„Bach hören – Eine Anleitung“ im Reclam-Verlag



Ausschnitte aus Johann Sebastian Bachs Leben und Werk

Ohne Zweifel ist Johann Sebastian Bach der größte Musiker, der je gelebt hat. Seine Musik ist so universell und zeitlos, dass sie sogar durch die verschiedensten Praktiken entstellt nichts von ihrer Qualität verliert. Bachs musikalisches Werk ist der Höhepunkt des musikalischen Barock und Vorbild und Inspirationsquelle für alle späteren Komponisten. Außer Oper und Ballett umfasst sein Gesamtwerk alle Gattungen seiner Zeit, wobei es keine schwächeren Stücke gibt. Zu jener Zeit waren musikalisches Amt und kompositorisches Schaffen noch eng miteinander verbunden. So schuf Bach Gebrauchsmusik im besten Sinne des Wortes, wozu neben Kirchenkantaten auch pädagogische Werke für Cembalisten und Organisten zählen. Über Leben und Werk Bachs gibt es viele musikwissenschaftliche Handbücher, die sich besonderen Gattungen widmen oder einen Gesamtüberblick geben wollen. Sie setzen meist musiktheoretische Grundkenntnisse voraus. Der Kirchenmusiker und Musikwissenschaftler Michael Wersin möchte mit seinem Buch „Bach hören – Eine Anleitung zum Hören“ in komprimierter Form auch musikalischen Laien die großartige Musik des Meisters näherbringen. Auf etwa 170 Seiten stellt er exemplarisch die wichtigsten Gattungen von der Klaviermusik bis zu den Kirchenkantaten vor. Dazu erklärt er die wichtigsten theoretischen Grundlagen. Denn wer sich länger in Bachs komplexe und dennoch emotionale Musik hineingehört hat, möchte bald etwas mehr davon verstehen. Wersin schreibt fundiert, aber verständlich. Er bringt zu den vorgestellten Werken die passenden biographischen Geschichten ein, denn Leben und Werk lassen sich bei Bach, der die Musik im lutherschen Sinn als von Gott gegeben und die Komposition als Handwerk betrachtete, nicht voneinander trennen. Im Detail wird beschrieben, wie sich Bach Kompositionsarten von Vorgängern und Zeitgenossen aneignete und sie zu höchster Geistigkeit im Sinne von Ausdruck und Ordnung steigerte. Dazu gehören die kontrapunktische Polyphonie in den Fugen, das Mit- und Gegeneinander im Concerto Grosso, eine von den musikalisch-rhetorischen Figuren geprägte Affektdarstellung in vielen Kantatenarien und die musikalische Ordnung in ausgewogenen Proportionen und Symmetrien mit Höhepunkten in der „Kunst der Fuge“ und dem „Musikalischen Opfer“. Gemäß der lutherischen Musikauffassung gab es für Bach keine Trennung von weltlicher und geistlicher Musik, alles war „Soli Deo Gloria“. So machen geistliche Kantaten und Sätze aus der h-moll-Messe zu Recht den größten Teil des Buches aus. Ausführlich geht Wersin auf Bachs Religiosität ein, die von der lutherischen Orthodoxie geprägt ist.

Die musikanalytischen und theologischen Erklärungen werden didaktisch klug vorgestellt in einer Reihenfolge, wie viele Bachs Musik kennengelernt haben. Zunächst werden die Inventionen und Sinfonien erklärt, für die meisten Klavierspieler die erste Bekanntschaft mit Bach. Eingebettet in biographische Daten des jungen Bach wird die C-Dur-Invention ausführlich analysiert. Für Organisten sind die Choralvorspiele aus dem „Orgelbüchlein“ eine erste Schulung für höhere Aufgaben. Am Beispiel von „Vom Himmel kam der Engel Schar“ wird Bachs Choralbearbeitungstechnik vorgestellt. Nach der Vorstellung der verschiedenen Stimmungsarten bei Tasteninstrumenten werden aus dem „Alten Testament der Klavierspieler“, dem Wohltemperierten Klavier, Präludium und Fuge in d-moll aus dem ersten Teil präsentiert. Die lehrbuchhafte Fuge ist bestens geeignet, diese in Bachs Werk wichtige musikalische Form zu erklären. Nach der Vorstellung von Bachs lutherischem Theologieverständnis wird am Beispiel einiger Kantatensätze sein „theologischer Tiefgang“ erklärt. In der weltlichen Musik gilt Bach als Erfinder des Klavierkonzerts. Das berühmte d-moll-Konzert, geschrieben für Musiker eines Leipziger Kaffeehauses, gilt als Bearbeitung eines Violinkonzertes und ist ein Paradebeispiel dafür, wie Bach das Concerto zum Höhepunkt führte. Das Parodieverfahren, das Bach nicht nur aus Zeitgründen öfters anwandte, zeigt Wersin am Beispiel der Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ und dem Crucifixus der h-moll-Messe. Das letzte Kapitel ist zwei Alterswerken gewidmet, die als Gipfel ihrer Gattungen gelten, die „Kunst der Fuge“ und die „Goldberg-Variationen“. So schließt sich der Kreis von den relativ einfachen Inventionen für Klavierschüler bis zu den schwierigen Variationen, die große Klaviervirtuosen ins Schwitzen bringen. Eine tabellarische Lebenschronik in Stichworten, weiterführende Literatur und CD-Tipps sind im Anhang aufgeführt.

Zielgruppe dieses Buches sind weniger Berufsmusiker oder Musikwissenschaftler, denen nicht die Grundbegriffe erklärt werden müssen. Aber es gibt viele Musikfreunde, die beim Hören der Musik Bachs mehr verstehen und in den Kosmos von Bachs Genialität eindringen wollen, ohne mit Theorie überfrachtet zu werden. Einen besonderen Service gibt es für diejenigen, die keine Noten lesen können. Unter www.reclam.de/special/bach_hoeren lassen sich die Notenbeispiele abhören. Auch erfahrene Musiker können etwas zum neuesten Stand der Bachforschung und den theologischen Hintergründen lernen. (Johannes Kösegi)

Michael Wersin: Bach hören – Eine Anleitung; 176 Seiten mit 22 Abbildungen und 26 Notenbeispielen; ISBN: 978-3-15-020207-4; Preis 11,95 Euro

Abgelegt unter Aktuelle Erscheinungen

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.



DigitalVD.de News-Reader zum kostenlosen Download DigitalVD.de News-Reader

Der DigitalVD.de News-Reader ist eine kostenlose Software mit der Neuheiten aus der DVD- und Heimkino-Szene automatisch auf dem eigenen PC gelesen werden knnen. Ihr werdet kostenlos und automatisch rund um die Themen Film und Heimkino auf dem Laufenden gehalten.

[Beschreibung und Download]