Der Geliebte der Mutter

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Geliebten der Mutter. „Er war steinalt, kerngesund noch im Tod.“ Edwin war Musiker gewesen, ein guter Dirigent, der vor allem sein „Junges Orchester“ und seine Karriere im Kopf hatte und nie bemerkte, wie sehr ihn die Mutter liebte – ihr Leben lang. Als junger Mann war er mausarm gewesen, die Mutter jedoch reich. Am Ende war es umgekehrt. Durch den Börsenkrach 1929 hatte sie all ihr Hab und Gut und ihren Vater verloren.

Edwin lernte die Mutter durch ihre Freundin kennen, die Cellistin in seinem Orchester war und später in Treblinka ermordet wurde. Eines Tages fragte Edwin die Mutter, ob sie eine Art Mädchen für alles werden wolle, die Betreuung des Orchesters, der Solisten und der Kasse und die Vorbereitung der Gastspiele übernehmen wolle. Mit Feuereifer stürzt sich die Mutter, die jetzt nur noch Augen für Edwin hat, in die Arbeit. Einige Male schläft sie mit ihm. Als sie schwanger wird, lässt sie auf Edwins Geheiß hin das Kind abtreiben. Edwin aber heiratet die Alleinerbin einer Maschinenfabrik. Die Mutter versucht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Immerhin hat sie jetzt auch ein eigenes Haus, einen Mann und einen Sohn, den Erzähler nämlich. Erst später setzt der Kult der Mutter um Edwin ein. Manische Depressionen, Selbstmordversuche und Aufenthalte in Sanatorien mit Elektrotherapien wechseln einander ab. Mit zweiundachtzig Jahren setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende. Sie springt aus dem Fenster – auf den Fiat des Hausmeisters, der sich dann wegen der Versicherungssumme fast ein Jahr lang mit der Versicherung der toten Mutter herumstreitet. Nun tritt der Sohn auf den Plan und erzählt „die Geschichte einer sturen Leidenschaft“, in „Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.“ Doch als er auf Edwin trifft, erliegt auch er, statt ihn energisch zur Rede zu stellen, der Blendung des egomanischen Dirigenten und drückt nur seine Bewunderung für dessen Konzerte aus. Der figurenreiche Roman mit erstaunlich vielen Nebenschauplätze enthält nicht nur das Psychogramm einer unerwiderten Liebe. Er handelt auch von der Entwicklung in der modernen Musik, die gekennzeichnet ist durch Namen wie Bartók, Krenek oder Prokofjew, und von der Politik des 20.Jahrhunderts. Auf kaum hundertdreißig Seiten hat Urs Widmer ein ganzes Jahrhundert eingefangen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Männer in braunen Uniformen tauchen am Rande auf. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart bilden die Kulisse dieses tragischen Lebens, das durch die Rücksichtslosigkeit eines Künstlers zu Grunde gerichtet wird – zweifellos nicht der erste und sicherlich auch nicht der letzte Fall.

Mit einfachen Bildern, in einer bestechenden Sprache verdeutlicht Widmer Opfer-Täter-Beziehungen – schon der Vater hatte in der Familienhierarchie den untersten Platz eingenommen, um später desto energischer den Familientyrannen herauszukehren. Das nur auf den ersten Blick und beim flüchtigen Lesen unplausibel wirkende Verhalten der Mutter findet seine Begründung in ihrer Veranlagung und in ihrer Jugend. Daneben geht es aber auch um Geld und Macht. Vor allem jedoch holt der Erzähler durch dieses kleine poetische Meisterwerk die Mutter aus ihrem Schattendasein hervor, nicht ohne Witz und Humor und mit einem Hauch von Melancholie. Hat diese Frau wirklich gelebt? Gleicht das hier erzählte Schicksal etwa dem der eigenen Mutter von Widmer? Wir wissen es nicht. In einem Fernsehinterview sagte der Schriftsteller, er habe sich bemüht, in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Um das Wahrscheinliche und das Mögliche zu beschreiben, habe er viel erfinden müssen. (Ursula Homann)

Titel: Der Geliebte der Mutter
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 128
ISBN: 3257062451