zu sich selber zu zeigen.

Der Autor erzählt in seinem Roman nicht nur die Geschichte der jungen Maudi sondern auch die ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Freundin (bzw. Halbschwester) Esther und vielen vielen anderen Personen, die die kleine Stadt Jakobsroth im Rheintal zwischen Österreich und der Schweiz bevölkern.

Obwohl Schneider sehr poetisch, mit zum Teil verblüffenden, wunderschönen Bildern und Metaphern erzählt, reißt mich der Roman insgesamt nicht vom Hocker. Die Geschichte ist schlichtweg langweilig. Am sprachlichen Stil des Romans gibt es nichts auszusetzen – doch der Plot ist einfach zu dünn.

Schade – ich hatte von dem Buch mehr erwartet. Jemand wie Robert Schneider, der einen Roman wie “Schlafes Bruder” geschrieben hat, dem so unglaubliche, schier überwältigende Textpassagen gelungen sind, wie die Beschreibung des Orgelkonzertes des Elias Alder, der ist ein Meister seiner Sprache und er sollte Bedeutenderes vollbringen als diese leider etwas dünne Geschichte.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Die Luftgängerin
Autor: Robert Schneider
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 350
ISBN: 344272578X

Riven Rock

Erstellt am: November 13th, 2007

Stanley McCormick ist Sohn des Erfinders des Mähdreschers und darum sehr reich. Als er die ebenfalls sehr reiche und dazu noch sehr kluge Katherine Dexter heiratet scheint alles perfekt. Doch Stanley ist hoffnungslos geisteskrank und muss vor der Öffentlichkeit, aber vor allem Frauen sicher verwahrt werden.

Sein Arzt Dr. Hamilton empfiehlt einen Aufenthalt in wärmeren Gefilden und so wird Stanley nach Riven Rock, einem großen Besitz der McCormicks in Kalifornien, gebracht. Das Haus dient allein seinem Aufenthalt und eine mitgereiste Gruppe Pfleger wacht über sein Wohlergehen und soll ein Entkommen verhindern. Doch schon auf der Reise im Zug kommt es zu Problemen.

Unter den Mitreisenden Pflegern ist auch Edward O’Kane, der sich schon über die Maßen auf sein zukünftiges Leben im sonnigen Paradies freut. Doch seine Trinkfreudigkeit und noch viel mehr sein Erfolg bei Frauen bringen den verheirateten O’Kane immer wieder in große Schwierigkeiten. Und ist sein Dienst bei Stanley schon kein Honiglecken, macht ihm sein wechselvolles Privatleben noch weit mehr zu schaffen.

Obwohl sich bei Stanley kaum eine Besserung zeigt und ihn wegen seiner Aggression gegenüber allen Frauen nicht einmal seine eigene zu Gesicht bekommen darf, hält sie eisern zu ihm. Nebenher setzt sie sich sehr engagiert für die Frauenrechte und hofft auf die zu dieser Zeit, Anfangs des 20. Jahrhunderts gerade große Fortschritte machende Psychologie.

Boyles Romane stecken immer voll Ironie und er ist ein Meister des Schwarzen Humors, oft an der Grenze zwischen Komödie und Tragödie. In “Riven Rock” hat er sich mit seinem Humor aber im Vergleich zu seinen meisten anderen Büchern eher zurückgehalten. In der für ihn typischen, überaus lebendigen Schilderung der Ereignisse rund um die tragische Figur Stanley blitzt er nur manchmal in einem Satz hervor.

Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist der Pfleger O’Kane, dessen Kampf gegen sein meist von der ihm eigenen Lebenslust verursachten kleinen und großen Tragödien, neben der Haupthandlung, den meisten Raum beanspruchen. Er ist der mit dem sogenannten gesundem Menschenverstand ausgerüstete Beobachter und scheint auch die Lieblingsfigur des Autors zu sein. Ein gewitzter Durchschnittsmensch seiner Zeit mit allen seinen Problemen und seiner Weltsicht, und doch machtlos gegenüber den Widrigkeiten des Lebens. Der Kontrast zwischen seinem kleinen aber turbulenten Leben und dem der Leute, die das Sagen haben, macht einen großen Teil des Reizes in diesem Buch aus.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Riven Rock
Autor: T. Coraghessan Boyle
Verlag: Carl Hanser Verlag
Seiten: 564
ISBN: 3446194770

Projekt Schlaraffenland

Erstellt am: November 13th, 2007

Michael Koniezko starb an einem Freitag. Sechs Jahre lang war er Tester bei der DFS, der “Degustation fett/sauer”, inoffiziell “Schlaraffenland” genannt. Michael hatte sich mit einer Überdosis Heroin vom Zwang befreit, weiterhin auf Öl, Essig, Rauschgift oder andere Essenzen angewiesen zu sein. Obgleich es “nur” ein Selbstmord war, so konnte sich doch die Firma einen Toten im Labor nicht leisten, erst recht keinen Drogentoten, dessen Mangeninhalt die Pathologen womöglich hin und her wenden würden. Also verpackte man die Leiche kurzerhand in Plastiktüten und verstaute sie in der Kühlkammer, im Beisein von Katharina Quast, der Juniorpsychologin. Bisher hatte Katharina im Betrieb alle unangenehmen Arbeiten verrichten müssen. Nun war der Zeitpunkt für sie gekommen, die Opferrolle abzulegen. Sie musste nur den Mund halten und durfte niemandem verraten, was mit Michaels Leiche geschehen war. So begann Katharinas Aufstieg. Was sie allerdings nicht ahnte, war, dass sie fortan von einem Privatdetektiv überwacht werden würde, der heimlich in ihrer Wohnung ein und aus ging, wenn sie nicht zuhause war, und der alle ihre Telefonate abhörte, die allerdings zunächst für den neugierigen Überwacher und seinen Auftraggeber nicht viel hergaben. Im “Zentrum der Geschmacksvielfalt” mussten die übrigen Tester weiterhin schlürfen, schmecken, spucken und nippen.

Denn man war damit beschäftigt, Glück auf Knopfdruck herzustellen, wie Katharina einmal scharfsinnig bemerkte, und zwar durch die Verarbeitung von Glücksfett in Keksen, die die Esser fröhlich und friedlich und, in höherer Dosierung, unbequeme Zeitgenossen lammfromm machen sollten.

Aber da gab es noch die ESSkalation, eine Gesellschaft, die Skandale an die Öffentlichkeit brachte, mit einem Mitarbeiter namens Max Gross, bei dem sich eines Tages ein Mann meldete, der seinen Freund vermisste, und dieser Freund war natürlich niemand anders als Michael Koniezko.

So kommt die Sache ins Rollen, mit vielen Zwischenfällen und Verwicklungen. Eines Tages ist auch Max Gross verschwunden, aber er taucht wieder auf- in Katharinas Firma. Katharina dämmert es allmählich, dass die Firma nicht nur eine Leiche verschwinden ließ, sondern noch viel mehr Dreck am Stecken hat. Sie kommt zwar bei ihren Aufdeckungsversuchen glimpflich aus der Sache heraus, ohne jedoch die eigentlichen Übeltäter endgültig zur Strecke bringen zu können. Denn ihr Chef Mark Sweenie ist wie die meisten Bösewichter dieser Welt mit allen Wassern gewaschen.

Haben wir es hier mit dem fantastischen, überspannten Roman einer Autorin zu tun, die bisher als Wissenschaftsredakteurin in Hamburg gearbeitet hat? Vielleicht. Aber in vielen Momenten ist die Geschichte näher an der Wirklichkeit als wir alle ahnen oder wahrhaben wollen.

Titel: Projekt Schlaraffenland
Autor: Hanne Tügel
Verlag: Knaur
Seiten: 352
ISBN: 3426618885

Die Bildhauerin

Erstellt am: November 13th, 2007

Seit sechs Jahren sitzt Olive Martin im Zuchthaus. Sie hat gestanden damals ihre Mutter und ihre Schwester auf grausame Art umgebracht zu haben.

Roz, eine Journalistin, die eigentlich Rosalind Leigh heißt, und sich nach einer privaten Katastrophe mitten in einer schweren Depression befindet, wird von ihrer Verlegerin aufgefordert, ein Buch über die Gefangene zu schreiben.

Widerstrebend macht sich Roz an die Arbeit. Entgegen ihren Erwartungen ist ihr die unattraktive, extrem übergewichtige Olive sympathisch und bald beginnt die Journalistin an der Schuld der Gefangenen zu zweifeln, denn bei ihrer Recherche stößt sie auf Widersprüche, offene Fragen und viele Merkwürdigkeiten.

Mit Hilfe von Hal Hawksley, dem Polizisten, der seinerzeit den Fall bearbeitete, inzwischen jedoch nicht mehr im Dienst ist, nimmt sie die Suche nach den wirklichen Hintergründen der Tat und nach dem tatsächlichen Mörder der beiden Frauen auf.

Sie hat dabei viele Widerstände zu überwinden – die früheren Nachbarn von Olives Familie hüllen sich in Schweigen oder machen falsche Angaben, Rechtsanwälte und Behörden haben offenbar keinerlei Interesse an einer Wiederaufnahme des Falles und Olive selber beharrt auf ihrer Version des Tatherganges und bastelt kleine Voodoo – Figuren, um mit deren Hilfe ihren tatsächlichen und vermeintlichen Feinden zu schaden.

Die Geschichte liest sich flüssig und enthält gelegentlich durchaus spannende Sequenzen. Doch ähnlich wie Fastfood sättigt der Roman nur kurz, ist jedoch weder appetitanregend noch nahrhaft – zu vorhersehbar ist das Ende, zu banal die Handlung, zu flach sind die Charaktere.

Er enthält sogar Passagen, die mich regelrecht ärgern!

So zum Beispiel ganz zum Schluss: Da droht Hal seinem Widersacher mit einem Anschlag auf sein Kind, falls dieser Roz irgendeinen Schaden zufügt.

Natürlich müssen in einem Krimi die Personen – auch die Helden – nicht unentwegt brav und politisch korrekt handeln, und natürlich ist die Schilderung von Gewissenskonflikten oder falschen Entscheidungen der Protagonisten eine unentbehrliche Zutat für einem guten Kriminalroman. Doch Minette Walters lässt keinerlei Distanz erkennen, ihre stillschweigende Billigung von Hals Verhalten ist offensichtlich.

So etwas ist schlicht unmoralisch! Zudem stört mich ihre sehr vereinfachte, manchmal geradezu dümmliche Sichtweise der gesellschaftlichen Ordnung. Ihre Beurteilung von Gesamtschulen und Sozialhilfeempfängern orientiert sich unverkennbar an Stammtischweisheiten.

Die Geschichte ist zumindest spannend und weist keine größeren logischen Fehler auf.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Die Bildhauerin
Autor: Minette Walters
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 408
ISBN: 3442052726

Der Sommer der lachenden Kühe

Erstellt am: November 13th, 2007

‘Man fühlt sich ziemlich verlassen, wenn man nicht weiß, wer man ist, wo man herkommt und wo man hinwill. So erging es Taavetti Rytkönen, achtundsechzig Jahre alt. Er war unterwegs, konnte jedoch nicht sagen, zu welchem Ziel, und auch nicht, wo sein Ausgangspunkt gewesen war.
Er hatte gerade das Tapiolaer Kontor der Nationalbank verlassen. Dort hatte er seine Brieftasche mit den Ausweispapieren liegen lassen, doch das Geld, das er am Schalter in Empfang genommen hatte, hatte er immerhin eingesteckt. Die Summe war durchaus nicht gering, es handelte sich um Tausendmarkschein in einem Bündel, anderthalb Zentimeter dick und von einem Gummiband zusammengehalten. Zu welchem Zweck er eine so große Summe abgehoben hatte, wusste er nicht mehr und auch nicht, dass er soeben sein Konto abgeräumt hatte.’

In einem derart desolaten Zustand trifft Rytkönen auf den Taxifahrer Seppo Sorjonen, der just einen Passagier von Helsinki nach Otaniemi gebracht hatte und nun – via Tapiola – den Rückweg antreten wollte. Ehe er sich versieht, sitzt der pensionierte Landvermessungsrat in seinem Wagen und befiehlt ihm, einfach nur zu fahren – ziellos. Dass Sorjonens Chef die spontane Fahrt ins Blaue trotz der Zahlungswilligkeit des Kunden mit einer Kündigung honoriert, beschäftigt den nun Arbeitslosen nur kurz. Verständlich, denn der an Demenz erkrankte Kriegsveteran hält ihn gehörig auf Trab. Übernachtet in einem Panzer, badet nackt in einem öffentlichen Brunnen, trägt nicht ganz unwesentlich zur großflächigen Brandrodung eines Gehöfts bei und entdeckt schließlich sogar sein Herz für Kühe.

Was die Brüder Kaurismäki für die Film-Szene sind, ist Arto Paasilinna für das Literatur-Genre. Mit “Der Sommer der lachenden Kühe” liefert er einen Roman im Stile eines Road-Movies, dessen Fülle grotesker Absurditäten beim Leser keine Wünsche offen lässt. Akribisch und gnadenlos lakonisch beschreibt der Autor Situationen und Gedanken seiner kongenialen Protagonisten. Dabei erfährt man mehr über Finnland als in einem Reiseführerr. Dass es sich nicht selten um Belanglosigkeiten handelt, die für den Fortgang der Geschichte unerheblich sind, macht den eigentlichen Reiz des Romans aus und verdeutlicht zugleich das Können Paasilinnas. Prädikat: völlig abgefahren!

Arto Paasilinna wurde 1942 in Kittilä/Lappland geboren und gilt als populärster Schriftsteller Finnlands. Alle seiner rund 40 erschienenen Romane wurden in andere Sprachen übersetzt und somit ebenfalls im Ausland zu Erfolgen. Paasilinna erhielt für etliche Romane, von denen viele auch verfilmt wurden, zahlreiche nationale und internationale Literaturpreise. Im Ehrenwirth-Verlag sind u.a. erschienen: “Die Giftköchin” und “Im Wald der gehenkten Füchse”. (Ensa Maurer)

Titel: Der Sommer der lachenden Kühe
Autor: Arto Paasilinna
Verlag: Ehrenwirth Verlag
Seiten: 223
ISBN: 3431036147

Ein Freund des Verblichenen

Erstellt am: November 12th, 2007

‘Ich mußte nur noch einen erschwinglichen Killer finden, das Geld für sein Honorar auftreiben und dann würde der von mir ideal ausgedachte Mord ein weiteres ungelöstes Rätsel werden. Ein sinnloses Leben effektvoll zu beenden, reizte mich. Und bei den rätselhaften Morden gibt es noch einen bestechenden Aspekt – man schreibt häufig in Zeitungen und Büchern über sei, man erinnert sich an alle Einzelheiten und an den Namen des Opfers, so daß ich eine reale Chance hatte, wenn schon nicht für alle Ewigkeit, so doch für lange Zeit im Gedächtnis der Menschen zu bleiben.’

So kann wahrlich nur einer wie Tolja denken – einer, der des Lebens müde ist, weil seine Frau ihn betrügt, es aber nicht schafft, dem scheinbar sinnlosen Dasein selbst ein Ende zu setzen. Da kommt es ihm wie gerufen, eines Tages seinen alten Kumpel Dima, der nicht nur einen Kiosk, sondern überdies Kontakte zu dubiosen Kreisen hat, wieder zu treffen. Vermutend, dass Tolja den Liebhaber seiner Frau umbringen lassen wolle, verspricht er, ihm zu helfen und schanzt Kostja den Auftrag zu.

Um dem Killer die Arbeit zu erleichtern, präsentiert sich Tolja ihm stundenlang in seinem Stammcafé – vergebens, denn Kostja lässt sich nicht blicken. Ebenso alkoholisiert wie frustriert macht sich der widerwillig Überlebende auf den Heimweg und trifft eine junge Prostituierte. Er verbringt einige Tage mit ihr, will kein Geld von ihm, sondern nur, dass er sie mit ihrem richtigen Namen anspricht: Lena. Die Gefühle für sie lassen Tolja die Lust aufs Sterben gründlich vergehen, doch davon erfährt der angeheuerte Killer nichts.

“Ein Freund des Verblichenen” hat das Zeug, sich nahtlos in die Erfolgsserie vorheriger Romane von Andrej Kurkow einzureihen. Erneut entwickelt der Autor aus einer köstlich skurrilen Idee eine aberwitzige Geschichte, die keinerlei Schwächen aufweist und vom ersten bis zum letzten Wort ein Lesevergnügen par excellence ist. Doch es ist nicht nur die Story an sich, die besticht, sondern Kurkow weiß auch durch seine wunderbar lakonische, pointierte Sprache und nuanciert gezeichnete Charaktere zu überzeugen.

Andrej Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren und lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Er studierte Sprachen, spricht derer elf, arbeitete als Redakteur, Kameramann und Gefängniswärter und hat etliche Drehbücher verfasst. Seit 1996 konzentriert er sich ganz auf die Schriftstellerei und pendelt zwischen seinen Wohnorten Kiew und London. “Ein Freund des Verblichenen” ist nach “Petrowitsch” und “Picknick auf dem Eis” das dritte Werk des Autors, das bei Diogenes veröffentlicht wurde. (Ensa Maurer)

Titel: Ein Freund des Verblichenen
Autor: Andrej Kurkow
Verlag: Diogens Verlag
Seiten: 141
ISBN: 3257062397

Weitere Buchbesprechungen im Lesertreff: