Sommer der Züge

Erstellt am: Februar 13th, 2008

Das Buch wird von vielen Kritikern sehr gelobt.( Der Spiegel, Bücherjournal der ARD etc.)

Ähnlich wie bei John Updike wird ein bürgerliches bis kleinbürgerliches Milieu in allen Details beschrieben.

Wir haben das Kriegsjahr 1943. Es gibt Großeltern, Eltern, Kinder, zuletzt auch Enkelkinder; Rennie, der älteste Sohn von James und Anne , muß nach inneren Widerständen in den Krieg. Er kommt verwundet und im Gesicht entstellt zurück. Ein guter Teil des Romans befasst sich mit seinen Kriegserfahrungen und Erlebnissen . Auch er hat schon eine Frau , Dorothy ,und erwartet mit ihr ein Kind.

Das Geschehen verlagert sich aber mehr und mehr zum Großvater, der krank ist und der Plege bedarf. Er ist der Vater von James und seiner Schwester Sarah. Das Leben aller Familienmitglieder spielt sich um den Großvater herum ab. James und seine Frau Anne kümmern sich um ihn, haben auch ihre Arbeitsplätze zum Wohnort des Großvaters hin verlagert. Sie arbeiten, pflegen den Vater, gehen ihren täglichen Pflichten nach und haben zwischendurch Affären mit anderen Partnern ,– natürlich in aller Heimlichkeit voreinander.

Nach Rennies Heimkehr aus dem Krieg ist dieser aus dem Gleis geraten. Er trinkt viel. Seine Ehe mit Dorothy ist zunehmend von Gleichgültigkeit und Entfremdung gekennzeichnet. Dorothy leidet und sehnt sich zurück, möchte wieder glücklich sein mit ihrem Mann. Zwischen allen handelnden Personen gibt es noch Jay, Rennies viel jüngeren Bruder. Er bekommt vieles mit, beobachtet, hat auch seine kleinen Aufgaben und hat viele Ängste. Besonders die Kriegserfahrungen des Bruders sind für ihn furchterregend.

Es ist das alltägliche Leben , das beschrieben wird,– und so alltäglich und ein wenig langatmig kommt mir das ganze Buch auch vor.

Die Öde im Leben aller Beteiligten, die seltenen Höhepunkte, das ganze Einerlei des Alltags mit geringen Freuden, vielen Verzichten , wenigen Glücksmomenten und kleinen, versteckten Sehnsüchten wird in allen Einzelheiten beschrieben.

Das Buch entwirft ein eindrucksvolles und treffendes Porträt einer Familie des typischen Mittelstandsbürgertums in Amerika.

Es ist Stewart O’Nan’s besondere Fähigkeit, die psychologischen Feinheiten im Denken und Fühlen ganz einfach strukturierter Menschen sehr gut zu verstehen und zu beschreiben. Das gelingt ihm auch mit diesem Buch. (Claudine Borries)

Titel: Sommer Der Züge
Autor: Stewart O’Nan
Verlag: rororo
Seiten: 476
ISBN: 3 499 22778 9

Der Geliebte der Mutter

Erstellt am: Februar 12th, 2008

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Geliebten der Mutter. „Er war steinalt, kerngesund noch im Tod.“ Edwin war Musiker gewesen, ein guter Dirigent, der vor allem sein „Junges Orchester“ und seine Karriere im Kopf hatte und nie bemerkte, wie sehr ihn die Mutter liebte – ihr Leben lang. Als junger Mann war er mausarm gewesen, die Mutter jedoch reich. Am Ende war es umgekehrt. Durch den Börsenkrach 1929 hatte sie all ihr Hab und Gut und ihren Vater verloren.

Edwin lernte die Mutter durch ihre Freundin kennen, die Cellistin in seinem Orchester war und später in Treblinka ermordet wurde. Eines Tages fragte Edwin die Mutter, ob sie eine Art Mädchen für alles werden wolle, die Betreuung des Orchesters, der Solisten und der Kasse und die Vorbereitung der Gastspiele übernehmen wolle. Mit Feuereifer stürzt sich die Mutter, die jetzt nur noch Augen für Edwin hat, in die Arbeit. Einige Male schläft sie mit ihm. Als sie schwanger wird, lässt sie auf Edwins Geheiß hin das Kind abtreiben. Edwin aber heiratet die Alleinerbin einer Maschinenfabrik. Die Mutter versucht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Immerhin hat sie jetzt auch ein eigenes Haus, einen Mann und einen Sohn, den Erzähler nämlich. Erst später setzt der Kult der Mutter um Edwin ein. Manische Depressionen, Selbstmordversuche und Aufenthalte in Sanatorien mit Elektrotherapien wechseln einander ab. Mit zweiundachtzig Jahren setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende. Sie springt aus dem Fenster – auf den Fiat des Hausmeisters, der sich dann wegen der Versicherungssumme fast ein Jahr lang mit der Versicherung der toten Mutter herumstreitet. Nun tritt der Sohn auf den Plan und erzählt „die Geschichte einer sturen Leidenschaft“, in „Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.“ Doch als er auf Edwin trifft, erliegt auch er, statt ihn energisch zur Rede zu stellen, der Blendung des egomanischen Dirigenten und drückt nur seine Bewunderung für dessen Konzerte aus. Der figurenreiche Roman mit erstaunlich vielen Nebenschauplätze enthält nicht nur das Psychogramm einer unerwiderten Liebe. Er handelt auch von der Entwicklung in der modernen Musik, die gekennzeichnet ist durch Namen wie Bartók, Krenek oder Prokofjew, und von der Politik des 20.Jahrhunderts. Auf kaum hundertdreißig Seiten hat Urs Widmer ein ganzes Jahrhundert eingefangen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Männer in braunen Uniformen tauchen am Rande auf. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart bilden die Kulisse dieses tragischen Lebens, das durch die Rücksichtslosigkeit eines Künstlers zu Grunde gerichtet wird – zweifellos nicht der erste und sicherlich auch nicht der letzte Fall.

Mit einfachen Bildern, in einer bestechenden Sprache verdeutlicht Widmer Opfer-Täter-Beziehungen – schon der Vater hatte in der Familienhierarchie den untersten Platz eingenommen, um später desto energischer den Familientyrannen herauszukehren. Das nur auf den ersten Blick und beim flüchtigen Lesen unplausibel wirkende Verhalten der Mutter findet seine Begründung in ihrer Veranlagung und in ihrer Jugend. Daneben geht es aber auch um Geld und Macht. Vor allem jedoch holt der Erzähler durch dieses kleine poetische Meisterwerk die Mutter aus ihrem Schattendasein hervor, nicht ohne Witz und Humor und mit einem Hauch von Melancholie. Hat diese Frau wirklich gelebt? Gleicht das hier erzählte Schicksal etwa dem der eigenen Mutter von Widmer? Wir wissen es nicht. In einem Fernsehinterview sagte der Schriftsteller, er habe sich bemüht, in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Um das Wahrscheinliche und das Mögliche zu beschreiben, habe er viel erfinden müssen. (Ursula Homann)

Titel: Der Geliebte der Mutter
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 128
ISBN: 3257062451

Anils Geist

Erstellt am: Februar 12th, 2008

Der 1943 in Sri Lanka geborene und seit 1962 in Kanada ansässige Schriftsteller Michael Ondaatje – bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman „Der englische Patient“ – hat diesmal ein Buch über den Bürgerkrieg in seinem Geburtsland Sri Lanka geschrieben, in dem es nicht nur Blütenformen und Vogelstimmen gibt, sondern auch blankes Entsetzen zu Hause ist. Überall herrscht hier ein nichterklärter Krieg. Auf allen Seiten wird gemordet. Leute verschwinden. Meistens findet man sie tot wieder auf. Viele mit zerstörtem Gesicht, um Identifizierungen zu vereiteln.

Die forensische Pathologin Anil Tissera erblickte hier ebenfalls das Licht der Welt und verließ das Land mit achtzehn Jahren. Jetzt wird sie von der Genfer Menschenrechtskommission zurückgeschickt, um zusammen mit einem einheimischen Archäologen namens Sarath den Schicksalen verschwundener Opfer nachzugehen und Beweise dafür zu liefern, dass in dem von Unruhen zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche. Doch wird Anil dabei das Gefühl nicht los, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine reine Alibiveranstaltung handle. Insbesondere auf Sarath kann sie sich bis zuletzt keinen Reim machen. Will er ihr wirklich helfen oder sie nur insgeheim überwachen?

Schließlich finden beide innerhalb einer heiligen historischen Stätte ein Skelett. Anil erkennt sofort, dass es erst vor einigen Jahren begraben wurde. Allein kommen Anil und Sarath nun nicht mehr weiter. Sie brauchen Hilfe, und so geraten auch noch andere Menschen und Schicksale mit ins Spiel: der Epigraphiker Palipana, der Arzt Gamini, der sich in aufopferungsvoller Weise um die am Leben gebliebenen Opfer kümmert und mit seinen Helfern inmitten einer unmenschlichen Welt eine Oase der Menschlichkeit und Uneigennützigkeit bildet, ferner Ananda, der Künstler, der das Gesicht des Skeletts modelliert, und nebenbei auch noch Leaf, eine ehemalige Kollegin von Anil, die an Alzheimer leidet und eine eifrige Kinogängerin ist.

Die Gruppe konzentriert sich auf die Identifizierung des Skeletts und auf die Rekonstruktion seiner Geschichte. Man möchte Gerechtigkeit für das Opfer herstellen – ein frommer, utopischer Wunsch, der nicht in Erfüllung geht.

Als Anil die Regierung für die Verbrechen öffentlich verantwortlich macht, wird es für sie und andere gefährlich. Man nimmt ihr alle Unterlagen und den Kassettenrecorder ab, und am Ende kann sie froh sein, unbehelligt das Land wieder verlassen zu können, während ihre Freunde zurückbleiben. An den unmenschlichen Bedingungen in diesem Teil der Erde aber hat sich nichts geändert.

Warum jedoch der Bürgerkrieg in Sri Lanka wütet und überall Anarchie herrscht, darüber erfährt man nichts. Auch über eine Lösung der Konflikte stellt Ondaatje keine Spekulationen an. Stattdessen konfrontiert er seine Leser mit zauberhaften Landschaftsbeschreibungen, labyrinthischen Handlungsfäden, mit einem Kaleidoskop von Geschichten und einer Fülle von Fakten, mit zahlreichen Nebenhandlungen und Figuren, mit Bestattungsriten versunkener Königreiche und mit den Techniken der Pathologie. In einem Interview versuchte der Autor, östliche Weisheit gegen westliches Denken auszuspielen, und wies darauf hin, dass Westler geradlinig denken, nach dem Schema: hier die Ursache, dort die Wirkung. Aber was nützt alle östliche Weisheit, wenn sie einzelne Menschen nicht zu schützen und Grausamkeiten nicht zu verhindern vermag? (Ursula Homann)

Titel: Anils Geist
Autor: Michael Ondaatje
Verlag: Carl Hanser Verlag
Seiten: 323
ISBN: 3446199179

Lichtjahre

Erstellt am: Februar 12th, 2008

Eine stillere, ruhigere, melancholischere Liebesgeschichte habe ich lange nicht gelesen!

Ein Ehepaar, glücklich, zufrieden ,materiell abgesichert, lebt mit zwei Töchter in einem alten Haus , behaglich und geruhsam bei New York.

Es gibt Freunde, man trifft sich ,– alles in allem sieht das Leben glücklich und zufrieden aus. Sie sind alle so ca. Mitte dreißig.

Doch die Schilderung steuert auf einen Herbst des Lebens zu. Schon früh deutet sich diese Entwicklung an.

Viri und Nedra, die Hauptakteure, leben sich ganz unauffällig und unspektakulär auseinander. Sie beginnt eine Affäre,– aber das ist gar nicht ausschlaggebend. Sie scheint mit dem Gleichmaß ihres Lebens nicht mehr klarzukommen und sucht einen neuen , anderen Weg für ihr Leben.

Fast kann man ihre Träume nach Veränderung nicht verstehen, so harmonisch verläuft das Leben für sie und ihre Familie .Die Eltern, Viri und Nedra, lieben ihre beiden Töchter sehr. Dennoch ,– eines Tages ist es klar: sie wird ihren Mann verlassen; sie geht nach Europa. In lakonischem Berichtsstil wird mit der Scheidung die Ehe beendet ,—es erschüttert den Leser sehr. Kein Aufruhr, keine Rebellion , kein Streit geht diesem Schlusspunkt einer Ehe voran. Einzig der Lauf des Lebens, die Abnutzung von Gefühlen machen das Ende der Ehe verstehbar.

Denn eines ist klar: es geht um Vergänglichkeit von Liebe ,Lust und Leidenschaft, ja, um die Vergänglichkeit von Glück, Dauerhaftigkeit von Beziehungen und im letzten Ende um den Tod.

Ein schönes, ruhiges und sehr empfehlenswertes Buch! (Claudine Borries)

Titel: Lichtjahre
Autor: James Salter
Verlag: rororo
Seiten: 382
ISBN: 3499224348

Hannas Töchter

Erstellt am: Februar 12th, 2008

Marianne Fredriksson erzählt die Geschichte einer schwedischen Familie.

Anna, eine Frau mittleren Alters, sitzt am Bett ihrer hochbetagten Mutter. Die alte Dame ist pflegebedürftig , verwirrt und nicht mehr ansprechbar. Die Tochter, die an ihre Mutter noch so viele Fragen gehabt hätte, versucht nun auf anderen Wegen ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

Es beginnt bei Hanna, der Großmutter, die in Dalsland, nahe der Grenze zu Norwegen in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Im Alter von zwölf Jahren bereits muss das Mädchen das Elternhaus verlassen und auf einem benachbarten Hof bei wohlhabenderen aber hartherzigen Verwandten seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. Nach einer Vergewaltigung durch den Sohn der Hofbesitzer wird Hanna mit dreizehn Jahren schwanger und bekommt ihr erstes Kind – Ragnar. Trotz der unglücklichen Umstände seiner Zeugung und Geburt entwickelt sich der Junge prächtig und hellt wie ein Sonnenstrahl das ansonsten trübe und freudlose Dasein seiner Mutter auf.

Deren Schicksal beginnt sich zu wandeln, als John Broman in den Ort kommt, eine alte Mühle pachtet und damit seinen Lebensunterhalt verdienen möchte. Er ist Witwer und braucht, um sein Handwerk ungestört ausüben zu können, eine Frau, die mit ihm gemeinsam Haus und Hof bewirtschaftet. Nach rein rationalen Erwägungen begibt er sich auf die Suche nach einer passenden Partnerin und schließlich fällt seine Wahl auf Hanna. Obwohl zumindest zu Beginn der Ehe kaum Liebe im Spiel war, wird die Verbindung der beiden relativ glücklich. Es herrscht keine materielle Not und Broman ist gemessen an den damaligen Verhältnissen ein recht verständnisvoller und geduldiger Gatte. Ragnar, Hannas Sohn, wird von Broman adoptiert und geliebt wie ein eigenes Kind. Im Laufe der Zeit werden dem Paar drei weitere Söhne geboren und schließlich, als Nachzüglerin Johanna, die einzige Tochter.

Deren kleine Welt bricht zusammen, als Broman, der geliebte Vater stirbt. Die Familie zieht in die Stadt und ein neues Leben beginnt. Hanna, die Mutter bleibt trotz des Umzuges weiterhin den Traditionen ihrer Herkunft verbunden, doch Johanna, das heranwachsende Mädchen orientiert sich mehr und mehr an den Gepflogenheiten der neuen Zeit und des städtischen Lebens.

Auf Drängen ihrer Mutter fängt sie bei einer reichen Familie an, als Dienstmädchen zu arbeiten, obwohl sie sich viel mehr zum Beruf der Verkäuferin hingezogen fühlt. Ihr Arbeitsverhältnis endet abrupt, als ihr Dienstherr versucht, sie zu vergewaltigen. Anders, als ihrer Mutter vor vielen Jahren, gelingt es Johanna, sich zu wehren.

Dieses Erlebnis hinterlässt seine tiefen Spuren in Johannas Bewusstsein und der Hass auf diese verlogene bürgerliche Sippe schärft ihr politisches Bewusstsein. Sie engagiert sich bei den Sozialdemokraten und auf einer Parteiversammlung lernt sie Arne, ihren Mann kennen. Die beiden lieben sich, doch trotzdem wird ihre Ehe von dem schwierigen Verhältnis Arnes zu seiner Mutter und von seinen gelegentlichen unkontrollierten Wutausbrüchen überschattet.

Nach mehreren Fehlgeburten kommt Anna, das einzige Kind der beiden zur Welt. Behütet und vor allem von der Mutter sehr geliebt, wächst das kleine Mädchen heran. Doch Anna wird zunächst nicht glücklich. Eine erste Ehe mit Rickard scheitert an den Seitensprüngen des Mannes, an den Schwierigkeiten Annas, ihren Mann so zu nehmen, wie er ist und vor allen Dingen an ihrer Weigerung, sich ganz auf ihn einzulassen. Erst Jahre später erkennt Anna ihre eigene Unfähigkeit und geht das Wagnis einer erneuten Ehe mit Rickard ein.

Indem Anna ihre Familiengeschichte aufarbeitet gelingt es ihr langsam, zu ihren eigenen Wurzeln zu finden und ihr Leben, das Verhältnis zu Mann und Kindern auf eine neue, tragfähige Grundlage zu stellen.

Das Buch endet mit dem Tod von Johanna und ihrem Mann Arne. Doch nicht Trauer und Verzweiflung bleiben zurück, sondern Hoffnung. Mit Maria und Malin, Annas Töchtern, ist eine neue Generation herangewachsen, die vermutlich ihren Weg machen wird.

Mir hat die Lektüre des Buches durchaus Spaß gemacht, es ist unterhaltsam und leicht zu lesen, ein ruhiges und beruhigendes Buch für beschauliche Stunden.

Die Story ist vielleicht ein wenig banal -Romane, die die ineinander verwobene Geschichte mehrerer Frauengenerationen erzählen, gab es in den letzten Jahren dutzendweise. Doch wer sich für Skandinavien interessiert, dem sei dieser Roman empfohlen.

Nach vielen Schwedenreisen bin ich eine große Freundin dieses nordeuropäischen Landes und seiner Bewohner und daher hat es mir Freude gemacht, Neues über die schwedischen Lebensverhältnisse vergangener Jahrzehnte zu erfahren.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Hannas Töchter
Autor: Marianne Fredriksson
Verlag: Fischer
ISBN: 3596144868

Alberta empfängt einen Liebhaber

Erstellt am: Februar 12th, 2008

Schon das erste Aufeinandertreffen von Alberta und Nadan in den siebziger Jahren verläuft nicht unbedingt so, wie es einer frisch erblühenden Liebe förderlich ist. Die beiden haben offenbar sehr verschiedene Wahrnehmungen, denn die Nacht, in der sie sich zum ersten Male begegnen, wird von Alberta als mondhell empfunden, von Nadan jedoch später als stockdunkel beschrieben. Leider kommt es auch nicht zum Austausch glühender Küsse, denn die jungen Leute sind unerfahren und wissen nicht so recht, wie sie miteinander umgehen sollen und so wird aus der frühen Liebe erst einmal nichts.

Nadan erfindet für Alberta eine ungewöhnliche Bezeichnung: „Mizzebill“, das ist sein Ausdruck für eine Frau, die einen fertig macht, mit der man nicht leben kann, obwohl man sie liebt – mindestens so schlimm wie eine Heuschreckenplage!

Später in den achtziger Jahren treffen Alberta und Nadan erneut aufeinander. Sie stellen fest, dass sie einander immer geliebt haben und beschließen, gemeinsam durchzubrennen. Noch immer nennt Nadan Alberta eine „Mizzebill“ und folgerichtig scheitert auch der zweite Versuch der beiden, zueinander zu finden. Zu groß sind die Unterschiede, die sie trennen. Während Alberta lieber nach Paris durchbrennen möchte, zieht es ihren Freund eher nach Amsterdam. Schließlich landen sie in einer öden Pension in der Nähe von Mannheim und Alberta stört sich an der geschmacklosen Krawatte, den Zahnputzgeräuschen und anderen ganz normalen Lebensäußerungen Nadans, während dieser den Zigarettenkonsum Albertas verabscheut.

Die Wege der beiden trennen sich. Während Alberta nach Südfrankreich zieht, sich dort beruflich entwickelt und eine kleine Familie gründet, geht Nadan zunächst nach Arizona und kehrt später nach Deutschland zurück. Erst ihr Ehemann bringt Alberta darauf, dass die Geschichte zwischen ihr und Nadan noch nicht zu Ende ist und so treffen sich die beiden schließlich zum dritten Male.

Aufgeregt bereitet Alberta ein feudales Abendessen vor und erwartet voller Spannung ihren Liebhaber. Doch wieder wird nichts aus der erträumten Liebesnacht, statt dessen erzählt Nadan schon gleich zu Beginn von seiner schwangeren Frau und seinen Kindern. Doch jetzt endlich kann Alberta für sich das Ende der Affäre, die es eigentlich nie so richtig gab, akzeptieren, die Geschichte schriftlich verarbeiten und zurück finden zu Jean-Philippe, ihrem Mann.

Der Roman ist knapp und dicht geschrieben. Rückblenden und gewollte Wechsel zwischen dem Erzählen in der Ich-Form und in der dritten Person lockern den Text auf. Die Sprache ist locker und unverkrampft, so dass der Roman auch für jüngere Leser amüsant sein dürfte.

Gegen den Erzählstil der Autorin ist relativ wenig einzuwenden, aber insgesamt hat mich das Buch nicht so zu fesseln vermocht, wie ich es mir gewünscht hätte. Woran das liegt? Vielleicht an den etwas infantil wirkenden Charakteren oder an der Handlung, die mir banal erscheint, obwohl doch Probleme erörtert werden, die so manchem von uns das Leben und die Liebe erschweren.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Alberta empfängt einen Liebhaber
Autor: Birgit Vanderbeke
Verlag: Fischer
Seiten: 117
ISBN: 3596141982

Capri und Kartoffelpuffer

Erstellt am: Februar 8th, 2008

Bei diesem Buch handelt es sich um die Fortsetzung von Bosetzkys weitgehend autobiographischem Roman Brennholz für Kartoffelschalen. Handelte das erste Buch von der Grundschulzeit des Jungen Manfred Matuschewski, die dieser während der schwierigen ersten Nachkriegsjahre in Berlin Neukölln verbrachte, so geht es im zweiten Teil um dessen während der fünfziger Jahre verlebte Gymnasialzeit.

Im Jahre 1951 endet für Manfred Matuschweski die Grundschulzeit, er kommt aufs Gymnasium. Von Anfang an gehört er nicht gerade zu den Überfliegern der Klasse, stets plagt ihn die Sorge, wegen unbotmäßigen Verhaltens oder wegen mangelhafter Leistungen von der Schule zu fliegen – einmal rettet ihn nur noch die sofortige Anmeldung zur Konfirmation vor dem vorzeitigen Ende seiner Gymnasiallaufbahn. Statt für die Schule zu büffeln treibt sich der Junge viel lieber auf dem Sportplatz herum, wo er zunächst als Fußballtorwart und später als Leichtathlet sein Glück versucht. Auch in Schmöckwitz, bei seiner geliebten Oma, fühlt sich der Jugendliche bedeutend wohler als in der Schule. Dort, in der wasserreichen Landschaft im Süden Berlins möchte er, wie weiland die Amazonasentdecker, aufregende Abenteuer mit dem Boot erleben.

Doch nicht nur Sport und Abenteuer wecken Manfreds Begeisterung, sondern er beginnt sich auch für Mädchen zu interessieren. Er träumt davon mit einer angeschwärmten Sängerin, Filmschauspielerin oder zumindest doch mit einer Mitschülerin ausgehen zu können. Je älter er wird, um so mehr leidet er darunter, keine Freundin zu haben und „Es“ immer noch nicht getan zu haben.

Die Familie des Jungen genießt derweil das langsam auch in Berlin spürbar werdende Wirtschaftswunder. Endlich kann man in eine neue Wohnung umziehen und es ist immer genug zu essen da, sogar eine erste Urlaubsreise, nach Farchant in der Nähe von Garmisch, steht auf dem Programm.

Doch nicht nur der Elan des Wiederaufbaus ist an allen Ecken und Enden fühlbar, auch die Teilung der Stadt Berlin wird von Jahr zu Jahr deutlicher. Noch ist die Mauer nicht gebaut, aber die politische Trennung in Ost- und Westsektor, ist längst vollzogen, und langsam tut sich die Kluft, die zwischen den beiden Stadthälften immer tiefer wird, auch in den Köpfen und Herzen der Menschen auf. Noch feiern Freunde und Verwandte aus beiden Teilen der Stadt gemeinsame Feste, noch trifft man sich regelmäßig zu kleinen und auch größeren Besäufnissen, aber häufig gerät man in Streit über politische Themen.

Ebenso wie der erste Band glänzt auch die Fortsetzung durch hohe Authentizität und einen lebendigen, farbigen Erzählstil, jede Zeile erscheint glaubwürdig und echt. Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefragt, ob Bosetzky ein unglaublich gutes Gedächtnis hat oder ob er über viele Jahre hinweg akribisch Tagebuch geführt hat, denn manche Szenen sind so detailliert geschildert, als sei der Autor erst vor wenigen Stunden Zeuge des Ganzen gewesen. Die Berliner Örtlichkeiten in Ost und West sind so treffend beschreiben, dass jeder, der sich auskennt, die Gegend wiedererkennt. Zu meiner persönlichen Freude wird, wenn auch nur in einem Nebensatz, sogar das Krankenhaus Moabit, in dem ich zu jener Zeit allerdings noch nicht gearbeitet habe.

Bosetzky lässt seine Leserschaft nicht nur an den politischen Turbulenzen in Berlin teilhaben sondern auch am seelischen Auf und Ab eines heranwachsenden Jungen. Einfühlsam schildert er die Aufregungen, die durch das Erwachen des Sexualtriebes hervorgerufen werden und er konfrontiert uns mit dem lähmenden Entsetzen, das Manfred befällt, als er die Nachricht vom Tode eines gleichaltrigen Freundes erhält.

Doch ein politisches Ereignis jener Zeit, das für Berlin weiß Gott nicht ganz unwichtig war, lässt der Roman aus – den Volksaufstand des siebzehnten Juni 1953! Für mich ist das schwer zu verstehen, wo doch ansonsten der Autor den historischen Gegebenheiten jener Jahre viel Raum gibt. Manchmal ist er dabei sogar für meine Begriffe etwas zu weitschweifig – warum zum Beispiel zitiert er den kompletten Wortlaut der Radioreportage des 1954er WM-Endspiels, die doch sowieso (fast) jeder auswendig kennt?

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Capri und Kartoffelpuffer
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: Fischer
Seiten: 519
ISBN: 3596139929

U-571

Erstellt am: Februar 8th, 2008

„Das Einzige, was mir im Krieg wirklich Angst eingejagt hat, war die U-Boot-Gefahr“, hat Winston Churchill einmal gesagt.

Wie groß diese Gefahr tatsächlich war, aber wie sehr auch ein U-Boot und seine Besatzung gefährdet waren, wird deutlich in dem Roman U-571. Er schildert den gleichnamigen Film, der wiederum auf dem Drehbuch von Jonathan Mostow, Sam Montgomery und David Ayer nach einer Geschichte von Jonathan Mostow basiert. Der Autor Max Allan Collins – er gilt als einer der vielseitigsten und erfolgreichsten amerikanischen Autoren – hat diesen fiktiven U-Boot-Kriegsroman, der nur zum Teil auf tatsächliche historische Begebenheiten zurückgeht, niedergeschrieben und mit vielen Einzelheiten ausgeschmückt.

Doch worum geht es? Es ist Krieg, Frühjahr 1942. Im Nordatlantik sind die Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen und den Alliierten voll entbrannt. Als das deutsche U-Boot 571 von einem gegnerischen Zerstörer getroffen wird, versuchen die Amerikaner, es in Besitz zu nehmen. Ihr Interesse gilt der Enigma-Kodiermaschine, mit der die deutsche Besatzung ihre Nachrichten verschlüsseln. Dock kaum haben sie das deutsche U-Boot geentert, wird ihr eigenes von einem Torpedo getroffen. Nun sitzen sie auf dem beschädigten deutschen U-Boot fest wie in einer Mausefalle. Das Nazi U-Boot wird für eine kurze Zeit ihr Zuhause. Wie sie aus diesem Dilemma heraus kommen, das sei hier nicht verraten, um all jenen, die gerne Kriegsbücher lesen, die Spannung nicht zu verderben. (Ursula Homann)

Titel: U-571
Autor: Max Allan Collins
Verlag: Heyne
Seiten: 255
ISBN: 3453178742

Choral am Ende der Reise

Erstellt am: Februar 8th, 2008

Gewiss, in letzter Zeit hat es ziemlich viel Rummel um die längst versunkene „Titanic“ gegeben und speziell nach dem riesigen Erfolg des Filmes gibt es nicht wenig, die von dem Schiff weder etwas hören noch etwas sehen und auch nichts mehr lesen wollen.

Ihnen allen sei trotzdem das Buch „Choral am Ende der Reise“ empfohlen, denn es ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es geht in dem Buch um die Mitglieder des Bordorchesters, die bekanntlich ausnahmslos bei der Katastrophe ertrunken sind.

Allerdings beschreibt der Autor nicht die Musiker, die tatsächlich an Bord waren, sondern er hat die Lebensläufe der Figuren frei (und sehr, sehr gut) erfunden. Obwohl man von vornherein, weiß, welch trauriges Ende der Geschichte beschieden ist, bleibt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite absolut spannend; die Vita jedes einzelnen Musikers ist ergreifend und glaubwürdig erzählt.

Da ist der Mann, der in jungen Jahren seine geliebten Eltern verliert und der nachdem er die Tiefen des Lebens durchwandelt hat, auf dem Schiff landet; oder der Russe, der in vorrevolutionärer Zeit sich von einem begnadeten Kabarettisten, der aber auch ein gemeiner Dieb und Lügner ist, missbrauchen ließ. Wir begegnen Leo, der von dem unstillbaren Wunsch, ja der Sucht getrieben wird, etwas Großes zu schaffen, ein Meisterwerk zu komponieren und der zerbricht, weil er dazu nicht fähig ist.; oder David, dem jungen Juden aus Wien mit seiner unglücklichen Liebesgeschichte.

Die letzte Passage widmet sich dem alten und mittlerweile gelegentlich etwas verwirrten Petronio, der früher mit den Puppenspielern durch die Lande zog. Alle ist so gut und detailliert geschildert, das Schiff selbst ist so genau beschrieben, dass man es mitunter plastisch vor Augen zu haben glaubt und der Eindruck entsteht, der Autor sei selber an Bord gewesen.

Eric Fosnes Hansen ist ein relativ junger Mann (Jahrgang 65), ich denke, er hat noch ein große Zukunft vor sich. Wer mit fünfundzwanzig Jahren (das Buch stammt aus dem Jahre 1990) einen solchen Roman schreiben kann, der hat das Zeug zu einem Schriftsteller von Weltrang zu werden.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Choral am Ende der Reise
Autor: Erik Fosnes Hansen
Verlag: Fischer
Seiten: 506
ISBN: 359650211X

Zum sechsten Mal wird am 9. März der Deutsche Hörbuchpreis vergeben. Ausgezeichnet werden die besten Hörbuchproduktionen des Vorjahres in sieben Kategorien.

Als „Das besondere Hörbuch/Regie“ kürt die Jury die opulente Hörspielproduktion „Die Ästhetik des Widerstands“ nach dem gleichnamigen Roman von Peter Weiss. Preisträger ist Karl Bruckmaier, der die umfangreiche literarische Vorlage für das Radio bearbeitete und inszenierte. Der Roman, der anhand einer fiktiven Biographie die Niederlagen der europäischen Linken im 20. Jahrhundert reflektiert, wird in der 12-stündigen Hörbuchproduktion auf seine Aktualität befragt, wobei auch seine spezifische Ästhetik und die Rolle „engagierter“ Literatur in neuem Licht erscheinen. Für Karl Bruckmaier, der hauptberuflich Kritiker ist, war das Projekt der „berufliche Glücksfall meines Lebens“. Die Produktion des Bayerischen und des Westdeutschen Rundfunks ist 2007 im Hörverlag erschienen.

Der Preis für die „Beste Interpretin“ geht an die Schauspielerin Anna Thalbach für ihre Lesung des Romans „Paint it black“ der amerikanischen Bestsellerautorin Janet Fitch. Die Story handelt von Liebe und Trauer im Los Angeles der 1980er Jahre: Eine junge Frau, die erst die große Liebe, dann den rätselhaften Selbstmord des Geliebten erlebt, gerät bei der Suche nach Erklärungen unversehens selbst in Gefahr. In den USA führte es lange die Bestsellerliste der New York Times an. Als Hörbuch produziert wurde die spannende Geschichte vom Verlag Lübbe Audio.

Anna Thalbach wird in Köln noch eine weitere Auszeichnung in Empfang nehmen können. Zusammen mit der Schauspielerin Anna Carlsson, beide Jahrgang 1973, erhält sie ebenfalls den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Bestes Kinder- und Jugendhörbuch“ für die gemeinsame Lesung des Briefromans „Liebe Tracey, liebe Mandy“. Thalbach und Carlsson geben ihre Stimmen zwei 16-jährigen Mädchen, die eine Brieffreundschaft pflegen und sich über die Schule, ihr Familien- und Liebesleben austauschen. Doch aus dem harmlosen Briefwechsel wird eine sehr ernste Sache, als eine der beiden ihr großes Geheimnis aufdeckt. Das Audiobook nach dem Roman des australischen Jugendbuchautors John Marsden ist erschienen im Verlag Beltz & Gelberg. Der Deutsche Hörbuchpreis wird außerdem in den Kategorien „Beste Fiktion“, „Beste Information“, „Bester Interpret“ und „Beste verlegerische Leistung“ vergeben. Die weiteren Preisträger stehen am 11. Februar fest. Preisstifter ist der Verein Deutscher Hörbuchpreis. Ihm gehören der WDR, die WDR mediagroup, das Nachrichtenmagazin FOCUS und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels an. Vorstandsvorsitzender ist Wolfgang Schmitz, Hörfunkdirektor des WDR. Ausgezeichnet werden die besten und innovativsten Hörbücher aus dem Erscheinungsjahr 2007, für die ein Gesamtpreisgeld von mehr als 23.000 Euro bereitsteht. Aus den rund 400 Einreichungen wurden von einer Vorjury 18 Hörbücher und drei Verlage nominiert. Der Jury gehörten wieder namhaften Expertinnen und Experten an: Reiner Unglaub, ehemaliger Geschäftsführer der Bayerischen Blindenbibliothek München; Prof. Dr. Gert Ueding, Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen; Dr. Holger Schulze, Leiter des Studiengangs Sound Studies – Akustische Kommunikation an der Universität der Künste Berlin; Lothar Sand, Leiter Leseförderung beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels; Sabine Postel, als Schauspielerin mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichnet und dem Publikum u.a. als Bremer „Tatort“-Kommissarin bekannt; Ralf Niemczyk, Journalist und Hörbuchproduzent, sowie Anna Mikula, Autorin und Lektorin aus Hamburg.

Die Preise werden bei einer Galaveranstaltung im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals „lit.COLOGNE“ am 9. März im WDR-Funkhaus in Köln überreicht.

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