Geschichte eines Deutschen
Sebastian Haffner ist sieben Jahre alt, als der erste Weltkrieg ausbricht.
Obwohl der Junge, wie alle anderen auch, im Laufe der Kriegsjahre Not und Entbehrungen kennenlernt, ja zeitweise auch hungern muss, empfindet er den Krieg weniger als die Katastrophe, die er war, vielmehr erlebt er ihn als eine Art spannendes Spiel, einen länderübergreifenden Wettkampf, so ähnlich wie ein heutiger Zeitgenosse vielleicht eine Fußball- WM.
Nach dem Waffenstillstand fühlt er eine deprimierende Leere - ihm fehlen die aufregenden täglichen Frontberichte, die erlogenen Erfolgsmeldungen. Erst das Jahr 1923 mit seiner Hyperinflation bringt für ihn und seine Altersgenossen zumindest vorübergehend die erregende Spannung zurück.
Während der kurzen Blütezeit der Weimarer Republik, in der Gustav Stresemann in seiner Funktion als Außenminister Deutschland in ein ruhigeres Fahrwasser führte, erwacht langsam das politische Verständnis des jungen Haffner.
Schon jetzt empfindet er die Nazis, die sich unaufhaltsam zu einer immer ernster zu nehmenden politischen Kraft im Lande entwickeln als nahezu unerträglich. Schon im Januar 1933, als sie an die Macht kommen, verspürt Haffner, der mittlerweile als Referendar am Berliner Kammergericht ist, eisiges Entsetzen, er ahnt, dass eine schlimme Zeit heraufzieht.
Bereits in den ersten Monaten ihrer Herrschaft nehmen die Nazis Schritt für Schritt immer größere Bereiche nicht nur des politischen sondern auch des privaten Lebens aller Deutschen unter ihre Fuchtel.
Sie überfallen Wehrlose, verschleppen und töten vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner, rufen zum Boykott aller jüdischen Geschäfte auf, sie ersetzen kritische Beamte durch willfährige Diener, beseitigen die Pressefreiheit, erteilen Autoren Schreibverbote. Alle Parteien, außer der NSDAP sind aufgelöst und die Nazis kontrollieren Ämter und Behörden, Schulen, Vereine und Kirchen; und sogar im engsten Bekanntenkreis verwandeln sich Menschen, die gerade noch gute Freunde waren, in politische Gegner, vor denen man auf der Hut sein muss.
Obwohl Haffner als “Arier” und Sohn aus gutbürgerlich konservativem Hause nicht zu den bevorzugten Opfergruppen der Nazis gehört, fehlt ihm in Deutschland schon bald die Luft zum atmen, kann er die Brutalität, die Dummheit, Feigheit, Borniertheit und Kulturlosigkeit der neuen Machthaber kaum noch ertragen, so dass er sich entschließt, so bald wie möglich das Land zu verlassen.
Haffner war gerade einmal 32 Jahre alt, als er im Exil den Text zu jenem Buch niederschrieb. Obwohl seitdem mittlerweile etliche Jahre vergangen sind, gibt es wohl nur wenige Bücher, die sich so klug, so weitblickend, so engagiert mit den Ereignissen von damals auseinandersetzen. Der Autor erzählt seine eigene Geschichte und reflektiert dabei über das, was in Deutschland und mit den Deutschen geschehen ist und warum gerade sie den Nazis so wenig Widerstand entgegensetzen konnten. Dabei nervt er nicht mit irgendwelchem Geschwätz und pseudoklugem Gelabere, er langweilt nicht mit endlosen theoretischen Erörterungen, sondern das Buch liest sich bei alledem spannend und unterhaltsam wie ein gut geschriebener Roman.
In den ersten Kapiteln, wo er über die Weimarer Zeit berichtet brilliert Haffner mit feinem Humor und treffender Ironie. Später, wenn er von den Nazis spricht, weicht diese Ironie beißenden Zorn und ohnmächtiger Wut - Haffner ist buchstäblich das Lachen vergangen. Mir imponieren die Klarheit seines Blicks und der Mut, die Konsequenz und die moralische Größe seines Handelns.
Obwohl er selber (noch) nicht zu den politisch Verfolgten und unmittelbar Bedrohten gehört, entschließt sich Haffner zur Emigration - einfach weil die Nazis, wie er selber sagt, seiner Nase nicht passen, weil er nichts zu tun haben will mit den Leuten, die Juden in KZs sperren und töten, jeden Andersdenkenden verfolgen, Bücher verbrennen und das gesamte Leben in Deutschland mit dem Pesthauch der Bosheit und Dummheit überziehen. - Das hat Stil! Dabei hatte 1939, in dem Jahre, in dem der zweite Weltkrieg ausbrach und Haffner diesen Text niederschrieb, das Grauen in Deutschland bei weitem noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, war Auschwitz noch ein weithin unbekanntes Städtchen in Polen.
Das Buch ist heute noch genau so aktuell wie vor sechzig Jahren und es taugt nicht nur zur Erklärung der damaligen Ereignisse, sondern es kann auch dazu dienen, den Blick für die unerfreulichen Dinge, die heute wieder in unserem Lande geschehen, zu schärfen. Man sollte seine Lektüre gerade jungen Menschen, deren politisches Weltbild noch formbar ist, eindringlich ans Herz legen.
Die “Geschichte eines Deutschen” ist (vielleicht neben den Lebenserinnerungen von Reich - Ranicki) eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland.
Titel: Geschichte eines Deutschen
Autor: Sebastian Haffner
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt
Seiten: 239
ISBN: 3421054096
Abgelegt unter Kultur und Geschichte
