MERIAN Japan



Viele Europäer verbinden mit Japan oder Nippon, wie der einheimische Name lautet, Tamagotchis, bestimmte Autos, eine klare Ästhetik, viel Betriebsamkeit und halten das Land für reich, effizient, produktiv und erfinderisch. Dennoch ist Japan den meisten von uns fremd, weil es anders funktioniert als die Länder der westlichen Welt. Für die einen ist es bedrohlich, für die anderen bezaubernd oder beispielhaft.

Ein genaueres Kennenlernen von Japan ermöglicht das neue Merianheft. Es zeigt, wie nahe Exotik und Normalität hier beieinander sind, dass sich beispielsweise Kimono und Kickboard ganz gut vertragen. Die Autoren dieses Heftes sehen darin einen Beleg für eine bestimmte Geisteshaltung, dass nämlich Altes in Ehren gehalten und Neues freudig begrüßt wird. Die Sumo-Ringer, Japans Helden, stehen ebenfalls für Traditionen und zwar mit der vollen Wucht ihrer Körper. Wer das große Ginkgo-Blatt im Haar trägt, hat es geschafft und ist nicht mehr Diener sondern Herr.

Das Heft macht auch mit dem Alltag vertraut, mit Gaumenfreuden auf höchstem Niveau, wozu vor allem Fischgerichte gehören wie der auf der Zunge zergehende rote Tunfisch und der Tintenfisch. Gefährlich ist dagegen der Kugelfisch, weil seine Leber und Eierstöcke tödliches Gift enthalten. Man erfährt ferner, dass der Wohnraum hier sehr knapp ist, und da zu allem Überdruss die Wände hellhörig sind, ziehen sich Paare in Japans Großstädten nicht selten für intime Stunden ins Hotel zurück. Wer jedoch glaubt, dass japanische Frauen demütig und duldsam sind wie einst in früheren Zeiten Madame Butterfly, wird eines Besseren belehrt.

Während nachts in Tokio die Lichter nie ausgehen und Japans Schaltzentrale pausenlos arbeitet – wussten Sie übrigens, dass Europas Star-Designer in Japan ihre größten Gewinne erzielen? – , liegt die Provinz weit entfernt vom Hightech-Land. Die Reisernte wird immer noch durch Handarbeit eingebracht. Da hilft keine Maschine.

Ausländer verblüfft das Land. Doch nicht wenige Japaner stehen ihm kritisch gegenüber, von ihnen kommen zwei berühmte Persönlichkeiten zu Wort: der Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe – er schreibt über seine „Jugend am Ende der Welt“ – und der Regisseur Takeshi Kitano. Er rechnet mit allem ab, was für ihn im Land des Lächelns zum Weinen ist. Auch ein großer Literat der Niederlande ist hier mit einem Beitrag vertreten: Cees Nooteboom. Er schildert, wie er in Japan auf Pilgerfahrt ging, weil er in dem rastlosen Land Ruhe suchte und dabei eine Welt voller Rätsel und Geheimnisse fand.

Wir üblich ist dieses Heft reich bebildert und mit verschiedenen Karten ausgestattet. (Ursula Homann)

Titel: MERIAN Japan
Autor: Holger Schnitgerhans(Hg.)
Verlag: Gräfe und Unzer
Seiten: 146
ISBN: 3774266026

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