Lesertreff

Berliner Bahnen

Aus seiner Affinität zu Bahnen - egal ob S-Bahnen, Eisenbahnen, U-Bahnen oder Straßenbahnen - hat der Autor Horst Bosetzky nie ein Geheimnis gemacht. Sie zieht sich wie der sprichwörtliche rote Faden durch sein schriftstellerisches Werk, ist mal nur zu erahnen und mal vordergründig präsent. Mit “Berliner Bahnen” hat Horst Bosetzky nun seinem Steckenpferd ein ganzes Buch gewidmet und eine faszinierende Komposition aus höchstpersönlicher Liebeserklärung und informativer, brillant recherchierter Chronik von den 40er-Jahren bis zur Gegenwart gesponnen.

Im ersten Teil des Buches dreht sich alles um die Straßenbahn, für die der Autor schon immer eine ‘tiefe Liebe’ verspürte. Der T24-Triebwagen war sein erstes Objekt der Begierde; später freilich hatten auch kleinere Dinge wie die Schnellwechsler der Schaffner das Potenzial ihn zu begeistern. Erregung rufen beim passionierten Straßenbahn-Passagier Bosetzky auch die gegenwärtig in Berlin verkehrenden Modelle sowie deren Bezeichnung “Tram” hervor - wahrlich keine freudige: Den Begriff empfindet er ob seiner Parallele zum Schimpfwort “Trampel” als unwürdig und die Gesichter der heute das Stadtbild dominierenden Tatras und AEGs als langweilig. Wen vermag es da zu wundern, dass er wehmütig an den 30. Juni 1954 zurückdenkt, als die letzte Straßenbahn über den Kudamm rollte, und ihn Streckenstilllegungen wie Todestage trafen?

Durchweg optimistisch fällt hingegen Bosetzkys vorläufiges Resümee in puncto “Berliner S-Bahn” aus. Sie ist für ihn nicht bloßes Verkehrsmittel, sondern ‘Heimat im besten Sinne’ und Lebensgefühl, ja, er nennt die Benutzung der ältesten aller deutschen S-Bahnen gar ‘kultische Handlung’. Neben einer Chronik bietet der Autor den Lesern in diesem Kapitel S-Bahn-Fahrten ‘ins Paradies’, ‘zur Uni und zur Erkenntnis’, ‘zur Arbeit’, ‘zum Morden’ sowie ‘zum Wandern’.

Den Schlusspunkt in “Berliner Bahnen” setzen Horst Bosetzkys U-Bahn-Erinnerungen, die mit ‘Daten zur U-Bahn-Geschichte’ aufwarten, U-Bahnhöfe zu Erlebnisräumen erheben und in kleinen, augenzwinkernden Typologien Wartende sowie Zurückgebliebene charakterisieren.

“Berliner Bahnen” ist eine humorvolle, hintergründige Lektüre für Fans der Berliner Schienenstränge und solche, die es werden wollen. Zugleich liefert das Buch auch für Hauptstadt-Touristen, die sich mittels BVG durch die Metropole bewegen, wertvolle Tipps mit persönlichem Tenor.

Der Berliner Schriftsteller Horst Bosetzky, der unter dem Pseudonym -ky Kriminalromane schreibt und als einer der erfolgreichsten deutschen Autoren gilt, ist außerdem als Dozent für Soziologie an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege tätig. (Ensa Maurer)

Titel: Berliner Bahnen
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: dtv
Seiten: 283
ISBN: 3423203803

Abgelegt unter Reisen

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