Der Sinn und die Sinne



Das Buch handelt von alten und neuen Medien und lässt die wichtigsten Stationen der Mediengeschichte Revue passieren. Immerhin erfährt und versteht sich die heutige Weltgesellschaft im Übergang zum dritten Jahrtausend in erster Linie als Medien- und Informationsgesellschaft.

Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler an der Universität Mannheim, sieht die frühe Medienwelt, im Bann von Stimme und Schrift, sinnzentriert, während sich die neue Medientechnik an die Sinne wendet und neue Kommunikationsverhältnisse schafft. Am Anfang, stellt der Autor fest, war der Sound, der Urknall vor etwa 12 Milliarden Jahren. In der Bibel heißt es: Zunächst war das Wort, das dann stimmlich erklingt. Ein eigenes Kapitel ist daher den Stimmen gewidmet. Da der Schöpfergott weder durch schriftliche Erlasse noch durch das Medium Geld den Kosmos erschaffen hat, kommt Hörisch zu folgendem Resultat: Sprechen rangiert als vorrangiges, Schreiben als sekundäres und Geld als pervers-artifizielles Medium.

Dass Menschen in essentieller Weise sprachbegabte Wesen sind, stellt auch Hörisch nicht zur Diskussion, aber er sieht in ihnen auch Wesen, die Bilder schaffen und Bilder benötigen. Vom Menschen als einem „Homo pictor“ zeugen beispielsweise die berühmten Höhlenbilder in Lascaux.

Selbst Medienkritik hat es in der Antike schon gegeben. Platon hat sie geübt, als er das Abbild als defizienten Modus der reinen Idee abtat. Von hier aus schlägt der Autor eine Brücke zum frühen Monotheismus und religiös begründeten Bilderverbot, das im Islam noch heute besteht, während das Christentum die Lust am Bildermachen nie verworfen hat. Die Entstehung der Schrift, des phonetischen Alphabets mit 24 Buchstaben durch die Griechen, die Gründung der ersten Bibliothek wird beleuchtet sowie das Aufkommen von Buchdruck, Presse und Post. In den letzten Kapiteln geht es um neue Übertragungsmedien, um Radio, Fernsehen, CD-Rom, Computer und Internet

Im Gegensatz zur vorfotografischen, durch Bilderarmut gekennzeichneten Zeit leben wir heute in einer Epoche der Bilderflut. Wird das Buch eines Tages veralten? Der Autor glaubt nicht daran und hat, zusammen mit Robert Gernhardt, dafür gute Gründe.

Hörisch ergeht sich in diffizilen und geistreichen Gedankengängen, die hier nur oberflächlich und skizzenhaft angedeutet werden können. Doch so viel sei verraten: der bebilderte und sorgfältig, geradezu bibliophil gestaltete Band bereitet nicht nur ein intelligentes, sondern auch ein ästhetisches Vergnügen. Er stammt aus Enzensberger „Anderer Bibliothek“, der angeblich „schönsten Buchreihe der Welt“ (so die Wochenzeitung „Die Zeit“ ) und ist ein wahres Schmuckstück.

Titel: Der Sinn und die Sinne
Autor: Jochen Hörisch
Verlag: Eichborn Verlag
Seiten: 441
ISBN: 3821841958

Abgelegt unter Wirtschaft und Soziales

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