Das blaue Pferde von Tanja Ohde

Erstellt am: November 22nd, 2007


Das blaue Pferd

„Wenn man jemanden lieb hat, muss man es ihm auch sagen. Woher soll er es sonst wissen?“ Die Gute-Nacht-Worte seiner Mutter hallen noch in Kai nach, als ihm einfällt, dass er sein kleines blaues Pferdchen mit den goldenen Sternen in der Mähne verloren hat. Und dabei hatte er ihm nie gesagt, dass es sein Lieblingsspielzeug ist! Auf der Suche nach dem Pferdchen reist Kai auf einer Wolke, wird zum Spielball der Winde und begegnet einem geheimnisvollen Walderg, der in einem Zauberwald gefangen ist. Kann Kai dem Erg helfen und die verzauberte Fee retten? Und wird er sein blaues Pferdchen wiederfinden? „Das blaue Pferd“ ist eine Parabel über Freundschaft und Zuneigung mit Illustrationen der 14-jährigen Laila Sporns, die hier zum ersten Mal ihr großes zeichnerisches Talent beweisen kann. Ein Buch zum Lesen und Vorlesen für Kinder ab 8 Jahren.

Die Autorin Tanja Ohde, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet als Bildredakteurin und Autorin in Köln.
Bisher von ihr erschienene Titel sind die Gastroguides „Six p.m. Köln“ und „Kaffee-Kult Düsseldorf“ sowie das Städteportrait „100 Jahre, 100 Bilder – Köln im 20. Jahrhundert“. „Das blaue Pferd“ ist ihr erstes Kinderbuch. Die Illustratorin Laila Sporns ist 14 Jahre alt und lebt in Lübeck. Für „Das blaue Pferd“ hat sie zahlreiche phantasievolle Illustrationen geschaffen, mit denen sie ihr zeichnerisches Talent unter Beweis stellt.

Mein Name ist Ascher Lev

Erstellt am: November 22nd, 2007

Dieses Buch ist schon 1972 erstmals erschienen, jetzt eine Neuentdeckung auf dem Markt.

Ascher Lev ist zu Beginn der Erzählung ein kleiner vierjähriger Junge jüdischer Abstammung . Die Handlung ist etwa um das Jahr 1953 und danach angesiedelt. Er und seine Eltern , seine Onkel und Tanten ,leben in New York, in Brooklyn. Die Vorfahren der großen Familie entstammen den Lubavitcher Chassidim . Die Erzählung wird in der Ichform vorgetragen.

Ascher Lev ist das einzige Kind seiner Eltern. Der Vater betätigt sich für die jüdische Gemeinde in einer Hilfsorganisation zur Rettung russischer Juden aus der Sowjetunion. Mit dieser Aufgabe sind für den Vater viele Reisen verbunden, so dass Ascher viel mit seiner zarten und empfindsamen Mutter alleine ist. Er ist ein sensibler, in sich gekehrter Junge. Er kennt nur eine Passion: er malt und zeichnet ohn’ Unterlass, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Er passt nicht auf in der Schule , er lernt nicht ordentlich, er hört nicht zu, er ist geistesabwesend,– er malt, und er malt sogar in Gedanken, wenn er kein Blatt Papier vor sich hat. So wie diese Geschichte erzählt wird, gewinnt der Leser den Eindruck, unmittelbar in die Gedankenwelt des Ascher einzutauchen. Seine klaren , direkten Fragen nach dem Leben, dem Tod, warum dies und das so oder so ist,– immer sieht man ihn mit großen ,gedankenverlorenen Blicken die Welt beobachten, in sich aufnehmen, aber auch ein wenig abgewandt von dieser Welt.

Anrührend ist diese stete und ungebrochene Passion von Ascher Lev, durch Malerei allen seinen Gedanken ,Gefühlen und Beobachtungen einen Ausdruck zu geben.

Wir erleben die Entwicklungsgeschichte und die Besessenheit eines Genies. So etwas ist uns aus der Malerei der vergangenen Jahrhunderte bekannt, beispielsweise von van Gogh oder Toulouse Lautrec u.a. Die jüdische Welt aber ist eine besondere: der Zusammenhalt, die Gläubigkeit, das strenge Einhalten der Feiern und Traditionen,– dieses alles sind Merkmale der Unterscheidung zu Familien der uns bekannten Glaubensrichtungen.

Die Familie und die Gemeinde hat es schwer, sich mit diesem eigenwilligen und seinen eigenen Weg suchenden Genie zu arrangieren.

Im weiteren Geschehen nimmt die Geschichte einen zunehmend dramatischen Verlauf: der Vater entwickelt Wut und Zorn gegen den Sohn, dessen künstlerische Ambitionen ihm als Torheit erscheinen und für dessen Entwicklung er andere Vorstellungen hatte. Die Mutter steht zwischen dem Sohn und dem Vater. Ascher geht mit Billigung des Rebbe ( Rabbi) zu einem anerkannten und berühmten Künstler in die Lehre. Immer wieder spielen die Spannungen zwischen der Familie, dem jüdischen Glauben, der sehr streng organisierten und in der Hierarchie dominierenden jüdischen Gemeinde und dem Künstler Ascher Lev eine herausragenden Rolle in diesem Roman. Denn Ascher ist und bleibt ein frommer , den Glauben praktizierender Jude.

In vielen abgehandelten Gesprächen über Kunst kann man einiges erfahren über Kunsttheorien, Künstler der Moderne und verschiedene Auffassungen über Kunst im Allgemeinen.

Das Ende ist tragisch: getrieben von seinen inneren Impulsen malt Ascher eine Kreuzigung, später auch als die ” Brooklyn-Kreuzigung” bezeichnet. In dieser Darstellung malt er die Mutter, den Vater, das Leiden , aber als Kreuzigung im christlichen Sinne. Er stellt sich damit gegen die jüdische Tradition, nach der man überhaupt kein Abbild von Gott oder den Menschen malen darf.

Die Eltern, besonders der Vater, wendet sich tief enttäuscht von ihm ab; die Mutter leidet ; der Rabbi gibt ihm zu verstehen , dass er ihn verstehe, dass er aber ” eine Grenze überschritten habe”, die ein Verbleiben in der Gemeinde, unter den Menschen seines Glaubens und derer, die ihn lieben, nicht mehr möglich sein lässt. Er wird nach Paris geschickt , fort aus seiner Heimat Brooklyn.

Ascher ist eine tragische Gestalt, getrieben von den eigenen inneren Bildern, denen er in der Malerei Gestalt zu geben vermag , ja ,geben muss, wohl wissend, dass er sich damit abseits stellt von seiner ursprünglichen Lebenswelt.

Es ist ein sehr ergreifendes Buch , in dem man etwas lernen kann über die strengen Regeln , die im Judentum herrschen, die Frömmigkeit und den Konflikt zwischen Welt und Glauben, in die ein Mensch mit einer inneren Mission, der der Malerei, geraten kann.

Das Buch stimmt nachdenklich und regt an zum Nachforschen über Kunst und Religion und zum Erkennen einer Welt, die nicht mit christlichen oder auch anderen Religionen und deren Traditionen zu vergleichen ist. (Claudine Borries)

Titel: Mein Name ist Ascher Lev
Autor: Chaim Potok
Verlag: rororo
Seiten: 273
ISBN: 3499140128

Vergeltung

Erstellt am: November 22nd, 2007

In der Oktobersendung des “Literarischen Quartetts” wurde dieses Buch einhellig gelobt. Da mich bisher Bücher, denen diese Ehre zuteil wurde, nur sehr selten enttäuscht haben, war das für mich Kaufempfehlung genug. Der Roman wurde bereits 1956 zum ersten Male veröffentlicht, geriet jedoch rasch und sehr zu Unrecht in Vergessenheit. Der Autor, der in den fünfziger Jahren noch zwei weitere Werke veröffentlichte (Stalinorgel – 1955 und Faustrecht- 1957) zog sich danach vom Literaturbetrieb zurück, lebte in einem bayrischen Dorf und war nur noch journalistisch tätig, die Schriftstellerei gab er, wohl auch aus Enttäuschung über einige ungerechte Kritiken, völlig auf.

Auf eine nicht näher bezeichnete deutsche Stadt geht an einem Sommertag zwischen13:01 und 14:10 ein schwerer Bombenhagel nieder. Die Menschen erleben das Chaos und die Verwüstung in ganz unterschiedlichen Situationen.

Eine Gruppe von Soldaten und jungen Flakhelfern versucht, die Stadt gegen die gegnerischen Flugzeuge zu verteidigen; aber gleich zu Anfang der Abschwehrschlacht verlieren drei Kanoniere und sieben Flakhelfer, die eigentlich noch Schüler sind, durch einen Rohrkrepierer ihr Leben.

Ein Lehrer sucht verzweifelt seinen kleinen Sohn. Er fürchtet, dass sich der Junge im Bahnhof befindet, der durch die Bomben schwer getroffen wurde. Durch die brennende Stadt versucht sich der Mann dorthin durchzuschlagen und hofft sein Kind noch lebend anzutreffen und aus dem Inferno zu erretten.

Ein amerikanisches Flugzeug wird abgeschossen. Ein Besatzungsmitglied landet mit dem Fallschirm in der Stadt. Der Soldat versucht sich vor den Bombentreffern in Sicherheit zu bringen, doch die Wut der Bevölkerung auf den “Feind” vereitelt alle seine Hoffnungen.

Ein älteres Ehepaar spielt in seiner von Flammen umzingelten Wohnung Bridge. Die Leute spielen zu zweit, obwohl Bridge doch eigentlich ein Spiel für vier Personen ist, doch ihre beiden früheren Mitspieler, die Söhne Walter und Rudolf sind tot – gefallen! Ein junges Mädchen wird gemeinsam mit einem Mann in einem Keller verschüttet. Bevor die beiden sterben, wird das Mädchen noch von ihrem Leidensgefährten vergewaltigt.

Eine Gruppe russischer Kriegsgefangener ist von Hunger und Krankheit so geschwächt, dass sie das Chaos, das sich um sie herum abspielt nur undeutlich wahrnehmen; ihr Leben und erst recht das ihrer Mitmenschen ist ihnen gleichgültig geworden, ihre größte Sorge gilt dem Essen.

Hunderte von Leuten – Soldaten und Zivilisten harren in einem Bunker aus.

Eine resolute Milchverkäuferin versucht einen jungen Mann daran zu hindern, den Helden zu spielen und rettet so vermutlich sein Leben.

Menschen fallen in Bombentrichter, werden verschüttet, verbrennen, werden erschlagen, erschossen, verbluten. Es gibt keine Möglichkeit, dem Grauen zu entrinnen.

Gert Ledig schont seine Leser nicht. Er lässt wenig Raum für Hoffnung, kaum je findet sich in dem von ihm beschriebenen Desaster Menschlichkeit nirgendwo gibt es das klitzekleine Stückchen Glück am Rande der Katastrophe. Selbst zaghafte Versuche einzelner, zumindest ein kleines bisschen Barmherzigkeit zu zeigen, scheitern grausam. Der Soldat, der versucht, , nur tote statt lebender Menschen zu treffen, indem er seine Bomben über einem Friedhof abwirft, wird später grausam umgebracht. Und die Frau, die ein junger Soldat unter Einsatz seines eigenen Lebens aus einem brennenden Haus schleppt, möchte gar nicht gerettet werden sondern lieber sterben.

Ledig hat am eigenen Leibe den Krieg miterlebt und erfahren, was es bedeutet in einem Bunker zu hocken, während um einen herum die Welt in Schutt und Asche versinkt. Und das merkt man dem Buch an – authentischer kann ein Text nicht mehr sein! Gott sei Dank ist mir die Erfahrung, was Krieg ist, bisher erspart geblieben, doch Ledig schafft es mit seinem Buch, einen Eindruck von dem Entsetzen und der Verzweiflung zu vermitteln, das Bomben, Luftangriffe, Hunger und Geschützdonner hervorrufen. Durch die verschiedenen Erzählstränge, die er verfolgt, hängen lässt und später wieder aufnimmt, vermittelt er uns ein Gefühl des Chaos, des totalen Durcheinanders. Er schreibt extrem kurze, knappe Sätze und unterstreicht so die Härte seiner Aussagen. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, konnte ich in der folgenden Nacht nur schlecht schlafen. Bomben und Feuer mischten sich in meine Träume.

Das Buch ist als Bettlektüre nicht zu empfehlen und vielleicht auch nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Für Menschen, die etwas über das Grauen des Krieges erfahren wollen, ist das Buch jedoch ein Muss!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Vergeltung
Autor: Gert Ledig
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 210
ISBN: 3518410644

Der Geliebte der Mutter

Erstellt am: November 22nd, 2007

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Geliebten der Mutter. “Er war steinalt, kerngesund noch im Tod.” Edwin war Musiker gewesen, ein guter Dirigent, der vor allem sein “Junges Orchester” und seine Karriere im Kopf hatte und nie bemerkte, wie sehr ihn die Mutter liebte – ihr Leben lang. Als junger Mann war er mausarm gewesen, die Mutter jedoch reich. Am Ende war es umgekehrt. Durch den Börsenkrach 1929 hatte sie all ihr Hab und Gut und ihren Vater verloren.

Edwin lernte die Mutter durch ihre Freundin kennen, die Cellistin in seinem Orchester war und später in Treblinka ermordet wurde. Eines Tages fragte Edwin die Mutter, ob sie eine Art Mädchen für alles werden wolle, die Betreuung des Orchesters, der Solisten und der Kasse und die Vorbereitung der Gastspiele übernehmen wolle. Mit Feuereifer stürzt sich die Mutter, die jetzt nur noch Augen für Edwin hat, in die Arbeit. Einige Male schläft sie mit ihm. Als sie schwanger wird, lässt sie auf Edwins Geheiß hin das Kind abtreiben. Edwin aber heiratet die Alleinerbin einer Maschinenfabrik. Die Mutter versucht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Immerhin hat sie jetzt auch ein eigenes Haus, einen Mann und einen Sohn, den Erzähler nämlich. Erst später setzt der Kult der Mutter um Edwin ein. Manische Depressionen, Selbstmordversuche und Aufenthalte in Sanatorien mit Elektrotherapien wechseln einander ab. Mit zweiundachtzig Jahren setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende. Sie springt aus dem Fenster – auf den Fiat des Hausmeisters, der sich dann wegen der Versicherungssumme fast ein Jahr lang mit der Versicherung der toten Mutter herumstreitet. Nun tritt der Sohn auf den Plan und erzählt “die Geschichte einer sturen Leidenschaft”, in “Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.” Doch als er auf Edwin trifft, erliegt auch er, statt ihn energisch zur Rede zu stellen, der Blendung des egomanischen Dirigenten und drückt nur seine Bewunderung für dessen Konzerte aus. Der figurenreiche Roman mit erstaunlich vielen Nebenschauplätze enthält nicht nur das Psychogramm einer unerwiderten Liebe. Er handelt auch von der Entwicklung in der modernen Musik, die gekennzeichnet ist durch Namen wie Bartók, Krenek oder Prokofjew, und von der Politik des 20.Jahrhunderts. Auf kaum hundertdreißig Seiten hat Urs Widmer ein ganzes Jahrhundert eingefangen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Männer in braunen Uniformen tauchen am Rande auf. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart bilden die Kulisse dieses tragischen Lebens, das durch die Rücksichtslosigkeit eines Künstlers zu Grunde gerichtet wird – zweifellos nicht der erste und sicherlich auch nicht der letzte Fall.

Mit einfachen Bildern, in einer bestechenden Sprache verdeutlicht Widmer Opfer-Täter-Beziehungen – schon der Vater hatte in der Familienhierarchie den untersten Platz eingenommen, um später desto energischer den Familientyrannen herauszukehren. Das nur auf den ersten Blick und beim flüchtigen Lesen unplausibel wirkende Verhalten der Mutter findet seine Begründung in ihrer Veranlagung und in ihrer Jugend. Daneben geht es aber auch um Geld und Macht. Vor allem jedoch holt der Erzähler durch dieses kleine poetische Meisterwerk die Mutter aus ihrem Schattendasein hervor, nicht ohne Witz und Humor und mit einem Hauch von Melancholie. Hat diese Frau wirklich gelebt? Gleicht das hier erzählte Schicksal etwa dem der eigenen Mutter von Widmer? Wir wissen es nicht. In einem Fernsehinterview sagte der Schriftsteller, er habe sich bemüht, in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Um das Wahrscheinliche und das Mögliche zu beschreiben, habe er viel erfinden müssen. (Ursula Homann)

Titel: Der Geliebte der Mutter
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 128
ISBN: 3257062451

Witwe für ein Jahr

Erstellt am: November 22nd, 2007

Auch fünf Jahre nach dem tragischen Unfalltod ihrer beiden Söhne kann Marion Cole ihre Trauer nicht überwinden. Als sie eines Tages alle Verbindungen zum Rest ihrer Familie abbricht und spurlos verschwindet, bleiben vor allem ihre nach dem Tod der beiden Jungen geborene Tochter Ruth, und Eddie, ihr dreiundzwanzig Jahre jüngerer Geliebter ratlos zurück.

Ruth wächst bei Ted, ihrem Vater, einem notorischen Schürzenjäger, auf und wird später zu einer gefeierten Schriftstellerin. Auch Eddie versucht sich als Autor, doch ist sein Erfolg nur gering.

Nach Jahren kreuzen sich Ruths und Eddies Wege erneut. Sie stellen fest, dass beide in all den Jahren nie das Interesse an der verschwunden Marion verloren haben. Ruth und Eddie haben in ihrem bisherigen Leben wenig Glück mit ihren Partnern gehabt, denn Eddie, der immer noch auf ältere Frauen steht, vergleicht jede neue Frau mit der Entschwundenen und Ruth hat Angst vor allzu engen Bindungen und gerät stets an den falschen Mann – einer vergewaltigt sie sogar.

Als sie in Amsterdam Augenzeugin eines Mordes wird und fast zur gleichen Zeit in Amerika ihr Vater Selbstmord begeht, beschließt Ruth, das eigene Leben neu zu gestalten; sie heiratet Allan, ihren Lektor. Bald kommt Sohn Graham auf die Welt und endlich fühlt sich Ruth zufrieden und geborgen. Ihr Glück ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn nach lediglich vier Jahren Ehe wird sie zur Witwe.

Es braucht ein Jahr bis Ruth langsam wieder ins Leben zurückfindet, und Harry Hoekstra, ein Polizeibeamter aus Amsterdam hilft ihr dabei.

761 Seiten voller Leben, interessanter Personen, skurriler Geschichten, trauriger, lustiger und bewegender Ereignisse in einer knappen Inhaltsangabe unterzubringen, ist nicht ganz einfach und wird diesem Roman auch keineswegs gerecht.

In gewohnt souveräner Art und Weise vermag es Irving seine Leser zu fesseln. Dieser Roman macht süchtig – nachdem man einmal mit der Lektüre begonnen hat, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Es wimmelt von liebevoll gezeichneten Figuren. Irving lässt seine Leserschaft nicht nur am Schicksal von Ruth Cole, der Hauptperson teilnehmen, sondern auch die Geschichten von Marion, Ted, Eddie, der Hure Rooie, dem Polizisten Harry und so weiter und so weiter werden mit viel Liebe fürs Detail erzählt. Selbst relativ unwichtige Figuren werden bis zur kleinsten Einzelheit genau entwickelt. So dürfte fast jeder von uns im Laufe seines Schülerlebens einem Lehrer wie Minty O’ Hare begegnet sein.

Genial ist auch Irvings Kunstgriff mit der zweiten Erzählebene, denn so ganz nebenbei lernen wir auch noch die Romane und Figuren der zahlreichen Autoren kennen, die das Buch bevölkern. Teilweise verschmelzen Fiktion und Wirklichkeit miteinander.

Ein Schriftsteller, der über eine Schriftstellerin schreibt, die über einen Schriftsteller schreibt – irre!

Ohne jemals in kitschige oder allzu sentimentale Gefilde zu entgleiten, schildert Irving Gefühle wie die Verlassenheit Ruths nach dem Weggang der Mutter, die große Liebe Eddies zu Marion oder vor allem die entsetzliche, nie enden wollende Trauer, die diese nach dem Tode ihrer Söhne ergreift.

Die “Witwe für ein Jahr” ist ein Buch das mich zum Schwärmen bringt. Ich werde es sicher irgendwann noch einmal lesen. Ansonsten freue ich mich schon auf den nächsten Roman von John Irving.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Witwe für ein Jahr
Autor: John Irving
Verlag: Diogenes
Seiten: 761
ISBN: 3257233000

Alias Grace

Erstellt am: November 22nd, 2007

Margaret Atwood ist wohl die derzeit bekannteste kanadische Erzählerin. Aus ihrer Feder stammen viele sehr lesenswerte Romane, wie zum Beispiel “der Report der Magd” , der vor einigen Jahren auch verfilmt wurde.

Ihr letztes in Deutschland erschienenes Buch “alias Grace” berichtet über einen authentischen Kriminalfall, der in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Umgebung von Toronto für einiges Aufsehen sorgte. Thomas Kinnear, ein aus Schottland stammender Grundbesitzer und seine Haushälterin, die gleichzeitig seine Geliebte war, werden ermordet aufgefunden. Schon bald werden der Knecht James Mc Dermott und das erst sechzehn Jahre alte Dienstmädchen Grace Marks verhaftet und der Tat verdächtigt. Mc Dermott wird schließlich gehängt, die junge Frau jedoch wird, obwohl auch sie zunächst zum Tode verurteilt wurde, stattdessen, in eine Irrenanstalt und danach ins Gefängnis gesperrt.

Bis zum heutigen Tage konnte der genaue Tathergang nie hundertprozentig geklärt werden und die Art und Weise der Tatbeteiligung von Grace Marks war ebenfalls nicht exakt zu ermitteln. Die Aussagen der beiden Verdächtigen und einiger Zeugen widersprechen einander in wesentlichen Punkten, überdies behauptet die junge Frau, was den Mord an der Haushälterin angeht, eine Erinnerungslücke zu haben, da sie sich offenbar vor Angst und Entsetzen zum Zeitpunkt der Tat in geistiger Umnachtung befunden habe.

Sechzehn Jahre nach dem schrecklichen Ereignis wird das ehemalige Hausmädchen von einem ehrgeizigen jungen Nervenarzt untersucht. Er erwirbt sich das Vertrauen der Gefangenen und hofft, in langen Gesprächen Zugang zu den im Unterbewusstsein der Frau gespeicherten Erinnerungen zu finden.

Grace berichtet dem Arzt von ihrer Kindheit in Irland, von ihrem lieblosen und trunksüchtigen Vater, von der Auswanderung nach Kanada, von der qualvollen Ozeanüberquerung, die die Mutter nicht überlebt. Sie erzählt von den Haushalten, in denen sie als Dienstmädchen angestellt war, so auch von ihrer glücklichen Zeit im Hause von Aldermann Parkinson. Dort lernt sie eine andere Hausangestellte, Mary Whitney, kennen die ihr eine enge und geliebte Freundin wird.

Durch eine missglückte Abtreibung kommt diese zu Tode und für Grace Marks beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der sie schließlich ins Haus von Mr. Kinnear führt. Ihre Hoffnung, in der Haushälterin Nancy Montgomery eine neue Freundin, einen Ersatz für Mary Whitney, zu finden, wird enttäuscht, da Nancy sich Grace gegenüber launisch und eifersüchtig gebärdet.

Auch Mc Dermott, der Knecht, der jähzornigen und finsteren Gemütes ist, wird von der Haushälterin streng behandelt, wofür er sie so sehr hasst, dass er sie schließlich ermordet. Wie dies genau geschieht, bleibt im Unklaren. – Hat Grace ihm geholfen, Nancy zu erdrosseln, hat sie ihn gar zu der Tat angestiftet oder hat sie nur aus Angst dem Opfer die Mordpläne nicht enthüllt?

Obwohl Margaret Atwood mit unverkennbarer Sympathie für Grace Marks erzählt, ist sie doch durchweg darauf bedacht, sich an die ihr bekannten Fakten zu halten. Natürlich fabuliert sie, natürlich schmückt sie die Geschichte aus, aber da, wo es darauf ankommt, hält sie an die Quellen, die sie auch ordentlich benennt. Nie lässt sie sich dazu hinreißen, den Ablauf der Ereignisse neu zu konstruieren oder so zu gestalten, dass sich zweifelsfrei die Unschuld der Gefangenen ableiten lässt. Klugerweise enthält sie sich auch eines abschließenden Urteils, dies überlässt sie dem Leser. Einzig ganz am Schluss des Buch verlässt die Autorin diesen Pfad der Tugend. In meinen Augen wäre es klüger gewesen, den Roman mit der Haftentlassung von Grace enden zu lassen, denn diese ist zweifelsfrei historisch belegt. Nun jedoch ein Wiedersehen von Grace mit Jamie Walsh, einem der Zeugen in dem Mordprozess, zu erfinden, den beiden sogar eine Heirat anzudichten, ist nicht nur überflüssig und ohne erzählerischen Wert, sondern leider auch vollkommen unglaubwürdig.

Trotz dieser kleinen Einschränkung hat mir das Buch insgesamt recht gut gefallen. Die Geschichte ist spannend bis zum Schluss und die Dinge sind so plastisch geschildert, dass man sie regelrecht vor sich zu sehen glaubt. Ein lesenswerter Roman!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Alias Grace
Autor: Margaret Atwood
Verlag: Berlin Verlag
Seiten: 622
ISBN: 3827000122

Der Seewolf

Erstellt am: November 21st, 2007

Nach einem Schiffsunglück treibt der Literaturkritiker Humphrey von Weyden im eiskalten Meer und wird im letzten Moment von einem Robbenfäger gerettet. Kaum ist er wieder zu sich gekommen, muss er bestürzt erfahren, dass sich der Kapitän des Schiffes aus einer Laune heraus entschlossen hat, ihn nicht an Land zu bringen sondern als Besatzungsmitglied mit auf die Reise zu nehmen. Dieser Kapitän namens Wolf Larsen herrscht durch Brutalität und seine gewaltige Körperkraft über die großteils aus ebenso brutalen Männern bestehende Mannschaft. An Bord herrscht ständig eine überaus gewalttätige Atmosphäre und es kommt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Humphrey wird dem kleinen, dürren aber durch und durch bösartigen Schiffskoch als Küchenhilfe zur Seite gestellt und muss ständig dessen üble Launen ertragen. Während es an Bord zu immer größere Spannungen zwischen Teilen der Mannschaft und Larsen kommt, die in wiederholte erfolglose Anschläge auf sein Leben ausarten, beginnt der Koch Humphrey immer stärker zu bedrohen und dieser fürchtet ernsthaft um sein Leben.

Bei Gesprächen mit dem Kapitän stellt Humphrey fest, dass dieser nicht nur über schier übermenschliche Kraft verfügt, sondern auch überdurchschnittlich intelligent ist und sich selbst eine beachtliche Bildung angeeignet hat. Im Gegensatz zum den an Moral, die Unsterblichkeit der Seele und das Gute im Menschen glaubenden Schöngeist Humphrey vertritt mit fesselnden Argumenten Larson eine Weltanschauung von fressen und gefressen werden in der berechtigterweise nur der Starke überlebt.

Nachdem Larsen bei einen Angriff eines großen Teils der Mannschaft nur knapp die Überhand behielt, erreichen sie schließlich die Robbenfanggebiete. Die schwere und lebensgefährliche Arbeit fordert das Leben einiger Besatzungsmitglieder. Als sich zwei Männer aus dem Staub machen, stoßen sie bei deren Verfolgung auf ein Rettungsboot mit drei Männern und einer Frau an Bord. Deren Gegenwart erhöht die Spannungen auf dem Schiff noch mehr, als dies ohnehin der Fall war.

Die Handlung dieser klassischen Abenteuergeschichte wird vielen aus der legendären Verfilmung für das deutsche Fernsehen bekannt sein. Doch im Vergleich ist das Buch eher enttäuschend. Die Geschichte der Jugend der beiden Hauptfiguren in der Verfilmung kommt im Buch nicht vor und auch sonst findet sich wenig, wo das Buch der Verfilmung deutlich überlegen ist, wie das sonst fast immer der Fall ist.

Die Qualität des Romans liegt in erster Linie in der Auseinandersetzung zwischen den beiden denkbar unterschiedlichen Hauptcharakteren und der Schilderung der gewalttätigen Gesellschaft an Bord des Schiffes. Hier versteht es der Autor eine überaus dichte Atmosphäre zu erzeugen und die Spannung von Höhepunkt zu Höhepunkt zu treiben. Ungefähr ab der Mitte mit dem Auftauchen der Frau verfällt der Roman immer mehr zu einer schwachen und klischeehaften Beziehungsgeschichte.

Aber allein die erste Hälfte macht das Buch zu einer hervorragenden Abenteuergeschichte und absolut lesenswert. Nur wer die Fernsehverfilmung kennt, sollte sich das Buch sparen.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Der Seewolf
Autor: Jack London
Verlag: Fischer
Seiten: 378
ISBN: 3596101409

Brennholz für Kartoffelschalen

Erstellt am: November 21st, 2007

Manfred Matuschewski erlebt seine Kindheit während der vierziger und frühen fünfziger Jahre in Berlin Neukölln. Die Teilung der Stadt ist zwar formell schon vollzogen aber zumindest zu Anfang noch kaum spürbar. Zu sehr eint die Menschen die Sorge um das tägliche Überleben. Tag für Tag muss Essen herbei geschafft werden, Tag für Tag muss dafür gesorgt werden, dass die vom Krieg beschädigten Behausungen zumindest ein wenig beheizt werden können. Und immer noch sind viele Männer nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Auch Manfreds Vater ist noch in Russland und die Mutter muss alleine für den Jungen sorgen. So bleibt Manfred häufig sich selber überlassen. Da die Mutter arbeiten geht, muss er stets seinen Schlüssel mitnehmen und nach der Schule oft alleine in der Wohnung bleiben – in seiner freien Zeit treibt er sich in Kriegsruinen oder auf der Straße herum. Zum Glück gibt es wenigstens noch die beiden Großmütter – die Kohlenoma, die viele Jahre als Briketthändlerin ihren Lebensunterhalt verdiente und Jahre später immer noch nach Kohlen riecht, sowie die kluge und warmherzige Schmöckwitzer Oma, die in einer Gartenlaube am südöstlichen Stadtrand lebt. Dort, in Schmöckwitz, umgeben von Wald und Wasser, findet Manfred trotz allen Nachkriegselends sein kleines Paradies – hier kann er im Sommer herumstromern, mit Freunden und Verwandten Boot fahren und seine Probleme für einige Stunden vergessen. Davon gibt es weiß Gott genug. In der Schule gilt Manfred als faul und aufsässig, ständig hat er irgendwelchen Ärger mit den Lehrern. Auch bei seinen Nachbarn und anderen Erwachsenen eckt der Junge immer wieder an und trägt so zur ständigen Sorge seiner Mutter bei. Manfreds größte Angst ist irgendwann ins Heim zu müssen, weil die Mutter allein mit seiner Erziehung überfordert ist.

Eines Tages dann steht endlich der Vater vor der Türe, doch der Mann ist schwer gezeichnet von den langen Jahren des Kriegs und der Gefangenschaft.

Wichtigstes Ziel der Eltern ist es, ihrem Sohn den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen, doch ob Manfred es wirklich schafft, die Leistungen und das Verhalten zu zeigen, die hierfür verlangt werden, scheint mehr als fraglich.

“Genau so war es!”, sagte mein Mann, nachdem er das Buch gelesen hatte. Er ist selber in jener Zeit in Berlin groß geworden und kennt die Verhältnisse aus eigener Anschauung. Auch ich, die ich erst in den siebziger Jahren nach Berlin zog, fand vieles von dem, was mir mein Mann und meine hier aufgewachsenen Freunde erzählt hatten, in Bosetzkys Roman wieder. Seine Schilderungen der kleinen und großen Ereignisse im Leben einer nicht gerade übermäßig begüterten Berliner Familie sind so wirklichkeitsgetreu, farbig und lebensnah, dass man beim Lesen fast das Gefühl bekommt, dabei gewesen zu sein. Man sieht die beengten Räumlichkeiten förmlich vor sich, kann sich in die Stimmungen der Menschen voll und ganz hinein versetzen.

Doch es geht in dem Buch nicht nur um die Schilderung der erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden Stadtgeschichte, es geht auch um die Empfindungen und Nöte eines Kindes. Viele der Sorgen, die Manfred während seiner Jugend plagten, sind heute glücklicherweise für die meisten jungen Menschen kaum noch relevant wie z.B. die Erinnerungen an Bombennächte, die Angst um den in Gefangenschaft weilenden Vater, die erdrückende Enge in viel den zu kleinen, erbärmlichen Behausungen. Andere Kümmernisse jedoch, wie die Angst vorm Versagen in der Schule, Ärger mit verständnislosen Erwachsenen oder Rangkämpfe mit Mitschülern und Nachbarskindern sind auch heute noch für viele Jungen und Mädchen Tag für Tag hochaktuell.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es war spannend, authentisch und hatte obendrein dem Leser etwas mitzuteilen.

Das einzige, was mich ein wenig gestört hat, war die manchmal etwas zu betont volksnahe Sprache, das penetrante Berlinern.

Insgesamt ein Roman, den ich sowohl älteren Berlinern, die sich an diese Zeit zurück erinnern wollen, als auch West- und Ostdeutschen Bürgern, die wissen wollen, wie es war, als auch jungen Leuten, für die diese Zeit schon längst vom Mantel der Geschichte (Geschichte??) zugedeckt wurde, sehr empfehlen kann.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Brennholz für Kartoffelschalen
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: dtv
Seiten: 472
ISBN: 3423200782

Der Verlorene

Erstellt am: November 21st, 2007

Wir schreiben die fünfziger Jahre, die Republik befindet sich im Aufbau und das Wirtschaftswunder läuft an. Doch die Verheerungen, die der gerade erst vergangene Krieg im Leben der Menschen angerichtet hat, sind noch überall spürbar. In einer kleinen Stadt in Ostwestfalen wächst der Ich- Erzähler des kleinen Buches heran. Er spürt, dass über seiner Familie ein dunkler Schatten liegt, der nicht nur die Eltern bedrückt, sondern auch sein eigenes Leben belastet. Es muss mit Arnold zusammenhängen, dem älteren Bruder, der angeblich auf der Flucht vor den Russen verhungert ist – nur ein Bild im Fotoalbum erinnert noch an ihn. Eines Tages erfährt der Erzähler, das der Bruder vermutlich noch lebt, denn er ist nicht verhungert, sondern er ging verloren. Als sich damals russische Soldaten der Mutter des Jungen in den Weg stellten, konnte sie das Kind gerade noch einer Unbekannten in die Arme legen. Später – nach der Vergewaltigung, von der die Mutter und auch der Vater nur in Metaphern und Umschreibungen sprechen – konnte sie ihren Sohn nicht mehr wieder finden.

Seit diesem traumatischen Ereignis dreht sich alles um den Verlorengegangenen. Zwar passt sich die Familie ihrer neuen Umgebung und den Lebensbedingungen im Nachkriegdeutschland an und kommt zu einem gewissen Wohlstand, doch immer wieder kehren die Gedanken und Gespräche der Eltern zu ihrem verschwunden Kinde zurück, die Mutter leidet unter depressionsartigen Zuständen und der Vater versucht den Verlust zu verwinden, indem er sich verstärkt in Arbeit stürzt. Der heranwachsende Zweitgeborene, der seinen Bruder nie kennen gelernt hat, leidet unter den Zuständen in einem Elternhaus und unter der ständig spürbaren Trauer, weiß sich ungeliebt und fühlt sich als das fünfte Rad am Wagen, als unwichtige Nebenfigur, die neben dem alles dominierenden Arnold verblasst. Nichts fürchtet er mehr, als dass die Eltern eines Tages den vermissten Sohn finden.

Diese wenden sich an den Suchdienst des roten Kreuzes. Als dort ein Findelkind ermittelt wird, das möglicherweise mit dem Verschollenen identisch ist, werden aufwendige erbbiologische Untersuchungen angestrengt. Deren Ergebnisse jedoch sind frustrierend. Der Vater stirbt, aber die krampfhaften Versuche der Mutter, zu beweisen, dass es sich bei dem Findelkind um Arnold handelt, gehen weiter und nehmen neurotische Züge an.

Das Buch ist nur 174 Seiten stark. Wie es bei einem solchen relativ kurzen Text eigentlich nicht anders sein kann, ist er sehr knapp und dicht, fast atemlos erzählt. Die Geschichte ließe sich ohne weiteres an einem freien Tag in einem Rutsch lesen. Es gibt keine Kapitel, keine Absätze, ja nicht einmal größere szenische Sprünge, der Text ist ein Ganzes.

Trotz ihrer Kompaktheit ist die Erzählung äußerst präzise geschrieben. Es gelingt dem Autor hervorragend, die Stimmung der Nachkriegsjahre in der noch jungen Bundesrepublik einzufangen. Der Elan des Wiederaufbaues auf der einen Seite aber auch die Nachwehen des verlorenen Krieges und die berühmt – berüchtigte Spießermentalität jener Zeit sind deutlich zu spüren und von einer fast greifbaren Eindringlichkeit. An etlichen Stellen weckt das Buch eigene Erinnerungen und bewirkt Dejá-vu -Erlebnisse.

Die rundherum mit Plastik ausgekleideten Autos, in denen es einem stets übel wurde, der neuangeschaffte Fernseher, der nur für pädagogisch wertvolle Sendungen (oder Fußballländerspiele) eingeschaltet werden durfte, die manchmal für heutige Geschmäcker geradezu barbarisch anmutenden Essgewohnheiten der damaligen Zeit und die dauernd im Familienhaushalt zu Besuch weilende Tante, die mit Vorliebe das Kirchenblättchen liest – dies alles kommt mir so unglaublich bekannt vor. Trotz des durchaus ernsten Themas ist die Geschichte mit flotter Feder und einer fröhlichen Leichtigkeit geschrieben. Treichel erzählt aus der Perspektive eines Kindes und er passt seine Wortwahl, sowie Sprachstil und -rhythmus dieser Vorgabe genau an, ohne dabei jemals platt, infantil, oder albern zu wirken.

Ich persönlich fände es jedoch angenehm, wenn der Autor in seinen Text zumindest einige wenige Haltepunkte eingebaut hätte, die es einem erlauben, das Buch vorübergehend aus der Hand zu legen, ohne dabei fürchten zu müssen, den Faden zu verlieren. Nicht jeder hat genügend Zeit, die Geschichte zu lesen ohne ein einziges Mal abzusetzen.

Dies ist für mich jedoch der einzige Kritikpunkt, ansonsten hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 174
ISBN: 3518395610

Anils Geist

Erstellt am: November 21st, 2007

Der 1943 in Sri Lanka geborene und seit 1962 in Kanada ansässige Schriftsteller Michael Ondaatje – bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman “Der englische Patient” – hat diesmal ein Buch über den Bürgerkrieg in seinem Geburtsland Sri Lanka geschrieben, in dem es nicht nur Blütenformen und Vogelstimmen gibt, sondern auch blankes Entsetzen zu Hause ist. Überall herrscht hier ein nichterklärter Krieg. Auf allen Seiten wird gemordet. Leute verschwinden. Meistens findet man sie tot wieder auf. Viele mit zerstörtem Gesicht, um Identifizierungen zu vereiteln.

Die forensische Pathologin Anil Tissera erblickte hier ebenfalls das Licht der Welt und verließ das Land mit achtzehn Jahren. Jetzt wird sie von der Genfer Menschenrechtskommission zurückgeschickt, um zusammen mit einem einheimischen Archäologen namens Sarath den Schicksalen verschwundener Opfer nachzugehen und Beweise dafür zu liefern, dass in dem von Unruhen zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche. Doch wird Anil dabei das Gefühl nicht los, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine reine Alibiveranstaltung handle. Insbesondere auf Sarath kann sie sich bis zuletzt keinen Reim machen. Will er ihr wirklich helfen oder sie nur insgeheim überwachen?

Schließlich finden beide innerhalb einer heiligen historischen Stätte ein Skelett. Anil erkennt sofort, dass es erst vor einigen Jahren begraben wurde. Allein kommen Anil und Sarath nun nicht mehr weiter. Sie brauchen Hilfe, und so geraten auch noch andere Menschen und Schicksale mit ins Spiel: der Epigraphiker Palipana, der Arzt Gamini, der sich in aufopferungsvoller Weise um die am Leben gebliebenen Opfer kümmert und mit seinen Helfern inmitten einer unmenschlichen Welt eine Oase der Menschlichkeit und Uneigennützigkeit bildet, ferner Ananda, der Künstler, der das Gesicht des Skeletts modelliert, und nebenbei auch noch Leaf, eine ehemalige Kollegin von Anil, die an Alzheimer leidet und eine eifrige Kinogängerin ist.

Die Gruppe konzentriert sich auf die Identifizierung des Skeletts und auf die Rekonstruktion seiner Geschichte. Man möchte Gerechtigkeit für das Opfer herstellen – ein frommer, utopischer Wunsch, der nicht in Erfüllung geht.

Als Anil die Regierung für die Verbrechen öffentlich verantwortlich macht, wird es für sie und andere gefährlich. Man nimmt ihr alle Unterlagen und den Kassettenrecorder ab, und am Ende kann sie froh sein, unbehelligt das Land wieder verlassen zu können, während ihre Freunde zurückbleiben. An den unmenschlichen Bedingungen in diesem Teil der Erde aber hat sich nichts geändert.

Warum jedoch der Bürgerkrieg in Sri Lanka wütet und überall Anarchie herrscht, darüber erfährt man nichts. Auch über eine Lösung der Konflikte stellt Ondaatje keine Spekulationen an. Stattdessen konfrontiert er seine Leser mit zauberhaften Landschaftsbeschreibungen, labyrinthischen Handlungsfäden, mit einem Kaleidoskop von Geschichten und einer Fülle von Fakten, mit zahlreichen Nebenhandlungen und Figuren, mit Bestattungsriten versunkener Königreiche und mit den Techniken der Pathologie. In einem Interview versuchte der Autor, östliche Weisheit gegen westliches Denken auszuspielen, und wies darauf hin, dass Westler geradlinig denken, nach dem Schema: hier die Ursache, dort die Wirkung. Aber was nützt alle östliche Weisheit, wenn sie einzelne Menschen nicht zu schützen und Grausamkeiten nicht zu verhindern vermag? (Ursula Homann)

Titel: Anils Geist
Autor: Michael Ondaatje
Verlag: Carl Hanser Verlag
Seiten: 323
ISBN: 3446199179

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