„Autos – Arbeit – Ausländer“ im Delius Klasing Verlag



Autos - Arbeit-AuslaenderDie Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm

Max Frischs berühmter Satz „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen“ macht sich gut in Sonntagsreden jenseits des Arbeitsalltags. Wie es jedoch in der Wirklichkeit aussieht und wie sich die Geschichte und Wahrnehmung ausländischer Arbeitnehmer von den „Gastarbeitern“ bis zu den „Menschen mit Migrationshintergrund“ änderte, demonstriert der Historiker Arnd Kolb in seiner Studie „Autos – Arbeit – Ausländer“ am Beispiel des Audi-Werks in Neckarsulm.

Zwei Dinge zeichnen dieses große Unternehmen aus, seine Menschen und seine Produkte. Die meisten Publikationen befassen sich mit den Erzeugnissen, die seit über 125 Jahren die Werkstore im Unterland verlassen. Dazu gehört vom Fahrrad über das Motorrad bis zum Auto vieles, was die Menschen mobilisierte, darunter Berühmtheiten wie Prinz, Ro 80 bis zum aktuellen Spitzenmodell A8. Die Menschen, die findigen Arbeiter, die mit ihrem Einsatz die Qualität dieser Produkte aus Neckarsulm sicherten, standen bisher in den gedruckten Veröffentlichungen meist im Schatten der Modellvielfalt. Die Zusammensetzung dieser „Schaffer“ und „Tüftler“ war einem ständigen Wandel unterworfen. Dabei ist das Bild vom schwäbischen Erfindergeist eine Illusion, denn seit der Gründung der Neckarsulmer Strickmaschinenfarbrik 1884 arbeiten Menschen vieler Nationen an den Werkbänken des größten Arbeitgebers der Region. Ihre Zahl nahm besonders während der Wirtschaftswunderjahre nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich zu, als erstmals gezielt ausländische Arbeitnehmer angeworben wurden. Dies machte die Vollbeschäftigung in den 1960er Jahren mit einer sensationellen Arbeitslosenquote von 0,1% im Arbeitsamtsbezirk Heilbronn zwingend nötig.

Ständige Produktionssteigerungen ließen die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer auf fast 43% der Belegschaft ansteigen, das war weit mehr als bei Volkswagen in Wolfsburg. Der wirtschaftliche Aufschwung von Audi-NSU wäre ohne ihren Einsatz undenkbar. Heute haben noch 13% der rund 13.000 Mitarbeiter in Neckarsulm einen ausländischen Pass, neben einer statistisch nicht erfassten noch größeren Zahl von Arbeitern mit ausländischen Wurzeln. Viele von ihnen sind Migranten der ersten Stunde, was beweist, dass es Menschen mit Migrationshintergrund schon lange in Deutschland gibt. Dieses Buch will vor allem dazu beitragen, dem bei vielen Deutschen noch vorhandenen Unverständnis von Migrationsbewegungen zu begegnen, indem es mit einer präzisen Bestandsaufnahme die historischen Abläufe der Arbeitsmigration vor Ort bis heute aufzeichnet. Im Mittelpunkt stehen die fünf Jahrzehnte von 1955, dem Beginn der offiziellen Anwerbung, bis 2005, als sich die deutsche Politik dazu bekannte, ein Einwanderungsland zu sein. Der chronologische Rahmen umfasst die wichtigsten Etappen der deutschen Ausländerpolitik und parallel dazu die Entwicklungsstationen von der Traditionsmarke NSU zum Premiumhersteller Audi.

Dieses Buch trägt dazu bei, die Migrationsforschung aus alltags- und unternehmensgeschichtlicher Sicht zu bereichern. Dazu führte der Autor mehrstündige Interviews zu den Arbeits- und Wohnbedingungen mit etwa 40 Personen, darunter sind einfache Arbeiter, Migranten von der ersten bis zur dritten Generation sowie Entscheidungsträger der Firma, des Betriebsrates und der Stadt Neckarsulm. Viele interessante Einzelschicksale kommen zum Vorschein, etwa der Aufstieg des 1975 aus Kroatien eingewanderten Josip Juratovic, der es vom einfachen „Audianer“ bis zum Bundestagsabgeordneten geschafft hat. Der Wandel der Audi AG zum Global Player brachte neue Typen der Arbeitsmigration hervor, etwa ausländische Fachkräfte aus Asien, die weltweit einsetzbar sind und ihre berufliche Karriere und Migrationsbiografie selbständig steuern können. Arnd Kolbs akribische Recherche, Fußnoten, belegte Zitate und ausführliche Verzeichnisse am Ende verleihen dem Buch einen wissenschaftlichen Charakter. Dennoch ist es keine trockene Abhandlung mit abstraktem Schreibstil. Zudem gelingen dank der umfangreichen und hochwertigen Bebilderung Einblicke in das Leben der Menschen, ohne die der bis heute anhaltende wirtschaftliche Erfolg von Audi undenkbar wäre. Das Layout ist vorbildlich, wichtige Ereignisse und Informationen sind in Kästen besonders hervorgehoben.

Fazit: Arnd Kolb beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Arbeitsmigration bei Audi in Neckarsulm von den Anfängen bis heute. Daneben zeichnet er ein facettenreiches Bild vom Alltagsleben in der Stadt mit bislang unbekannten Aspekten, die die Werksgeschichte aus einem neuen Blickwinkel illustrieren. (Johannes Kösegi)

Arnd Kolb: Autos – Arbeit – Ausländer / Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm; 192 Seiten, 43 Farbfotos, 163 S/W Fotos, 18 farbige Abbildungen, 5 S/W Abbildungen; ISBN 978-3-7688-3376-9; Preis 19,90 Euro

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